Der Kampf, der Absturz
Paul Greengrass verfolgt in Echtzeit das Schicksal von »Flug 93«
Am 1. Juni kommt mit »Flug 93« die erste amerikanische Spielfilmproduktion in die deutschen Kinos, die sich mit den Ereignissen des 11. Septembers auseinander setzt.
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 »Let's roll«: »Flug 93« ist der erste Kino-Spielfilm, bei dem es um die Geschehnisse des 11. Septembers geht. Passagiere von Flug 93 greifen das von den Flugzeugentführern gehaltene Cockpit an.
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Es ist ein strahlend schöner Dienstagmorgen, es ist Spätsommer an der Ostküste der USA. Beste Bedingungen für den United-Airlines-Flug mit der Nummer 93 von Newark, New Jersey, nach San Francisco an der Westküste. Kurz nach 7 Uhr: Die ersten Passagiere, Geschäftsleute, Rentner, Studenten, treffen am Terminal ein. An Bord der Boeing 757 bereiten unterdessen die beiden Piloten und fünf Stewardessen routiniert den Flug vor. Routinemäßig wird dabei auch das Klopfzeichen vereinbart, das Unbefugte daran hindern soll, ins Cockpit einzudringen.
Das deutsche Element
Der distanzierte Blick einer dokumentarisch arbeitenden Kamera begleitet in Paul Greengrass Film »Flug 93« eine vom Zufall zusammengewürfelte Gruppe von Menschen auf ihrem Weg in den Tod. 37 Passagiere, unter ihnen auch ein Japaner und ein Deutscher, waren an Bord der Maschine, die der Libanese Ziad Jarrah und drei weitere Terroristen aus Saudi-Arabien an diesem Morgen in ihre Gewalt brachten. Wie bei den anderen drei am 11. September entführten Flugzeugen ging es um ein Ziel mit hohem symbolischen Wert für Amerika: Getroffen werden sollte das Capitol in Washington.
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 United Airlines Flug 93 nach San Francisco: Authentizität bis ins kleinste Detail.
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Doch die Maschine startet mit 40 Minuten Verspätung. Deshalb erhalten die Piloten im Cockpit eine Tickerwarnung vor möglichen Flugzeugentführungen; deshalb erfahren einige Passagiere telefonisch von Angehörigen, was sich in New York und Washington abspielt.
Nachdem die Flugzeugentführer das Flugzeug brutal übernommen haben, beschließen einige Passagiere den Gegenangriff auf die Terroristen und das Cockpit, um das Flugzeug wieder in ihre Gewalt zu bringen. Der Flugschreiber der Maschine hat den Kampf um das Cockpit und die letzten Sekunden vor dem Absturz über Shanksville, Pennsylvania, aufgezeichnet. Ziad Jarrah, der Pilot, hat das Flugzeug bewusst zum Absturz gebracht, als er sein Ziel nicht mehr erreichen konnte. Keiner überlebt.
»Flug 93« ist ein klaustrophobisches Kammerspiel, für das der britische Regisseur Paul Greengrass (50) alle erdenklichen Quellen zur Rekonstruktion der Geschehnisse im Flugzeug ausgewertet hat. So wahrheitsgetreu wie nur irgend möglich will Paul Greengrass mit seinem Film sein. Kaum fünf Jahre nach den Anschlägen ist dies für Greengrass der einzige Weg, dem Vorwurf der Effekthascherei und Profilierung auf dem Rücken der Toten zu entgehen.
Für seinen genauen Blick auf Gewalt und ihre Entstehung ist der Brite bereits mit einem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Seine Nordirland-Doku-Fiktion »Bloody Sunday« lief 2002 im Wettbewerb der Berlinale.
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 Der erste Tag im neuen Job: Ben Sliney spielt sich selbst als Leiter der amerikanischen Flugüberwachung. Wie Sliney haben zahlreiche andere »echte« Protagonisten an dem Doku-Spielfilm mitgewirkt.
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Was »Flug 93« eine atemberaubende Authentizität verleiht, ist, dass einige der Akteure sich selbst spielen. Darunter ist auch Ben Sliney, der am 11. September seinen neuen Job als Leiter der zuständigen Flugleitstelle in Herndon, Virginia, antrat.
Was Ben Sliney in »Flug 93« zeigt, ist kein Spiel. Wir sehen ein hilfloses Amerika, dessen militärische und zivile Kommandozentralen die eigentlichen, die entscheidenden Nachrichten - wie alle anderen auch - aus dem Fernsehen erfahren; das Gefühl, aus buchstäblich heiterem Himmel angegriffen worden zu sein. Es entsteht der bestürzende, aber auch irreführende Eindruck, in Echtzeit dabei zu sein - auch im Inneren von »Flug 93«.
In unzähligen Stunden haben Greengrass und sein Team die Familien der Opfer besucht, mit ihnen über die Ehemänner, Töchter, Großeltern gesprochen. Haben versucht, sich anzunähern an die Menschen, die am 11. September beim Absturz von Flug 93 starben. Haben versucht herauszufinden, wer diese Menschen waren, und auch, wie sie an jenem Tag gekleidet waren.
Nicht alle Familien haben dabei mitgemacht. Die Familie des deutschen Todesopfers Christian Adams wollte dem Film zwar keine Steine in den Weg legen, hat sich darüber hinaus aber bewusst nicht beteiligt. Der damals 37-jährige Wein- und Marketing-Fachmann Adams aus Biebelsheim war auf dem Weg nach Kalifornien, um dort auf einer Messe deutsche Weine zu präsentieren.
Zweimal wird in »Flug 93« deutsch gesprochen: Der Film zeigt einen Christian Adams, der auf Deutsch ruft: »Ich bin Deutscher, ich will nicht sterben!« Die Aufzeichnungen aus dem Flugzeug belegen etwas anderes. Tatsächlich hat einer der Passagiere vor dem Absturz geschrien, er wolle nicht sterben - jedoch auf Englisch.
Schon ganz zu Beginn des Films hat der Chef der Attentäter, Ziad Jarrah, einen letzten Gruß an seine türkische Freundin in Deutschland abgeschickt: »Ich liebe dich, ich liebe dich«, flüstert er heiser und auf Deutsch in sein Mobiltelefon.
So bleibt festgehalten, dass es die »Hamburg Connection« war, eine Gruppe von vor allem Hamburger Studenten, die die Serie der Attentate vom 11. September vorbereitete und durchführte. Dass der ansonsten so genau dokumentierende Film sich bei dem deutschen Passagier Freiheiten erlaubt, ist wohl in diesem Zusammenhang zu sehen.
»Was hätte ich getan?«
»Let's roll« - mit diesem (dokumentierten) Ruf des Passagiers Todd Beamer haben die Passagiere von Flug 93 Amerikas »Kampf gegen den Terror« begonnen. Gerade weil Greengrass auf eine vordergründige Personalisierung und Dramatisierung verzichtet, zeigt sich mit Wucht das ganze Drama dieses Fluges und die Frage: »Wie hätte ich mich an der Stelle der Passagiere verhalten?«
Am Horizont winkt unterdessen bereits die nächste Hollywood-Adaption der Ereignisse des 11. Septembers. Der wegen seines Umgangs mit historischen Stoffen nicht unumstrittene Regie-Berserker Oliver Stone (»Platoon«, »JFK«, »Nixon«, »Alexander«) kommt Ende August mit seinem Film »World Trade Center« in die Kinos. Nicolas Cage spielt darin den Polizisten John McLoughlin, der in einem der Türme des World Trade Centers eingeschlossen wird. Daneben wird Paul Greengrass' »Flug 93« wie ein europäischer Autorenfilm anmuten. |