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Dieser Artikel: Ausgabe 08/2006 vom 19.02.2006
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Dauerläuten gegen den Missklang

In Kempten sucht ein europäisches Glockenforschungsprojekt nach dem reinen Wohlklang


Wie lassen sich Schäden an oft vielen Jahrhunderte alten Glocken besser und früher erkennen? Das europäische Glockenforschungsprojekt »probell« und Wissenschaftler der Fachhochschule Kempten sind den Geheimnissen des dauerhaftesten menschlichen Instrumentes auf der Spur.

Im schalldichten Versuchslabor der Fachhochschule Kempten testen die Forscher durch tägliches, stundenlanges Läuten, wie man Schäden an Glocken frühzeitig erkennen und vielleicht ganz vermeiden kann.
Foto: epd-bild
   Im schalldichten Versuchslabor der Fachhochschule Kempten testen die Forscher durch tägliches, stundenlanges Läuten, wie man Schäden an Glocken frühzeitig erkennen und vielleicht ganz vermeiden kann.

Die Glocken läuten jeden Tag stundenlang. Zu hören bekommt den ohrenbetäubenden Klang jedoch fast niemand. Denn die kelchförmigen Klangkörper hängen nicht in einem Turm, sondern in einem Versuchslabor der Fachhochschule Kempten. Und aus dem Labor, einem schalldichten Raum, dringt kein Ton nach außen. Und was ebenso wichtig ist: Auch von außen kann kein Geräusch die Klangmessungen stören.

»Cognitioni sonare volo« (Ich will für die Erkenntnis erklingen) lautet die lateinische Inschrift auf einer der Glocken. Insgesamt zwölf Glocken werden nur für die Wissenschaft gegossen und geläutet, erklärt Professor Andreas Rupp von der Fachhochschule Kempten. Er leitet das Europäische Glockenforschungsprojekt »probell«, an dem acht europäische Glockengießereien, die evangelische und katholische Kirche, der TÜV sowie die Universitäten Padua (Italien) und Ljubljana (Slowenien) beteiligt sind.

Seit Jahrhunderten gleich

In dem zwei Jahre dauernden Projekt soll erforscht werden, wie man Schäden an den Klangkörpern frühzeitig erkennen und vielleicht ganz vermeiden kann. 1,6 Millionen Euro hat die Europäische Union dafür zur Verfügung gestellt.

Im Labor sind nicht nur Glocken installiert, sondern auch Geräte, die eine Beschleunigung des Klöppels registrieren, den Klang aufnehmen oder Verformungen messen. Zwei Wissenschaftler und ein Techniker werten die Daten aus. Sie wollen feststellen, wie man Glocken möglichst schonend, aber trotzdem lange und laut läuten kann.

Dazu werden beispielsweise unterschiedliche Klöppel benutzt und verschiedene Lautstärken getestet. Danach werden die Glocken an mehreren Stellen sogar beschädigt, um die Auswirkungen auf den Klang zu untersuchen.

Zwei der Klangkörper wurden von der Karlsruher Gießerei Bachert gegossen. Die Glockengießerei hat unter anderem Glocken für die Dresdner Frauenkirche hergestellt. Egal ob fürs Labor oder den Glockenturm: Aussehen und Material bleiben gleich. Die Zusammensetzung des Metalls Bronze ist in seiner Zusammensetzung seit Jahrhunderten gleich: 22 Prozent Zinn und 78 Prozent Kupfer. Die Mischung sei äußerst stabil und wenig anfällig für Umwelteinflüsse, erklärt Rupp.

Hitze oder Frost können den metallenen Instrumenten kaum etwas anhaben. Mit den neuen Erkenntnissen wollen die Experten alte kulturhistorisch wertvolle Glocken besser erhalten und schützen. Wie etwa die »Hosanna« im Freiburger Münster, die fast 750 Jahre alt ist. Oder die »Gloriosa« im Erfurter Dom, die 1497 gegossen wurde und als eine der schönsten Glocken gilt. Gesprungene Glocken können zwar repariert werden, doch das ist sehr aufwändig.

Wenn es um den »guten Klang« geht, lassen sich die Wissenschaftler auch von Kirchenmusikern beraten. Doch neben dem subjektiven Empfinden gibt es auch objektive Kriterien für den Wohlklang. So spielt etwa die Nachklingdauer für die Beurteilung eine wichtige Rolle. Für die badische evangelische Landeskirche entsteht derzeit eine Glocken-Datenbank. Darin sollen alle Kirchenglocken, digital aufgenommen, verzeichnet werden. Denn die Veränderungen im Klang einzelner Glocken können geschulte Ohren früh hören. Noch schneller kann dies allerdings der Computer. Dazu müssen die digitalen Klangbilder miteinander verglichen werden, was jetzt in Kempten getestet wird.

Jede Glocke hat dabei einen ganz eigenen Klang. Fachleute nennen diese Unverwechselbarkeit den »akustischen Fingerabdruck« der Glocken. Von berühmten Glocken wollen die Forscher diesen individuellen Fingerabdruck aufnehmen und speichern, damit Veränderungen und Schäden frühzeitig erkannt werden.

Zunächst sind noch die Wissenschafts-Glocken im Labor an der Reihe. Doch danach sollen berühmte europäische Glocken folgen, etwa die Glocken vom Pariser Sacré Coeur oder vom Petersdom in Rom.

   Internet:  www.probell.net und  www.glocken-online.de.

ZITAT

Die Schwestern

Die Kanone sprach zur Glocke: »Immer locke, immer locke!«

Hast dein Reich, wo ich es habe, hart am Leben, hart am Grabe.

Strebst umsonst, mein Reich zu schmälern, bist du ehern, bin ich stählern.

Heute sind sie dein und beten, morgen sind sie mein und - ­töten.

Klingt mein Ruf auch unwillkommen, keiner fehlt von deinen Frommen.

Beste, statt uns zu verlästern, lass uns einig sein wie Schwestern!«

Drauf der Glocke dumpfe Kehle: »Ausgeburt der Teufelsseele,

wird mich erst der Rechte läuten, wird es deinen Tod bedeuten.«

Christian Morgenstern

Christine Süß-Demuth

 


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/news/aktuell/2006_08_25_01.htm
abgerufen 08.02.2012 - 23:38 Uhr

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