Orte des Heiligen
Warum Kirchbauten für unsere Gesellschaft unverzichtbar sind
Von
Uwe Koß
Wenn man jemanden über die Bedeutung von Kirchbauten für eine Gesellschaft befragen müsste, dann würde man wahrscheinlich die deutlichste Antwort von jungen Computerspielern bekommen: »Kirchen? Unverzichtbar.«
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epd
 Die Dresdner Frauenkirche. Der Wiederaufbau der kriegszerstörten Kirche dauerte über elf Jahre.
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Was zunächst etwas merkwürdig anmutet, fragt man doch eine Gruppe, die beim sonntäglichen Kirchgang eher unterrepräsentiert ist, klärt sich bei deren Erzählungen von Computerspielen deutlich auf. Kein Strategiespiel seit der über 2,5 Millionen verkauften legendären Reihe des Aufbauklassikers »Civilization« von Sid Meier kommt ohne das Element von Tempeln, Kirchen und Kathedralen aus. Aufgabe in diesen Spielen ist es, eine Gesellschaft von der Steinzeit in das 21. Jahrhundert voranzubringen, indem man im Spiel Häuser, Straßen und andere Gebäude baut, Technologien erforscht und mit anderen Spielnationen Krieg führt und Frieden schließt.
Ein Dorf, eine Stadt kann nur bis zu einer gewissen Größe wachsen, erst durch eine Kirche (neben anderen Funktionsgebäuden wie Polizei und Feuerwehr) kann diese Gesellschaft die nächste Zivilisationsstufe und eine höhere Bevölkerungszahl erreichen. Dabei genügt es nicht »irgendwo« eine Kirche unscheinbar ins Eck zu bauen, denn jede Kirche hat nur einen begrenzten »Wirkungsradius«. Strategie und Planung ist hier angesagt, den Platz zu finden, der möglichst viele Menschen erreicht.
Interessant ist die Selbstverständlichkeit von Kirchen: In keinem dieser Spiele wird die Frage gestellt, wie viele Menschen wohl im Radius so eines Sakralbaues tatsächlich seiner bedürfen und ihn nutzen - er wird zum unverzichtbaren Bestandteil einer Gesellschaft, die sich weiterentwickelt. Kein vernünftiger Spieler würde auf den Bau und die Erhaltung von Kirchen verzichten wollen.
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Wodicka
 Anziehungspunkt für die Massen: Der Kölner Dom.
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Die Diskussion um die Erhaltung von Kirchen bei uns heute geht oft andere Wege. Die Frage, die immer wieder gestellt wird: »Brauchen wir denn alle Kirchen?« Die Betonung des Wortes »alle« in dieser Fragestellung deutet bereits an, dass die Entscheidung schon gefallen ist: Wir brauchen nicht mehr alle Kirchen. Aber wie viele Kirchen brauchen wir wirklich? Nach welchen Maßstäben bemessen wir das? Nach der Anzahl der Gemeindemitglieder? Nach deren Finanzkraft? Nach der künstlerischen Ausgestaltung? Oder entzieht sich diese Frage einer zahlenmäßigen Beurteilung, da Kirchen heilige Räume sind?
Von der Heiligkeit von Sakralräumen zu sprechen, ist heute immer noch ein Tabuthema im evangelischen Bereich. Zu sehr mögen hier noch die (politischen) Dimensionen der 68er-Bewegung ihre Ausläufer haben, die forderten »Wohnungen statt Kirchen« oder »hier bauen wir Orgeln und in Afrika verhungern die Menschen«. Konsequenterweise ist der Kirchbau der 70er- und 80er-Jahre das Gemeindezentrum mit Sakralraum: Das Heilige muss sich in den Dienst der kirchlichen (Gemeinde-)Arbeit stellen, am besten der Sozialarbeit mit Kirchenasyl und Obdachlosenspeisung. Als Gottesdienstform entwickelt sich das politische Nachtgebet.
Theologisch wird das ganz konsequent gedacht: »Die jüdisch-christliche Tradition hat den sakralen Raum aufs schärfste in Frage gestellt«, so der Theologe Harvey Cox 1968.
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Mally
 Geborgen wie im Inneren einer Muschel: der Münchner Künstler Werner Mally hat den Abschiedsraum eines Regensburger Krankenhauses entworfen.
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Wie sehr ändern sich die Zeiten - der Kirchbau des ausgehenden 20. Jahrhunderts betont wieder mehr das religiöse und meditative Element; in evangelischen Kirchenbauten werden Gebetsnischen und Kerzen, die man zu einem Gebetswunsch anzünden kann, geschaffen. Als Gottesdienstformen kommen Salbungsgottesdienst und Thomasmesse dazu.
Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland beschäftigte sich auf ihrer Tagung in Leipzig vor drei Jahren mit diesem Thema und stellte ihre Kundgebung dazu unter die Überschrift »Der Seele Raum geben - Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung« (der Text und das Einführungsreferat von Fulbert Steffensky sind im Internet unter www.ekd.de/synode2003 abrufbar).
Doch die »Heiligkeit« der Räume selbst bleibt ein offenes Thema - nicht zuletzt sichtbar an der innerprotestantischen Diskussion, ob die Dresdner Frauenkirche »wieder eingeweiht« oder »wieder in Gebrauch« genommen wurde. Die Grundproblematik liegt im Verständnis der Segenshandlung von Gegenständen. In der katholischen Tradition liegt in der Weihe eine verwandelnde Kraft. Ist ein Gebäude, einmal zu einer Kirche geweiht, substanziell danach etwas anderes, ein »an und für sich« heiliges Gebäude? Eine Folge wäre, dass eine Heiligung auch wieder »zurücknehmbar« ist, also eine Kirche durch eine Handlung auch wieder »profanisiert« werden kann - wie die Frauenkirche, entweiht durch Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.
Ort des Gebets und der Predigt
Der Reformator Martin Luther sah die »Weihe« einer Kirche anders. Nicht allein durch eine »Weihehandlung« wird eine Kirche von einem Gebäude zu einem Sakralbau, sondern, so predigt Luther anlässlich der »Weihe« der Torgauer Schlosskirche 1544, eines reformatorischen Neubaus: »Damit es recht und christlich eingeweiht und gesegnet werde nach Gottes Befehl und Willen, wollen wir anfangen, Gottes Wort zu hören […] Und da ihr es nun, liebe Freunde, mit dem rechten Weihwasser des Wortes Gottes habt besprengen helfen, so greift nun auch mit mir an das Rauchfass, das ist, zum Gebet und lasst uns Gott anrufen und zu ihm beten.« Eine Kirche weihen, heißt demnach nach Luther, sie als Kirche verwenden - in ihr zu beten und Gottes Wort zu hören. Insofern kann eine Kirche »wieder eingeweiht« werden - wenn nach dem Zustand einer Kriegsruine wieder in dieser Kirche Gottesdienste stattfinden.
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Cornely
 Eine Glaswand, ein Vorhang aus dünnen Marmorplättchen, auf die mit Goldstaub eine romanische Christusfigur gedruckt wurde - die Kapelle eines Krankenhauses in Friedrichshafen.
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Doch steckt in Luthers Aussage noch ein Element mehr: Gebet und Hören auf Gottes Wort ist einerseits Gemeinschaftsaufgabe und gleichzeitig biografisch im Einzelnen verortet. Ein Ort wird nicht heilig, weil Gott heilige Stätten braucht, die für ihn ausgesondert werden, sondern der Mensch braucht biografisch Stätten, die er sich für gemeinschaftlichen Gottesdienst und Gebet aussondert und damit heiligt. So leicht man das Datum der Trauung vergisst oder sein Taufdatum im Stammbuch nachschlagen muss: Den Ort, die Kirche, wo man getauft oder getraut wurde, weiß man. Kirchen sind heilige Orte nicht durch den Vollzug einer Weiheformel, sondern sie sind heilige Orte, weil sie Räume der (unverfügbaren) Gottesbegegnung waren und sind.
Diese Dimension hat dann auch Konsequenzen für die »Profanisierung«: In einer Kirche mögen keine Gottesdienste mehr stattfinden oder sie mag baupolizeilich gesperrt sein und nicht mehr dem Gebet dienen. Aber in dieser Kirche wurden Menschen getauft und getraut, haben Menschen in Zeiten der Not und Bedrängnis Hilfe von Gott im Gebet gesucht. Eine Kirche ist mit den biografischen Daten von Menschen verknüpft. Selbstverständlich mag es Gründe für die Aufgabe von Kirchen geben - manche wurde im Krieg zerstört oder lässt sich aus baulichen Gründen nicht mehr retten. Doch je nach Verbundenheit eines Menschen mit seiner eigenen Biografie schmerzt dieser Punkt schwächer oder stärker.
Dienst an der Gemeinschaft
Aber Kirchen sind eben nicht nur individualbiografische Bezugspunkte, sondern das darin stattfindende Gebet und das Hören auf Gottes Wort sind Gemeinschaftsaufgabe. Kirchen verrichten mit ihren Gottesdienstangeboten, mit offenen Kirchen, die zum Gebet einladen, einen Dienst an der Gemeinschaft, an der Stadt und an dem Dorf. Katastrophen wie der 11. September oder die Geiselentführungen im Irak lassen das latent wahrscheinlich immer vorhandene Bedürfnis nach Räumen der Gottesbegegnung sprunghaft wachsen. Menschen spüren in sich diese Sehnsucht nach Ruhe und Tiefe, nach Gottesbegegnung, nach dem Heiligen. Eine Sehnsucht, die in den anderen Räumen, in denen sich diese Menschen bewegen - öffentlichen Gebäuden wie privaten Wohnhäusern - nicht erfüllt werden kann, wie die übervollen Kirchen zu diesen Ereignissen zeigen.
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Kirchen sind als Orte des Heiligen, der Gottesbegegnung im Gebet und Hören auf Gottes Wort einzigartig. Vielleicht ist das der Grund, warum auch Computerspieleerfinder bei ihren Strategiespielen auf Kirchen nicht verzichten können.
Der Autor Uwe Koß ist bayerischer Pfarrer und arbeitet als Referent der »Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland«.
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Alle Folgen der Serie » Kirchen + Räume und weitere Informationen finden Sie » hier...
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