Baulast und Baulust
Kirchen schließen? Das wäre eine finanzielle und spirituelle Bankrott-Erklärung
Von
Volker Rahn
Es ist eine eigenartige Liebe, die die Evangelischen mit ihren Gebäuden verbindet. Eigentlich ist seit der Reformation klar: Der Inhalt macht's und nicht die Verpackung. Kirchen sind also keine heiligen Räume, sondern Funktionsbauten. Gemacht, damit es beim Gottesdienst niemandem auf den Kopf regnet. So weit die Theorie.
Doch längst sind den Protestanten ihre Räume, die partout keine heiligen sein sollen, ans Herz gewachsen. Wie das eben so ist bei Liebesbeziehungen: Meist siegt das Herz, nicht der Verstand. Und manchem wird längst bange ums Herz, wenn er an die Zukunft der Kirchenräume denkt (siehe unsere Serie Kirchen + Räume).
Experten gehen inzwischen davon aus, dass in den kommenden beiden Jahrzehnten bundesweit rund die Hälfte der über 21000 evangelischen Gotteshäuser überflüssig werden könnte. Die allseits beklagte Bevölkerungsentwicklung ist schuld. Und die damit einhergehenden langsam schrumpfenden Kirchensteuereinnahmen.
Und noch etwas belastet das Konto der Kirchen: Niemals zuvor in der mitteleuropäischen Geschichte wurden mehr Sakralbauten errichtet als in den Jahren nach 1945. Die kommen langsam in die Jahre und mit ihnen das Gebälk. Grundlegende Sanierungen werden notwendig. Bauarbeiten, die manchen Gemeindesäckel bis auf den Grund leeren - oder schon geleert haben.
Warnendes Vorbild ist das Bistum Essen, das aus Kostengründen dabei ist, knapp 100 Kirchen zu versilbern. Das ist eine öffentliche Bankrotterklärung: finanziell und spirituell. Die Evangelischen tun gut daran, ihre Räume nicht vorschnell auf dem Altar der Finanzpläne zu opfern. Und die Diskussion darüber, wie das zu verhindern ist, ist voll entbrannt. Von »alles abreißen« bis zu »alles stehen und lieber verfallen lassen« reichen die Vorschläge.
Wie man es auch nimmt: Ein Allheilmittel gibt es nicht. Fast alle Vorschläge tun weh. Aber der Abschiedsschmerz könnte sich auch als Geburtswehe eines neuen Umgangs mit den Gebäuden entpuppen - irgendwo in der Mitte zwischen Liebe und Verstand.
Ein professionelles Gebäudemanagement steckt in der Kirche erst in den Kinderschuhen. Immobilienexperten rechnen inzwischen vor, wie sich bis zu 20 Prozent Kosten sparen lassen. Wunder sind von alldem nicht zu erwarten. Aber zumindest das: dass aus der Baulast wieder Lust am Bau wird. |
Alle Folgen der Serie » Kirchen + Räume und weitere Informationen finden Sie » hier...
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