Saubere Quellen
Medienkolumne
Bastian Schweinsteiger und der Fall der »tz«
Wissenschaftler haben den Stoff untersucht, aus dem Medienskandale sind. Die Zutaten, »Nachrichtenfaktoren« genannt, sind einfach: Man nehme eine bekannte Person, »Eliteperson« genannt, stammend aus einer »Elitegesellschaft«, rühre dieselbe zu gleichen Teilen mit einer Portion Negativität, Konflikt und Überraschung an und gieße eine Soße darüber, die gemeinhin »Enthüllung« genannt wird.
Schon hat man eine Zeitungsgeschichte, die am Kiosk tausende und abertausende verkaufte Exemplare bringt.
So geschehen im Fall Bastian Schweinsteiger. Der junge Fußball-Nationalspieler, ein wichtiger Hoffnungsträger in Sachen Weltmeisterschaft, wurde in den vergangenen Wochen marktschreierisch beschuldigt, am Wettskandal beteiligt gewesen zu sein und womöglich sogar mitverdient zu haben. Mit ihm wurden noch zwei Spieler von 1860 München genannt.
Die Münchner tz glaubte, der Enthüllung des Jahres auf der Spur zu sein. Nachdem das ARD-Wirtschaftsmagazin plusminus gemeldet hatte, im Wettskandal, an dem deutsche Schiedsrichter der 2. Bundesliga beteiligt waren, seien nun auch Spieler aus der 1. Bundesliga in Verdacht, erschien wenige Tage später die Münchner Boulevardzeitung mit dem Aufmacher, der Bastian Schweinsteiger und andere Kollegen in Zusammenhang mit Wettbetrug auf dem Fußballplatz brachte: die »Eliteperson« Schweinsteiger in Verbindung mit dem Eliteverein Bayern München, dies in zeitlich unmittelbarer Nähe zur Fußballweltmeisterschaft - und alles gemischt mit böser Überraschung, Konflikt und Negativität.
Bayern München allerdings ist geübt im Umgang mit angeblichen und anderen Skandalen: Der Verein brüllte zornig zurück und schickte seine Anwälte auf den Platz. Die erreichten sofort eine einstweilige Verfügung, und - nachdem die Zeitung ihre Behauptungen zunächst wiederholte - wenige Tage später musste der Sportchef der Boulevardzeitung seinen Sessel räumen. Die Staatsanwaltschaft hatte richtiggestellt, dass gegen die von der Zeitung genannten Spieler nichts vorliege und auch nicht daran gedacht sei, sie zu befragen - auch nicht als Zeugen.
Beschädigt sind nun alle Beteiligten: die Spieler, die Zeitung und der Fußballsport.
Man kann nur vermuten, was zu solch einer journalistischen Blamage geführt haben mag: Redakteure haben Informanten als glaubwürdig eingeschätzt, die aus Unwissen, Halbwissen, Neid oder Bosheit falsche Behauptungen aufgestellt oder weitergegeben haben.
Einmal mehr wäre jedenfalls der Satz bewiesen, dass eine gut recherchierte, nach allen Seiten abgesicherte Information für eine von Medien bestimmte Gesellschaft genauso wichtig ist wie sauberes Wasser. | MEDIEN-KOLUMNE
Johanna Haberer, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblatts, ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen und Sprecherin des » Wort zum Sonntag«. In ihrer monatlichen Kolumne beobachtet sie die Medienlandschaft.
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