Wer war Bonhoeffer?
Münchener Theologiestudierende auf den Spuren des Widerstandskämpfers in Bayern und Berlin
Die Teilnehmer eines kirchengeschichtlichen Seminars »Bonhoeffer und der evangelische Widerstand gegen den Nationalsozialismus« an der Uni München begaben sich auf die Spuren des evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers.
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Reichert
 Die Münchener Studierenden mit Theologieprofessor Harry Oelke (rechts außen) auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.
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Es ist nur ein kleiner Zettel: dünnes Papier, eng beschrieben. Jutta Weber legt ihn vorsichtig auf den Tisch. Die Umstehenden blicken ehrfurchtsvoll darauf: das Original von Bonhoeffers berühmten Gedicht »Wer bin ich«. Er hat es kurz vor seinem Tod im Gefängnis in Berlin Tegel verfasst.
Die Leiterin der Handschriften-Abteilung der Staatsbibliothek in Berlin hat noch weitere Briefe aus dem Nachlass Bonhoeffers. Sie zieht sie behutsam aus den fein säuberlich beschrifteten Mappen. Es sind persönliche Briefe, die von der Ungewissheit und Belastung der langen Haft zeugen. Jeder Zentimeter des kostbaren Papiers ist mit der engen Handschrift ausgefüllt. Jetzt liegen sie da, zum Anfassen und Durchblättern.
Fasziniert bestaunen die Teilnehmer einer Exkursion des Münchener Professors für Kirchengeschichte Harry Oelke das Material. Die Theologiestudierenden der Universität München haben das Seminar »Bonhoeffer und der evangelische Widerstand gegen den Nationalsozialismus« besucht. Sie haben sich intensiv mit Bonhoeffer auseinander gesetzt und vertiefen auf einer Studienfahrt ihr Wissen mit Dokumenten und an Originalschauplätzen.
Ein Teilnehmer gewinnt neue Einsichten: »Plötzlich beginnen die Texte Bonhoeffers zu leben. Sein Widerstand stellt eine Frage an uns - es ist, als ob die Briefe an uns gerichtet wären«. Beim Betrachten der Originale tauchen auf einmal solche Gedanken auf. Es ist eben etwas anderes, ob Texte in Büchern stehen oder handschriftlich vor einem liegen.
Die Exkursion macht Geschichte anschaulich, erfüllt Fakten mit Leben: Der Wahnsinn der NS-Zeit, in Nürnberg ist er zu Stein geworden und bis heute sichtbar. Auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg stehen die monströsen Bauten der Nationalsozialisten. Auffallend ist die pompöse Verkleidung mit Granit. Auf der »Großen Straße«, einer autobahnähnlichen Aufmarschanlage, liegen Granitplatten in der Größeneinheit »zwei deutsche Stechschritte« - zwei Kilometer weit.
Wer hat diese ungeheueren Mengen Steine gehauen?
Am nächsten Tag sehen es die Exkursionsteilnehmer im KZ Flossenbürg: im nahe gelegenen Steinbruch mussten die Insassen Granit abbauen. Die meisten starben dabei an Erschöpfung. In Flossenbürg gab es keine Gaskammern, gemordet wurde auf andere Weise. »Vernichtung durch Arbeit war die Methode dieses Lagers«, erklärt Oelke.
Bonhoeffer war nur einen Tag in Flossenbürg. Er wurde hier am 9. April 1945 mit anderen Widerstandskämpfern hingerichtet. Eine Übersicht der verschiedenen Formen des Widerstands gibt die Gedenkstätte deutscher Widerstand in Berlin. Sie will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die NS-Diktatur gewehrt haben: kommunistischer Widerstand, Arbeiterbewegungen, einfache Menschen und Offiziere der Wehrmacht.
Auch die Lebensgeschichte Bonhoeffers erzählt, warum und wie er sich dem Widerstandskreis um seinen Schwager Hans von Dohnany anschloss. Die Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus im Berliner Stadtteil Charlottenburg erzählt viel von seinem Leben. Das Elternhaus ist heute der Öffentlichkeit zugänglich. Hier fanden konspirative Gespräche unter maßgeblicher Beteiligung von Familienmitgliedern statt.
Die Gedenkstätte zeigt den Einfluss von Familie und Erziehung auf Bonhoeffers Theologie. Stets war in der kinderreichen Familie das Mit-Bedenken des anderen oberste Priorität. Bei Bonhoeffer bedeutete diese Verantwortung in letzter Konsequenz den Tod. In der Dachkammer des Elternhauses wohnte und arbeitete der Theologe von 1940 bis zu seiner Verhaftung im April 1943. Seine bedeutendste theologische Abhandlung »Ethik« entstand hier. Die Münchener Theologiestudierenden kennen sie gut - als Buch.
Als Teil von Bonhoeffers Leben und Persönlichkeit lernen sie die Schrift erst jetzt richtig kennen: hier am Entstehungsort, seinem Schreibtisch, und in der Staatsbibliothek zu Berlin, wo sie die verschmierten Manuskriptseiten lesen können. |