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Dieser Artikel: Ausgabe 23/2006 vom 04.06.2006
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»Keine angemessene Atmosphäre«

Landesbischof Friedrich sagt den geplanten Meiser-Gottesdienst in Nürnberg ab


Am 8. Juni, dem 125. Geburtstag Hans Meisers, wird es nun doch keinen evangelischen Gedenk- oder Bedenkgottesdienst geben. Landesbischof Johannes Friedrich hat ihn abgesagt. Die innerkirchliche Unsicherheit im Umgang mit der causa Meiser bleibt indes mit Händen zu greifen.

Schwierige Entscheidung: Landesbischof Johannes Friedrich (rechts), hier bei der Pressekonferenz in Nürnberg, hat den geplanten Meiser-Gottesdienst abgesagt. Neben ihm Pressesprecherin Susanne Hassen und Dekan Michael Bammessel.
Foto: Fechter
   Schwierige Entscheidung: Landesbischof Johannes Friedrich (rechts), hier bei der Pressekonferenz in Nürnberg, hat den geplanten Meiser-Gottesdienst abgesagt. Neben ihm Pressesprecherin Susanne Hassen und Dekan Michael Bammessel.

Den Ausschlag für den Sinneswandel Friedrichs, den dieser bei einer Pressekonferenz in Nürnberg begründete, gab die wachsende innerkirchliche Kritik an der Veranstaltung. Das Dekanat Nürnberg hatte schon vor Wochen um die Absage gebeten, nachdem Arno Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde, einen harschen Protestbrief an den Landesbischof und eine Kopie davon an eine Nürnberger Boulevardzeitung gesandt hatte.

Es folgte ein weiterer Brandbrief, diesmal von Professor Wolfgang Stegemann, dem Vorsitzenden des Grundfragenausschusses der Landessynode (wir berichteten). Und auch von einem Lorenzer Kommentargottesdienst und der dort zu Tage getretenen Stimmung an der Kirchenbasis hatten die Emissäre des Bischofsbüros nichts Gutes nach München zu melden. »Es scheint in Nürnberg augenblicklich keine Atmosphäre zu geben, in der ein solcher Gottesdienst ruhig und angemessen durchgeführt werden könnte«, sagte Friedrich nun. Und: »Die Motive vieler Gottesdienstbesucher wären vermutlich gewesen, genau zu beobachten, ob etwas Angreifbares gesagt wird.«

Und angreifbar ist derzeit, je nach Standpunkt des Zuhörers, jede Äußerung, die irgendjemand über Meiser tut. Schon bisher, ließ Friedrich durchblicken, häufen sich in München die Beschwerdebriefe derjenigen, die in Meiser einzig den Kirchen-Opponenten gegen Hitler sehen wollen. Nun, ahnt der Bischof, wird der »Protest von rechts« (Friedrich) erst richtig losbrechen.

Die Bischof-Meiser-Straße in Nürnberg. Über ihre mögliche Umbenennung will der Stadtrat entscheiden, wenn das bestellte historische Gutachten vorliegt.
Foto: Fechter
   Die Bischof-Meiser-Straße in Nürnberg. Über ihre mögliche Umbenennung will der Stadtrat entscheiden, wenn das bestellte historische Gutachten vorliegt.

Auf der anderen Seite des Meinungsspektrums nimmt man ihm inzwischen das Vorwort zu dem landeskirchlichen Meiser-Buch übel, in dem er einräumt, die Landeskirche habe Meiser »viel zu verdanken«. Die Formulierung war nach Friedrichs Worten als Brücke für das Meiser-Lager in die wissenschaftliche Neubewertung des ersten Landesbischofs gedacht, die in dem Buch vorgenommen wird. Den Rechten war sie zu links, den Linken zu rechts. »Ich würde heute manches anders formulieren«, räumte denn der Bischof auch ein.

Am Ende des Meiser-Jahres und als Abschluss dieser Neubewertung, so offenbarte Friedrich sein Kalkül, sollte ein geistliches Schuldbekenntnis der Kirche stehen, eine Anknüpfung an das Schuldbekenntnis der Landessynode von 1998 zum Thema »Christen und Juden«. Stadtdekan Michael Bammessel nannte die angedachte Feier dagegen ein »schlichtes Totengedenken«, das freilich durch die entstandene öffentliche Diskussion »völlig überfrachtet« worden sei: »Es war der Eindruck entstanden, an diesem Datum mache sich brennpunktartig fest, wie die bayerische Landeskirche heute ihren früheren Bischof sieht.« Ob Schuldbekenntnis oder Totenfeier: Aus beidem wird nun erstmal nichts.

Wie auch sonst das Thema vor allem Sprachlosigkeit erzeugt: Die Meiser-Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs, die schon seit zwei Wochen in München zu sehen sein sollte, hat der Landeskirchenrat vorläufig aus dem Verkehr gezogen. Und auch ein weiterer Termin in der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau ist geplatzt.

Beim schon erwähnten Lorenzer Kommentargottesdienst bestritten nicht, wie üblich, zwei möglichst kontroverse Diskutanten das Programm. Stattdessen bekamen die Besucher Lyrik und Klarinettenmusik zu hören; die Debatte kam ausschließlich aus dem Publikum.

Noch vor der Sommerpause soll der Erlanger Politikwissenschaftler Gotthard Jasper sein von Stadt und Kirche bestelltes Gutachten über Meiser vorlegen. Dann will der Nürnberger Stadtrat darüber entscheiden, ob die Bischof-Meiser-Straße in der Altstadt einen neuen Namen bekommt. Mit nahe liegenden Folgewirkungen für andere Meiser-Straßen in Bayern.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Thomas Greif

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:48 Uhr

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