Das Dorf mit den zwei Türmen
Warum die 500-Seelen-Gemeinde Ergersheim in Mittelfranken um ihre St.-Stephanuskapelle kämpft
Ergersheim lebt im Luxus. Denn die 500-Seelen-Gemeinde im Dekanat Bad Windsheim weiß gleich zwei mittelalterliche Gotteshäuser ihr Eigen. Deshalb würde ein Unternehmensberater wohl mit dem Kopf schütteln über ihr Vorhaben, die kleine St. Stephanuskapelle für 670.000 Euro zu sanieren, obwohl es im Dorf noch eine zweite und wichtigere Kirche gibt. Glücklicherweise haben die Ergersheimer keinen gefragt.
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 Die Stephanuskapelle liegt idyllisch in der Aischgrundgemeinde Ergersheim in Mittelfranken. Die 500-Seelen-Gemeinde kämpft um den Erhalt des geliebten Gotteshauses.
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Denn tatsächlich lässt sich die Frage nach Sinn und Nutzen einer solchen Sanierung nicht mit Zahlen beantworten, niemals. Die St. Stephanuskapelle ist die älteste Kirche im Oberen Aischgrund, sie prägt seit sechs Jahrhunderten das Ortsbild. Ergersheim wäre nicht Ergersheim, das Dorf mit den zwei Kirchtürmen, ohne seine Stephanuskapelle. »Unsere Vorfahren haben diese Kirche unter großen Entbehrungen gebaut, und wir, denen es heute so gut geht, lassen sie verfallen? Das geht doch nicht«, sagt etwa Else Rabenstein, Vertrauensfrau des Kirchenvorstandes.
Und deshalb mühen sich die Ergersheimer, genau besehen seit Jahrzehnten, ohne damit freilich wirklich weiterzukommen - denn das Kirchlein mit seinem charakteristischen spitzen Turmhelm bröselt still vor sich hin. In den Sandsteinquadern der Außenmauer sind die Auswaschungen zum Teil so dick wie Kinderarme. Die Reste des Putzes blättern zentimeterdick ab. Und das Dachgebälk des Turmes, das zum Teil noch über originale Bauhölzer aus dem 15. Jahrhundert verfügt, erfüllt seinen Zweck nach mehreren Reparaturversuchen nur mehr recht als schlecht. Seit Jahren zeigen sich Wandrisse im Chorraum.
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 Die Erhaltung der St. Stephanuskapelle ist den Ergersheimern ein Herzensanliegen - auch wenn in der 600 Jahre alten Kapelle nur sporadisch Gottesdienste stattfinden, wie vor einigen Tagen.
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1990 verschwand ein fertiges Sanierungskonzept auf Geheiß der Landeskirche wieder in der Schublade: »Wir waren ein Opfer der Wiedervereinigung«, sagt Pfarrer Günter Bauer bitter. Es wechselten die Pfarrer und die Sachbearbeiter, es wurde neu untersucht, geprüft und geplant. »Der Dachstuhl und der Chorbereich des Langhauses sind akut gefährdet«, schrieb ein Gutachter schon vor sechs Jahren. Passiert ist nichts.
Nun setzen die Ergersheimer alle Hoffnung auf einen Ortstermin mit einem Bauexperten des Landeskirchenamtes, der in der kommenden Woche stattfindet. Bislang zeigte die kirchenaufsichtliche Baubehörde nur verhaltene Begeisterung für den Ergersheimer Enthusiasmus. Die gröbsten Sicherungsmaßnahmen würde München nach bisherigem Stand genehmigen, nicht aber die große Lösung mit Sicherung der Außenfassade, Verbesserung der Belichtung und Orgelsanierung. Auf halbe Sachen wollen sich die Ergersheimer allerdings nicht einlassen. Zu oft schon wurde an der Kapelle nur das Allernötigste gemacht. Jetzt gilt's.
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 Die Auswaschungen an der Sandsteinfassade nehmen an einigen Stellen bereits bedrohliche Ausmaße an.
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Von der gewaltigen Gesamtsumme von 670.000 Euro an geschätzten Sanierungskosten, von denen sie nach dem derzeitigen Kostenplan 140.000 selber tragen muss, lässt sich die Gemeinde nicht einschüchtern. Seit Jahren fließt jeder Euro, den jemand im Dorf locker hat, nach St. Stephanus. Ein Koch- und Bastelbuch der Kindergarteneltern, ein Immerwährender Kalender und ein eigens abgefüllter Ergersheimer Kapellenwein bringen bescheidene, aber sehr wertvolle Verkaufserlöse.
Ob beim Partnerschaftsfest mit dem elsässischen Namensvetter oder beim Theaterabend der örtlichen Jugendgruppe - die Kapelle profitiert davon. Sie ist nicht nur Gottesdienstraum, sondern auch Wahrzeichen des Dorfes. Das honoriert auch die politische Gemeinde mit einem Zuschuss von zehn Prozent der Gesamtkosten. »Wir stehen voll dahinter«, versichert denn auch Bürgermeister Gerhard Wunderlich. Wenngleich vor Jahren im Gemeinderat auch mal das böse Wort vom fälligen »Abriss« fiel - vielleicht zur rechten Zeit, um den Ernst der Lage zu unterstreichen.
Uralter Kultplatz
Warum es in Ergersheim zwei Kirchen gibt, hat noch niemand ergründet. Beide Gotteshäuser, sowohl die St. Stephanuskapelle wie die Pfarrkirche St. Ursula, stammen aus dem 15. Jahrhundert; sicher ist aber, dass die Kapelle mindestens einen Vorgängerbau besaß und schon lange vor der heutigen Pfarrkirche bestand, möglicherweise an der Stelle eines heidnischen Kultortes, an denen die christlichen Missionare des frühen Mittelalters ihre Kirchen zu bauen pflegten.
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 Pfarrer Günter Bauer (mittleres Bild, links) und Architekt Andreas Konopatzki bemühen sich mit der ganzen Kirchengemeinde um einen baldigen Sanierungsbeginn.
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Sehr alt ist übrigens auch die Frage, ob Ergersheim zwei Kirchen braucht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt des Rationalismus, verneinte dies sogar der örtliche Pfarrer, weshalb die Gemeinde ihre Stephanuskapelle ohne den Segen ihres Hirten instand setzte.
Wenig Sinn für die Kapelle bewies in den 1930er-Jahren auch Pfarrer Arnold Kiessling, der zum harten Kern der »Deutschen Christen« im Dekanat zählte und sich wohl vorwiegend mit anderen Dingen beschäftigte.
»Eine Gemeinheit, wie das hier aussieht«, befand denn auch Kiesslings Amtsbruder aus Schwebheim, als der Gelegenheit bekam, die als Lagerraum für landwirtschaftliche Geräte benutzte Kapelle zu sehen. Ein Wohnhausanbau an der Westseite, der erst vor einigen Jahrzehnten wieder entfernt wurde, verstärkte den säkularisierten Eindruck. Bei Kriegsende schoss ein betrunkener amerikanischer GI den Wetterhahn vom Turm.
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 Fast archaisch präsentiert sich der Eingangsbereich zum Turm mit den Gewichten des alten Uhrwerkes (rechts).
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Als Gottesdienstraum war die Kapelle jedenfalls vergessen, bis sie 1952 vom damaligen Pfarrer Friedrich Schoenauer wieder entdeckt wurde. Beim ersten Gottesdienst seit Jahrzehnten, den viele der älteren Ergersheimer noch miterlebt haben, stand die Gemeinde bis hinaus auf die Straße und lauschte ergriffen der Predigt des Ansbacher Oberkirchenrates Heinrich Koch.
Seither finden hier mehrmals im Jahr Veranstaltungen statt: Adventsandachten des Kindergartens, Erntebittgottesdienste oder Taufen. Die Ergersheimer hätten nichts dagegen, wenn sie damit baldmöglichst für einige Zeit pausieren müssten. »Man muss ja mit dem Sanieren nicht so lange warten, bis es hier aussieht wie in Mecklenburg«, wünscht sich auch Architekt Andreas Konopatzki. Dort war vor zwei Jahren erstmals eine Dorfkirche eingestürzt. |
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SPENDEN FÜR ST. STEPHANUS
Kirchen sind Wahrzeichen unserer Kultur. Die St. Stephanuskapelle von Ergersheim ist nur eines von 1976 evangelischen Gotteshäusern in Bayern, keine besonders prominentes, aber ein besonders typisches: ein altehrwürdiges, mittelalterliches Dorfkirchlein, das dringend auf eine Sanierung wartet, in einer kleinen Gemeinde, die auch noch ein zweites Kirchengebäude unterhalten muss.
Das Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern unterstützt die Sanierung mit Werbung und Förderung von Benefizveranstaltungen. Helfen auch Sie mit, die St. Stephanuskapelle von Ergersheim vor dem Verfall zu bewahren. Spenden Sie unter dem Stichwort »Sonntagsblatt Ergersheim« auf das Konto 5550 der »Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland« (KiBa) bei der EKK Kassel, BLZ 52060400.
Bitte geben Sie für die Zuwendungsbestätigung Ihre vollständige Adresse an. Ihre Spende kommt zu 100 Prozent der Sanierung der St. Stephanuskapelle von Ergersheim zugute.
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