Läuterung erst in der Nachspielzeit
Der organisierte deutsche Fußball war ein willfähriger Partner der Nationalsozialisten
Rechtzeitig vor der Fußball-Weltmeisterschaft im Juni hat der Deutsche Fußballbund (DFB) seine Geschichte im Nationalsozialismus aufgearbeitet, von der die Fußballfunktionäre lange nichts wissen wollten.
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 August 1935, mit deutschem Gruß zum Länderspiel in der »Hauptstadt der Bewegung«: Der Schalker Fritz Szepan führt die deutsche Mannschaft zu einem Match gegen Finnland ins 60er-Stadion, damals nach einem früheren Präsidenten des Münchner Clubs benannt. Das Spiel endete 6:0 für Deutschland.
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Die NS-Größen begeisterten sich vor allem für Autorennen, Boxen und Leichtathletik. Den Fußballsport schätzten sie weniger. Hitler soll nur ein einziges Mal ein Spiel im Stadion verfolgt haben, das 0:2 Deutschlands gegen Norwegen bei den Olympischen Spielen 1936. Doch weil Fußball schon damals ein Massensport war, ließ er sich nicht ignorieren: Auch den Fußball vereinnahmte der Nationalsozialismus zu Propagandazwecken und für eine verbrecherische Rassen- und Kriegspolitik.
»Jüdische Fußballer wurden drangsaliert, von Wettkämpfen ausgeschlossen, einige gar getötet«, schreiben Gerhard Fischer und Ulrich Lindner in ihrem Buch »Stürmer für Hitler«. Länderspiele dienten der Imagepflege des aggressiven Regimes. Als die Nationalmannschaft im April 1941 gegen Ungarn kickte, ließ Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten den Spielern ausrichten: »Spielt ja fair, es liegt etwas Besonderes in der Luft«! Gemeint war der bevorstehende Kriegseintritt Ungarns an der Seite Deutschlands und Italiens. Das Spiel endete 7:0 für Deutschland.
Unterhachings Unzuverlässigkeit
Einen willfährigen Partner fanden die Nationalsozialisten im Deutschen Fußballbund (DFB). Der Verband spielte mit und trug so zur Stabilisierung der NS-Herrschaft bei. Schon zwei Wochen nach der Machtergreifung Hitlers vermeldete der DFB im »Kicker« in vorauseilendem Gehorsam: »Der Vorstand des deutschen Fußball-Bundes und der Vorstand der deutschen Sportbehörde halten Angehörige der jüdischen Rasse in führenden Stellungen der Landesverbände und Vereine nicht für tragbar.« Der Süddeutsche Fußball- und Leichtathletikverband forderte Anfang April 1933 die Vereine auf, alle jüdischen Mitglieder auszuschließen.
Auch viele Vereine und ihre Spieler ließen sich vom Regime in Dienst nehmen. Der FC Schalke 04 mit seinen Vorzeigekickern Ernst Kuzorra und Fritz Szepan holte während der Nazizeit sechs Meistertitel ins Revier. Und wurde unwidersprochen zum Werbeträger einer politischen Mystik, nach der die deutschen Arbeiter mit eisernem Willen den Sieg erringen.
Zum Kapitän der Nationalelf berufen, bekannte sich Szepan 1938 nach dem »Anschluss« Österreichs zur NSDAP. Der Durchhaltefilm »Das große Spiel« über die Schalker Erfolgself mit Gustav Knuth in der Hauptrolle - und dem späteren Bundestrainer Sepp Herberger als sportlichem Berater - sollte Normalität im Kriegsalltag vorspielen. Dagegen riskierte Repressionen, wer nicht mitzog: Der Münchner Vorortverein Spielvereinigung Unterhaching wurde 1933 wegen »politischer Unzuverlässigkeit« von den neuen Machthabern aufgelöst.
Nach dem Krieg wollte der DFB von dieser Vergangenheit nichts wissen. Noch bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien empfing die deutsche Delegation im Trainingslager den überzeugten Nazi und Wehrmacht-Flieger Hans-Ulrich Rudel. Und in der 2000 erschienenen, 600 Seiten starken Chronik »100 Jahre DFB« behandeln kaum 30 Seiten die NS-Zeit.
»Das Mörderische verkannt«
Erst im Vorfeld der WM 2006 mit ihrer weltweiten Aufmerksamkeit für den deutschen Fußball beauftragte der DFB die Historiker Nils Havemann und Klaus Hildebrand mit der Aufarbeitung der Verbandsgeschichte zwischen 1933 und 1945. Ihre Studie »Fußball unterm Hakenkreuz« erschien im Herbst. »Es hat sich natürlich gezeigt, dass wir keine Widerstandskämpfer waren«, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger bei der Präsentation der Arbeit. »Sondern, dass wir das Mörderische des Systems verkannt haben.«
Um die Läuterung des DFB unter Beweis zu stellen, kündigte Zwanziger konkrete Schritte an. Der Verband stiftete den »Julius-Hirsch-Preis« für Freiheit und Toleranz, gegen Rassismus und Gewalt. Die Auszeichnung ist nach dem deutschen Nationalspieler Julius Hirsch benannt, der als Jude im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Erster Preisträger war 2005 das »Perez-Center for Peace«, ein Versöhnungsprojekt für israelische und palästinensische Jugendliche.
Und bei einem Seminar in der Evangelischen Akademie im schwäbischen Bad Boll will der DFB Anfang April - zwei Monate vor dem WM-Eröffnungsspiel in München - die Ergebnisse des Buches »Fußball unterm Hakenkreuz« mit Fachleuten diskutieren und vertiefen. | FUSSBALL IM NATIONALSOZIALISMUS
Buchtipps
Nils Havemann, Fußball unterm Hakenkreuz. Campus Verlag 2005, 19,90 Euro. ISBN 3-593-37906-6
Gerhard Fischer und Ulrich Lindner, Stürmer für Hitler. Verlag Die Werkstatt 1999, 14,40 Euro. ISBN 3-89533-241-0
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