In der Tiefe begegnen wir Gott
Interview mit Altabt Odilo Lechner
Wie kann man Spiritualität in den Alltag integrieren? Ein Gespräch mit dem Münchner Altabt Odilo Lechner.
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 Abt Odilo Lechner war bis 2003 Abt des Münchner Innenstadt-Klosters Sankt Bonifaz und des zugehörigen Klosters Andechs.
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Was ist das eigentlich: Spiritualität?
Abt Odilo: Spiritualität, oder traditionell »Frömmigkeit«, ist eine Grundhaltung des Menschen, die das ganze Leben tragen kann. Der evangelische Theologe Friso Melzer hat für »Meditation« den Begriff »Innerung« verwendet, im Gegensatz zur Äußerung eines Menschen. Der Mensch lebt nach außen und wird von außen beeinflusst. Der spirituelle Mensch lebt von innen her. Spiritualität bedeutet, dass mein Leben eine Richtung hat, die aus meinem Herzen, aus meiner Seele kommt.
Warum haben die Menschen heute wieder so eine Sehnsucht nach Spiritualität?
Abt Odilo: Wir merken, wie stark wir vom Äußeren beeinflusst sind. Unsere technische Zivilisation lebt davon, dass wir immer mehr machen können. Es gibt Mediziner, die glauben, dass wir irgendwann nicht mehr sterben müssen, und es gibt Wirtschaftsleute, die glauben, dass wir durch eine bessere Ökonomie immer glücklicher werden. Sie wollen den vollkommenen Menschen, die vollkommene Welt schaffen. Aber immer mehr Menschen erkennen, dass diese Hoffnung trügt. Wir sind nicht glücklicher geworden, weil wir durch technischen Fortschritt weniger arbeiten müssen oder weil wir mehr Medikamente zur Verfügung haben. Glück hängt davon ab, wie wir uns innerlich einstellen.
Von Zen-Meditation bis zum Herzensgebet: Es gibt unzählige spirituelle Formen. Welche ist denn nun die richtige?
Abt Odilo: Durch unsere modernen Kommunikationsmöglichkeiten liegen heute alle Kulturen mit ihren religiösen Formen offen vor uns. Das hat unseren Horizont erweitert. Der Mensch tut sich aber auch schwer, das Rechte für sich zu finden. Die Versuchung ist groß, alles durchzuprobieren und religiösen Trends nachzulaufen. Der Mensch muss sich aber entscheiden und für eine gewisse Wegstrecke an etwas binden. Ich persönlich glaube, dass es Spiritualität nicht ohne Gott gibt, weil Gott in allem wirkt. Wenn jemand in die Tiefe geht, begegnet er dem, was wir Gott nennen - andere sagen dazu Brahma oder Nirwana.
Wie kann man Spiritualität in den Alltag integrieren?
Abt Odilo: Es ist Disziplin nötig, um sich diese festen Bräuche zu schaffen. Dazu muss ich überlegen, wann ich am Tag dafür am meisten Zeit habe. Dann sage ich den anderen Bescheid, dass ich zum Beispiel am Mittag eine Viertelstunde nicht gestört werden will. Mein Vater, der Bankkaufmann war, ist morgens immer kurz in die Theatinerkirche gegangen und hat sich in eine Bank gesetzt. In der evangelischen Kirche gibt es die Losungen für den Tag. Familien können ein Tischgebet verabreden oder ausmachen, dass man eine kurze Zeit still innehält, bevor man sich zu essen nimmt. Auch wenn das scheinbar kleine Bräuche sind: Wo sie von innen erfüllt sind, ist es Spiritualität.
Die Suche nach Spiritualität hängt für viele Menschen mit der Suche nach dem Sinn zusammen.
Abt Odilo: Wer seine Spiritualität pflegt, erhöht die Achtsamkeit für die Chancen des Lebens - für das, was Gott ihm zuspricht als Geschenk und Aufgabe. | ZUM THEMA
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