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Dieser Artikel: Ausgabe 22/2006 vom 28.05.2006
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Zu Gast bei Freunden

Vor der Fußball-Weltmeisterschaft

Von Wolfgang Weißgerber

Nun ist's so weit: »Die Welt zu Gast bei Freunden« erwartet ein spannendes Fußballturnier. Sogleich ist ein offener Streit darüber entbrannt, ob man den Gästen auch sagen darf, wo sie sich in Deutschland besser nicht blicken lassen.

Man darf. Der Vollständigkeit halber sollte allerdings erwähnt werden, dass es - schlimm genug - nicht nur nachts in Berlin-Treptow oder der brandenburgischen Provinz für Menschen mit dunklem Teint gefährlich ist. Auch in Frankfurt oder Hamburg und gewiss auch in Bayern kann man in manchen Gegenden zu später Stunde einen über die Rübe kriegen, und zwar völlig unabhängig von der Hautfarbe. Für New York oder Johannesburg gilt das übrigens auch. - Die übergroße Mehrheit der Deutschen scheint aber bereit, die Besucher als willkommene Gäste zu begrüßen.

Versuchungen, die überall auf der Welt gleich sind, gibt es allerdings auch. Die Aufregung über angeblich zehntausende junger Frauen, die zwangsweise zur Prostitution nach Deutschland gebracht würden, hat sich inzwischen aber gelegt. Sie ist der Einsicht gewichen, dass die Mehrheit der Frauen ihr Gewerbe durchaus kraft eigenen Entschlusses ausübt - soweit man diesen Ausweg aus Armut als freiwillige Handlung zu begreifen bereit ist.

Doch unabhängig von der Zahl der Opfer ist Zwangsprostitution ein Übel, das es zu bekämpfen gilt - und die Fußball-Weltmeisterschaft ein geeigneter Anlass dafür. Auch die Kirche beteiligt sich aktiv daran. Sie tut dies, das ist vernünftig und erfreulich, ohne moralischen Zeigefinger.

Sie spart sich den seit Jahrtausenden vergeblichen Versuch, Männer von einem lieblosen Liebesakt gegen Entgelt abzuhalten, sondern spricht sie, wenn man so will, als verantwortlich Handelnde an. Sie sollen sich melden, wenn sie Grund zur Annahme haben, dass die Frau, die ihnen ihren Körper vermietet, unter Zwang handelt.

Auch in vielen anderen Bereichen ist die Kirche bei der WM präsent - von seelsorgerlicher Begleitung über geistliche Angebote bis hin zum gemeinschaftlichen Erleben der Spiele. Ganz ohne in dem Fall ökumenische Bedenkenträgerei geht es aber nicht. Natürlich ist die Sonntagsruhe ein wichtiges Gut. Was aber ist bedenklich, wenn die Gäste am Sonntag das Nötigste nicht nur überteuert am Bahnhof oder bei der Tankstelle kaufen können, sondern auch im Supermarkt?

In vier Wochen ist das alles vergessen. Sofern diese WM von Gewalt und Terror verschont bleibt, zählt nur die Frage: Wer gewinnt die Welt, die Gäste, die Freunde? Am besten alle.

 

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abgerufen 09.02.2012 - 00:12 Uhr

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