Ohne Zorn und Eifer
Die Diskussion um Hans Meiser und ihre seltsamen Blüten
Von
Thomas Greif
Sine ira et studio, ohne Zorn und Eifer: So lautet das eherne Prinzip der Geschichtsforschung. Es gilt auch für die Zeit des Dritten Reiches, auch wenn es da besonders schwer fällt. Aber Glaubwürdigkeit erwächst nur aus unaufgeregter Sachlichkeit.
Jahrzehntelang erntete Zorn und Eifer, wer sich erlaubte, auf die dunklen Stellen in der Biografie Hans Meisers hinzuweisen: seine antisemitischen Ressentiments, sein vielfaches Schweigen im Angesicht von Barbarei und Terror. Denn Meiser galt im Bewusstsein der bayerischen Protestanten in erster Linie als derjenige, der Hitler 1934 erfolgreich die Stirn geboten und die Zerschlagung der Kirche verhindert hatte. Die Zeitenwende 1945 überdauerte er hochgeachtet. Auf ihren Bischof ließen die Zeitgenossen nichts kommen, was ein Blick ins Leserbrief-Archiv des Sonntagsblattes trefflich beweist.
50 Jahre nach Meisers Tod, so konnte man denken, sollte die Zeit gekommen sein, die ganze Widersprüchlichkeit von Meisers Persönlichkeit zu beleuchten. Die Kirche schnürte ein Paket aus wissenschaftlichem Buch, Vorträgen, einer Ausstellung und, nun ja, einem Gedenkgottesdienst.
Doch nun kamen Zorn und Eifer plötzlich von der anderen Seite: »Kirche ehrt Nazi-Bischof«, titelte die Nürnberger Abendzeitung zum Auftakt einer Serie kritischer Artikel, und Arno Hamburger von der dortigen Israelitischen Kultusgemeinde stellte Meiser gar auf eine Stufe mit Julius Streicher, dem widerlichsten Exponenten des Dritten Reiches. (siehe: Ratloses Schweigen - Mit dem »Gedenkjahr« für Hans Meiser hat die evangelische Kirche in Nürnberg Schiffbruch erlitten). Im Klima der Aufgeregtheit erwuchsen seltsame Ideen. Man hätte Meiser gewissermaßen in Frieden ruhen und gar nicht erst thematisieren sollen, ereiferte sich die Abendzeitung. Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich durch Schweigen? Das ist geradezu lachhaft.
Nun soll ein unabhängiger Historiker Meisers Persönlichkeit untersuchen. Wozu? Erst vor ein paar Wochen ist wieder ein Buch erschienen, das Meiser aus zahlreichen Blickwinkeln gründlich beleuchtet, übrigens auch seine seit Jahrzehnten bekannten und für ihre Zeit leider geradezu typischen üblen antisemitischen Äußerungen, die das Nürnberger Stadtarchiv peinlicherweise jüngst als sensationelle Neuentdeckung verkaufte. Die Forschungsergebnisse liegen auf dem Tisch, es ist nur die Frage, wie man sie bewertet. Aber das kann der Gesellschaft auch ein weiterer Historiker, der sich mit Meiser auseinandersetzt, nicht abnehmen.
Nachdenken kann man tatsächlich über die Frage, ob die Benennung von Straßen nach einer ambivalenten Persönlichkeit wie Meiser angemessen ist. In gleicher Weise müsste man dann freilich über einen Namengeber wie Richard Wagner nachdenken, der sich vielfach grimmig antisemitisch geäußert hat. Wo ist - von Martin Luther bis Franz Josef Strauß - die historische Persönlichkeit, die in allen Belangen moralisch unangreifbar ist?
Bliebe noch der Gottesdienst mit Kranzniederlegung. Er ist eine ehrende Würdigung und unangemessen. Wagen wir eine Prophezeiung: Er wird nicht stattfinden, zumindest nicht so, wie ursprünglich geplant. | MEISER-DISKUSSION
Ratloses Schweigen: Mit dem »Gedenkjahr« für Hans Meiser hat die evangelische Kirche in Nürnberg Schiffbruch erlitten. Von Thomas Greif. » mehr!
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