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Dieser Artikel: Ausgabe 23/2006 vom 04.06.2006
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Die neue Sinnsuche

Die Kirche und die Herausforderung Spiritualität

Von Helmut Frank

Jeder siebte Deutsche ist ein »Spiritueller Sinnsucher«, ergab eine jetzt veröffentlichte Studie über »Spiritualität in Deutschland«. Die bayerische Landeskirche verstärkt ihre Angebote in diesem Bereich.

Angebote, bei denen stille Zeiten, Herzensgebet und Kontemplation praktiziert werden, finden auch in Einrichtungen der bayerischen Kirche immer größere Resonanz. Das Bild zeigt ein Christusmandala der Hildegard von Bingen.
Foto: akg
   Angebote, bei denen stille Zeiten, Herzensgebet und Kontemplation praktiziert werden, finden auch in Einrichtungen der bayerischen Kirche immer größere Resonanz. Das Bild zeigt ein Christusmandala der Hildegard von Bingen.

Ungefähr 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind aktiv auf der Suche nach ihrer inneren Mitte. Damit umfasst die Gruppe der »Spirituellen Sinnsucher« hochgerechnet mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Düsseldorfer Identity Foundation und der Universität Hohenheim zum Thema »Spiritualität in Deutschland«. Dabei wurden im März eintausend Menschen in Deutschland befragt.

17 Prozent messen demnach spirituellen und religiösen Fragen eine große bis sehr große Bedeutung bei. Dagegen können aktuell nur noch zehn Prozent der Bevölkerung zur Gruppe der »Traditions-Christen« gezählt werden. Die stärkste Gruppe bilden mit 40 Prozent die durch Unbekümmertheit geprägten »Alltags-Pragmatiker«, denen die Frage nach dem Sinn des Lebens schlicht fremd ist.

Die Marktforscher haben herausgefunden, dass im Spannungsfeld Religion völlig neue Typologien der Selbstverortung entstehen (siehe rechts). Die schlichte Einteilung der Bevölkerung in Glaubende und Atheisten - das war vorgestern. Zwar gehören immer noch gut 67 Prozent aller Deutschen einer christlichen Konfession an, doch die Bindung an die christliche Lehre befindet sich in einem Prozess der Aufweichung. So fühlen sich nur noch 45 Prozent von den christlichen Kirchen angesprochen.

Jeder Zehnte der 20- bis 29-Jährigen meditiert, hat eine Studie ergeben.
Foto: Derlath
   Jeder Zehnte der 20- bis 29-Jährigen meditiert, hat eine Studie ergeben.

Die spirituell-religiöse Verfassung der Deutschen gliedert sich vor diesem Hintergrund in vier Typologien: Die »Spirituellen Sinnsucher« forschen nach neuen Formen der Selbstvergewisserung und beziehen dabei asiatische Praktiken und esoterische Trends mit ein. Die kirchengebundenen »Traditions-Christen« weichen immer mehr einer Gruppe der »Religiös Kreativen«, die ihre Sinnbezüge aus religiösen Fragmenten speisen. Die größte Gruppe bilden jedoch die »Unbekümmerten Alltags-Pragmatiker«, die sich von der Sinnfrage distanzieren und ihr Heil vor allem in der eigenen, meist materiell begründeten Zufriedenheit sehen.

Für die so genannten »Spirituellen Sinnsucher« sind demnach theologische Fragen um die Gottheit Jesu, die Trinität oder das richtige Verständnis des Abendmahls weit gehend uninteressant. Sie wenden sich vor allem der spirituellen Erfahrung zu, die für ihre Sinnfindung und Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund steht. Den »Unbekümmerten Alltags-Pragmatikern« sind religiöse Dinge dagegen insgesamt gleichgültig. Der Grund: In der Familie und bei Freunden finden sie keine spirituellen Anregungen.

Erstaunlich ist, dass offenbar besonders die jüngere Generation aufgeschlossen gegenüber neuen spirituellen Strömungen ist. Jeder zehnte 20- bis 29-Jährige meditiert. Für die ältere Generation bleibt das Gebet oder der Kirchenbesuch wichtig. 26,5 aller Befragten beten, bei den über 70-Jährigen sogar 45 Prozent. Allerdings: Jeder Dritte an spirituellen Praktiken Interessierte nimmt sich mindestens ein Mal pro Woche Zeit für Astrologie, Yoga, Chi Gong, Ayurveda oder Zen-Meditation. Den Zustand vollständiger Versenkung kennen sogar 11,4 Prozent aus eigener Erfahrung, 5,8 Prozent hatten schon einmal das Gefühl einer Erleuchtung.

Gelebte Spiritualität fördert offenbar auch die Solidarität mit anderen im Alltag. So fühlen 26,1 Prozent der Befragten mit spiritueller Erfahrung eine stärkere Neigung, sich zu engagieren, wenn Menschen in Not sind. Jeder vierte Befragte fühlt sich glücklich, wenn er etwas Gutes tut oder anderen hilft.

Mehr Angebote der bayerischen Kirche

Die bayerische Landeskirche hat den Trend erkannt und ihr Angebot im Bereich der Spiritualität erweitert. Seit einiger Zeit bietet das Dekanat Nürnberg im Haus »eckstein« Meditationskurse an. Im Rahmen einer halben Stelle betreut Oliver Behrendt Kurse über das Herzensgebet und bietet Vorträge zum Thema Mystik an. Behrendt bestätigt eine wachsende Sehnsucht nach spiritueller Erfahrung. In den ersten vier Monaten seiner Tätigkeit als Meditationsbeauftragter des Dekanats zählte er 806 Teilnehmer. Berührungspunkte zu anderen Religionen nimmt er bewusst auf, aber die christliche Perspektive ist ihm dabei wichtig. Im »eckstein« können Christen deshalb auch ihre Erfahrungen mit der Zen-Meditation aufarbeiten. Wichtig ist Behrendt auch, dass die Begegnung mit dem Nächsten nicht ausgeblendet wird.

Die Spirale: Symbol der Ewigkeit, des Innen und des Außen.
Foto: sob
   Die Spirale: Symbol der Ewigkeit, des Innen und des Außen.

Für den Herbst plant er ein Seminar, das Mystik und Diakonie verknüpft: »Wir meditieren hier und besuchen danach Kranke.« Überhaupt erscheint Spiritualität im evangelischen Bereich als sehr bodenständig. Der protestantische Theologe Fulbert Steffensky sieht in Spiritualität in erster Linie »ein Handwerk, das nicht aus der Genialität von religiösen Sonderbegabungen besteht. Man kann das Handwerk lernen, wie man Kochen und Nähen lernen kann«. Das Gebet bezeichnet er gerne als Schwarzbrot für die Seele. »Wie wichtig das Beten ist, merkt man daran, wie schwer es ist, es regelmäßig zu tun.«

»Schweigen - reden - handeln« ist das Motto des Spirituellen Zentrums St. Martin am Glockenbach, das die bayerische Kirche vor drei Jahren in München eingerichtet hat. Das Besondere ist die Kombination des Zentrums mit einer Gemeinde: St. Martin ist ein »Ableger« der Kirchengemeinde St. Lukas. Tagsüber tummeln sich hier Kleinkindergruppen, die Abende und viele Wochenenden gehören Meditationskursen und geistlichen Angeboten. Von Beginn an gehören drei Schwestern der Christusbruderschaft Selbitz zu St. Martin.

Die Mitte von St. Martin ist das »Herzensgebet«, eine alte christliche Meditationsform. Dabei wird in der Stille der Name Jesu Christi im Rhythmus des Atems »im Herzen« ständig wiederholt. »Wir wollen in St. Martin vor allem alte christliche Traditionen und Rituale so beleben und übersetzen, dass sie für heutige Menschen heilsam und nachvollziehbar werden«, sagt Andreas Ebert, Leiter des Zentrums und Gemeindepfarrer. In St. Martin geht es aber auch um die politische Dimension der Spiritualität. Bei einem Kurs »Straßenexerzitien« lassen sich Menschen zehn Tage lang auf die Begegnung mit Armen ein und versuchen, Christus in ihnen zu entdecken. Voraussetzung dafür ist viel Zeit und die Bereitschaft, den Segnungen der Zivilisation für eine Woche oder mehr zu entsagen.

Fast wie ein Gegenentwurf dazu muss man das Projekt »Exerzitien im Internet« verstehen. Das Angebot der Erlanger Meditationsbeauftragten Stans Möhringer richtet sich an gestresste Menschen, die keine Zeit für Gruppentreffen haben und sich über E-Mail zu geistlichen Übungen anleiten lassen. In einem achtwöchigen Kurs bekommen die Teilnehmer regelmäßig Übungen, Kommentare und Begleittexte. »Es ist doch auch so, dass die Internet-Kommunikation für den Menschen von heute fast normal geworden ist und er sogar Freude daran hat«, sagt Möhringer. Die gebürtige Niederländerin sieht dabei durchaus die Gefahr der Individualisierung und Vereinsamung. »Der befruchtende und ermutigende Austausch mit anderen fehlt.« Doch die Erfahrung zeige, dass einige Teilnehmer, die zurückgezogen lebten, während der Exerzitien frühere Kontakte wieder aufleben ließen.

Im westlichen Mittelfranken will die Kirche zwei ehemalige Klosteranlagen wieder beleben. Im einstigen Zisterzienserkloster Heilsbronn bei Ansbach sind Planungen für einen säkularen Konvent im Gange, dessen Mitglieder sich der spirituellen Neugeburt des Münsters annehmen. In Heidenheim, bis ins 16. Jahrhundert ein reiches Benediktinerkloster, soll eine Dependance einer der beiden großen bayerischen Kommunitäten einziehen. Tageszeitengebete und »Kloster auf Zeit« sollen Menschen anziehen, die Stille und Kontemplation suchen. Stille Zeiten, Rückzugsmöglichkeiten aus dem hektischen Alltag, ein heiler Leib und eine heile Seele: Das sind die Sehnsüchte der Menschen von heute.

ZUM THEMA

INTERVIEW: Wie kann man Spiritualität in den Alltag integrieren? Ein Gespräch mit dem Münchner Altabt Odilo Lechner. » weiter!

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DIE 4 RELIGIONSTYPEN

SPIRITUELLE SINNSUCHER (ca. 15 Prozent der Bevölkerung). Sie speisen ihren Sinnbezug aus Fragmenten des Humanismus, der Anthroposophie, Mystik und Esoterik. Ihre Suche ist getrieben von dem Wunsch, die eigene Berufung und innere Mitte zu finden. Sie interessieren sich für spirituelle Praktiken wie Yoga, Chi Gong und Meditation, aber auch für ausgefallene Disziplinen wie Trancereisen, Schamanismus oder Karten legen. Charakteristische Statements: Der Kosmos wird vom Sinn in sich, einem höheren Wesen oder von einem unpersönlichen »Spirit« zusammengehalten.

RELIGIÖS KREATIVE (ca. 35 Prozent der Bevölkerung). Sie gehören zu den großen Glaubensgemeinschaften, grenzen sich jedoch in ihren Überzeugungen bewusst von christlichen Lehrmeinungen ab und entwickeln ihre religiösen Auffassungen durch eine Erweiterung des traditionellen Gedankenguts um philosophische und humanistische Ideen. Dazu nehmen sie unbekümmert Anregungen aus den verschiedenen Weltreligionen mit auf. Charakteristische Statements: Ich glaube an einen Gott, aber nicht, wie das Christentum ihn predigt. Meiner Meinung ist Gott nichts anderes als das Wertvolle im Menschen.

TRADITIONS-CHRISTEN (ca. 10 Prozent der Bevölkerung). Sie finden Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Beschaffenheit des Seins in Religion und Glauben in enger Anbindung an die Kirchen. Religiöse Rituale geben ihrem Alltag Struktur, sie haben im Laufe ihres Lebens ihren Glauben vertieft und intensiviert und wünschen sich einen stärkeren Gottesbezug im öffentlichen Leben. Charakteristisches Statement: Ich glaube an einen persönlichen Gott, zu dem ich z.B. über das Gebet in Kontakt treten kann.

UNBEKÜMMERTE ALLTAGS-PRAGMATIKER (ca. 40 Prozent der Bevölkerung). Sie sind vor allem an der eigenen Zufriedenheit und wirtschaftlichen Lage interessiert. Die gelegentlich aufkeimende Sinnfrage lösen sie über ihr Engagement im Beruf und über familiäre und freundschaftliche Beziehungen. Jeder Zweite von ihnen bezeichnet sich sogar als überzeugten Atheisten. Zu den Erfahrungen, in denen das eigene Ich zurücktritt, gehören für sie vor allem zu lieben und geliebt zu werden, lustvoller Konsum und erfüllte Sexualität. Charakteristische Statements: Der Sinn des Lebens ist, dass man versucht, für sich das Beste herauszuholen. Der Mensch ist allein ein Produkt der Naturgesetze.

 

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abgerufen 03.09.2010 - 03:28 Uhr

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