In der Gemeinde allein
Sonntagsblatt-Sprechstunde
»Manchmal denke ich, wenn ich ab morgen nicht mehr käme, würde mich keiner in dieser Gemeinde vermissen.«
Ich muss mir mal meinen Frust von der Seele schreiben. Ich gehöre seit mehr als zwanzig Jahren zur Kirchengemeinde hier am Ort. Ich bin beruflich sehr eingespannt, aber ich gehe regelmäßig in die Kirche. Ich kenne fast alle, die sonntags zum Gottesdienst kommen vom Sehen. Ich finde unseren Pfarrer ganz gut, ich gehe in die Orgelkonzerte, ich mag »meine« Kirche. Zugleich fühle ich mich total alleine...
Manchmal überkommt mich der Gedanke: Wenn ich ab morgen nicht mehr käme, würde mich keiner in dieser Gemeinde vermissen. Der Betrieb würde einfach so weitergehen wie vorher.
Muss Kirche so sein? Gehört das irgendwie zur Tradition, dass man halt so nebeneinander sitzt? Ich wünsche mir, dass mich mal einer fragt, wie's mir geht. Sie werden mir vermutlich antworten, dass ich auf Leute zugehen soll oder mich irgendeinem Kreis anschließen... - aber ich habe das Gefühl, das bringt auch nichts.
Frau K. (56)
Ja, es ist nahe liegend, Ihnen zu antworten, dass Sie halt selbst... - siehe oben. Doch mich beeindruckt, wie Sie Ihr Gefühl formulieren, alleine zu sein zwischen anderen, die wohl auch alleine sind, und ich möchte die Sehnsucht, gesehen zu werden, ernst nehmen.
Zunächst einmal: Indem Sie sich ihren Frust von der Seele und ans Sonntagsblatt schreiben, tun Sie bereits etwas, was Sie selbst am Schluss Ihres Briefes eher von sich weisen: Sie gehen auf jemanden zu und sprechen an, was Ihnen (wie vermutlich vielen) auf der Seele liegt.
Andererseits leben Sie im Blick auf Ihre Teilnahme am »Gemeindeleben« etwas, das dem entspricht, wie Gemeindeglieder früher oft gesehen wurden und auch heute manchmal noch ganz gerne gesehen werden: »Natürlich sollte es auch engagierte Ehrenamtliche geben, aber die anderen, die nicht so viel Zeit aufbringen können, die gehen am Sonntag in die Kirche, die besuchen Orgelkonzerte, die suchen auch mal die Kirche auf als Ort der Stille...« Und, denke ich manchmal, sie sollen (oder wollen) darüber hinaus nicht weiter stören.
Mich erinnert das an eine Szene aus einem englischen Film: Eine Theatergruppe probt in einer alten Kirche ihr Stück und hat als Publikum in die ersten zehn Reihen lauter lebensgroße Pappfiguren gesetzt... Die Bänke sind besetzt - aber wer sitzt da eigentlich?
Ich wünsche mir als Pfarrerin, dass ich in den Kirchengemeinden Menschen begegne, von denen ich wenigstens ein bisschen was erfahren kann und die auf ihre ganz unverwechselbare Weise Spuren hinterlassen. In einem Gedicht von Christine Busta habe ich ein paar Zeilen gefunden, die mir in diesem Zusammenhang gefallen:
»Stoß dich nicht an den Steinen im Garten;
Jeder, der ging, ließ einen zurück.
Die Blumen pflanz' ich behutsam dazwischen.«
Dass Sie zwischen dem, was Sie als stumm und versteinert erleben, Orte finden, an die Sie behutsam etwas pflanzen können, das wünsche ich Ihnen und mir. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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