Ratloses Schweigen
Mit dem »Gedenkjahr« für Hans Meiser hat die evangelische Kirche in Nürnberg Schiffbruch erlitten
Hans Meisers 125. Geburtstag sollte Anlass zur kritischen Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte geben. Herausgekommen ist ein PR-Debakel für die evangelische Kirche.
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 Landesbischof Hans Meiser 1955 nach seinem Abschieds- gottesdienst.
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Willi Stöhr hatte viel vor. Vor ein paar Monaten ist er mit Feuereifer angetreten, um die Evangelische Stadtakademie Nürnberg zum Ort des öffentlichen Diskurses zu machen. Die Kirche sollte von hier aus in die Stadtgesellschaft wirken, Offenheit und Kritikfähigkeit zeigen. Eine glückliche Fügung spielte ihm gleich im ersten Amtsjahr einen runden Jahrestag der Zeitgeschichte zu.
Prima, sagte Stöhr, und lud zur Diskussion über Hans Meiser, Bayerns evangelischen Landesbischof unterm Hakenkreuz.
Andrea Schwarz hatte auch viel vor. Die neue Leiterin des Landeskirchlichen Archivs legte sich mit einer Meiser-Ausstellung ins Zeug. Bloß nichts totschweigen, sagte Schwarz, und lieferte für Stöhrs Diskussionsbühne die Faktenkulisse aus historischen Fotos und Originaldokumenten aus Meisers Leben.
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 Zwei Aufnahmen, zwei Marksteine in Meisers Biografie: Hier grüßt der 1934 vom NS-Regime arrestierte Landesbischof das vor dem Landeskirchenamt versammelte Volk mit dem »deutschen Gruß«...
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Nun sind beide ratlos und sagen im Augenblick gar nichts mehr, schon gar nicht auf Anfragen von Journalisten. Denn das Meiser-Erinnerungsjahr, zu dessen Bausteinen auch ein von der Landeskirche finanziertes Buch und ein Gottesdienst an Meisers Todestag gehört, ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Diskutiert wurde nämlich auf einmal nicht über die ambivalente Persönlichkeit Meisers (siehe Sonntagsblatt vom 19. Februar 2006), sondern über die Tatsache, dass die evangelische Kirche überhaupt den Versuch unternimmt, sich mit ihm auseinanderzusetzen und nicht nur Meisers latenten Antisemitismus und seinen Schulterschluss mit dem Regime, sondern auch seine Verdienste um die Kirche wahrnimmt. Nazi-Verherrlichung, Schönfärberei, Verhöhnung von NS-Opfern: Nicht ein Veteranentreffen alter SS-Kameraden, sondern Stöhr und Schwarz waren die Adressaten von derlei Kritik (siehe hierzu auch den Kommentar).
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 ...hier verlässt Meiser 1955 die Bayreuther Stadtkirche nach seinem Abschiedsgottesdienst als Bischof.
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Und mit ihnen der Landesbischof, dessen Vorwort in besagtem Meiser-Buch erkennen lässt, dass er die Vorwürfe eher von der anderen Seite erwartet hatte - von den Verehrern des Kirchenkampfbischofs nämlich, denen die Kritik an Meiser zu weit geht. Von denen zollten denn auch viele dem Meiser-Sohn Rudolf, ehedem Kreisdekan in Ansbach, bei einer Veranstaltung der Stadtakademie Respekt für dessen Versuche, um Verständnis für das Wirken seines Vaters zu werben ( www.bischof-meiser.de).
Die Umkehrung der Diskussion hat ein evangelischer Theologe angestoßen: Dieter Potzel aus Würzburg, bayerischer Pfarrer a. D. und nach eigener Aussage Mitarbeiter im »Universellen Leben«, empfahl der Nürnberger Abendzeitung seine eigenen Publikationen über Meiser ( www.theologe.de) und wurde dort in einem Interview zum Kronzeugen gegen den Meiser-Diskurs geadelt. Kommunalpolitiker von SPD und Grünen ließen sich die Ausstellung zeigen und monierten prompt, es seien »etliche Fragen offen geblieben«. Die Nürnberger Nachrichten forderten die Umbenennung der Meiser-Straßen in Bayern.
Ungleich höhere Sprengkraft entfaltete freilich ein empörter Brief des Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, Arno Hamburger, an Landesbischof Johannes Friedrich, zumal dieser auf bislang nicht geklärte Weise auf dem Redaktionstisch der AZ landete, die ihn in vollem Wortlaut veröffentlichte. Hamburger schreibt darin unter anderem, Meiser habe durch seine antisemitischen Äußerungen »wie Julius Streicher schon in den 1920er-Jahren den geistigen Grundstein dafür gelegt, dass Millionen meiner Glaubensschwestern und -brüder ermordet wurden« und verwahrt sich gegen ein »Gedenkjahr« für Meiser.
Im Landeskirchenamt raufte man sich die Haare und sucht nach Auswegen aus der Krise. Vorläufig soll ein persönliches Gespräch zwischen Hamburger und Friedrich die Wogen glätten. An einem »Bedenk-Gottesdienst« am 8. Juni in der Nürnberger Johanniskirche will der Landesbischof auch gegen Widerstände der Nürnberger Stadtkirche festhalten. Ein unabhängiger Historiker, den Kirche und Stadt einvernehmlich beauftragen, soll nun Meisers Rolle im NS-Regime untersuchen.
Dazu sagt Stöhr dann doch noch etwas, einen Merkspruch, der in seiner Tübinger Studienzeit am Eingang zur Bibliothek hing: »Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckung.« | MEISER-DISKUSSION
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