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Dieser Artikel: Ausgabe 15/2006 vom 09.04.2006
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Der Bischof von Penzberg

Ausstellung im Stadtmuseum erinnert zum 100. Geburtstag an Widerstandspfarrer Karl Steinbauer


Er nahm kein Blatt vor den Mund und scheute weder Amtsenthebungsverfahren noch Lagerhaft: Dieses Jahr wäre der streitbare Pfarrer Karl Steinbauer 100 Jahre alt geworden. Die Stadt Penzberg, mit deren evangelischer Gemeinde er von 1933 bis 1938 der NS-Diktatur Widerstand leistete, widmet dem Theologen eine Ausstellung.

Ein Empfangskomitee der Gemeinde Penzberg holte Karl Steinbauer (Mitte) nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Weilheim ab. Neben seiner Frau Eugenie (sitzend links, mit der ältesten Tochter) war auch Fritz Seltmann (rechts) dabei, der zwar Parteimitglied der NSDAP war, aber trotzdem aktiv im Penzberger Kirchenvorstand mitwirkte.
Foto: Stadtmuseum
   Ein Empfangskomitee der Gemeinde Penzberg holte Karl Steinbauer (Mitte) nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Weilheim ab. Neben seiner Frau Eugenie (sitzend links, mit der ältesten Tochter) war auch Fritz Seltmann (rechts) dabei, der zwar Parteimitglied der NSDAP war, aber trotzdem aktiv im Penzberger Kirchenvorstand mitwirkte.

Dabei war dem jungen Vikar eine Widerstandskarriere nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Karl Steinbauer wurde am 2. September 1906 im fränkischen Windsbach als zehntes von zwölf Kindern geboren, der Vater war Pfarrer, das politische Denken der Familie deutschnational geprägt. Als Theologiestudent gehörte Steinbauer der schlagenden Verbindung »Germania« an und 1931 trat er sogar der NSDAP bei, weil er sich von ihr ein Ende der chaotischen Verhältnisse in der Weimarer Republik erhoffte.

Doch schon ein Jahr später verließ er Hitlers Partei wieder: Der so genannte »Mord von Potempa«, bei dem SA-Männer einen Kommunisten zu Tode getrampelt hatten, öffnete ihm die Augen. 1933 wurde Steinbauer als Vikar ins politisch dunkelrote Bergarbeiterstädtchen Penzberg geschickt, wo die NSDAP mit 16,1 Prozent ihr bayernweit schlechtestes Ergebnis einfuhr.

Auf die folgenden fünf Jahre hat Ausstellungsmacherin Gisela Geiger ihr Hauptaugenmerk gelegt. Gleich zu Beginn stemmt sich Steinbauer gegen staatliche Zwangsmaßnahmen: Es gelingt ihm, die zum Zwecke der politischen Gleichschaltung angeordneten Neuwahlen des Kirchenvorstands zu unterlaufen. »Er hat einfach die alte Kandidatenliste umgestellt«, sagt der frühere Penzberger Pfarrer Gerhard Orth. Alle bisherigen Kirchenvorsteher - vom SPD-Mann bis zum NSDAP-Mitglied - wurden wieder gewählt und standen fortan unverbrüchlich zu ihrem unerschrockenen Vikar.

Familienbild im Oberland: Karl Steinbauer mit Frau und Tochter.
Foto: Stadtmuseum
   Familienbild im Oberland: Karl Steinbauer mit Frau und Tochter.

Der hatte das auch bitter nötig. 1934 kritisiert er in einem offenen Brief die vorsichtige Haltung von Landesbischof Hans Meiser: »Der Bischof hat mein Vertrauen verloren. Er hat das Bekenntnis, die Kirche, Christus verleugnet.« Die Landeskirche enthebt ihn daraufhin seines Amtes. Doch seine Penzberger protestieren so lange, bis Steinbauer in die Gemeinde zurückkehren darf.

Immer wieder prangert der wortgewaltige Prediger den nationalsozialistischen Antisemitismus an, immer wieder wird er denunziert, immer wieder verteidigt ihn sein Kirchenvorstand. Als Steinbauer im März 1936 die Beflaggung der Kirche anlässlich der gefälschten Wahlen verweigert, zitiert ihn sein Landesbischof zu sich. Auf die Vorhaltungen Meisers antwortet er mit dem inzwischen geflügelten Wort: »Der Bischof der evangelischen Gemeinde in Penzberg bin ich und nicht Sie. Das ist zwar in mancher Hinsicht notvoll, aber ich kann und darf mir diese Verantwortung von niemandem abnehmen lassen.«

Kurz darauf wird Steinbauer das erste Mal verhaftet und kommt ins Weilheimer Gefängnis. Während seiner zweiten Haftzeit pfeifen Gemeindemitglieder unter dem Zellenfenster »Gelobt sei Gott im hohen Thron«, sein liebstes Kirchenlied, er studiert die Bibel, hält Kirchenvorstandssitzungen im Gefängnis und plant den Bau eines Gemeindesaals in Seeshaupt. Bis 1940 verbringt er 499 Tage in Haft, die Hälfte davon ab 1939 gemeinsam mit Martin Niemöller im KZ Sachsenhausen.

Zu diesem Zeitpunkt war Steinbauer schon nicht mehr Pfarrer von Penzberg - seine unbeugsame politische Haltung hatte die Landeskirche, die sich zum Schluss hinter ihn gestellt hatte, zu einer Versetzung genötigt.

Wie sehr Steinbauer aber seine Penzberger Jahre zeitlebens geprägt haben, schildert Pfarrer Orth anhand einer späteren Gegebenheit. Als Steinbauer schon alt und von mehreren Schlaganfällen gezeichnet war, veranstaltete die Stadt Erlangen ihm zu Ehren einen Festakt. Steinbauer sah sich während der Rede im Saal um und erblickte einige seiner früheren Gemeindeglieder. »Da sprang er von seinem Sitz auf und rief: 'Penzberger sind da!' und die kamen nach vorne und lagen sich in den Armen.«

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Susanne Petersen

 


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abgerufen 09.02.2012 - 02:15 Uhr

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