Irritierende Kontinuität
Eine neues Buch beleuchtet die bruchlose Biografie des Landesbischofs Hans Meiser
Von Thomas Greif
Es gibt Biografien, die erstaunlich bruchlos über gewaltige zeitgeschichtliche Zäsuren hinweg gehen. Hans Meiser, Jahrgang 1881, erlebte das Kaiserreich, die Revolution und das Ende der Monarchie 1918, das Krisenjahr 1933 und den totalen staatlichen und moralischen Zusammenbruch 1945. Landesbischof wurde er unter Hitler und blieb es bis in die Ära Adenauer. Ein zum 125. Geburtstag am 8. Juni erschienener Sammelband beschäftigt sich intensiv mit der Biografie Meisers. Fazit: Das erzkonservativ-lutherische Koordinatensystem des Hans Meiser blieb bis zu seinem Tod anno 1956 unverrückbar.
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LKArchiv Nürnberg
 Der Bischof nimmt seinen Hut: der erste bayerische Landesbischof Hans Meiser nach seiner Verabschiedung aus dem Amt in Bayreuth 1955. Vor 125 Jahren, am 16. Februar 1881, wurde Meiser geobren.
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Es ist diese Kontinuität, die etwas von Unbelehrbarkeit hat, die bis heute irritiert. Stand nicht jeder höhere Verwaltungsbeamte, der sein Amt just 1933 angetreten hatte, 1945 zwangsläufig am Pranger von Justiz und Gesellschaft? Warum nicht Meiser? Protestierten nicht andere Kirchenleute lautstark gegen die Unmoral des NS-Unrechtsstaates und riskierten dabei Leib und Leben? Warum nicht Meiser? Besann sich die Kirche nicht schon bald nach Kriegsende auf ihre historische Schuld am Dritten Reich? Warum nicht Meiser?
Seine meistzitierte Schrift ist bis heute eine Artikelserie im Nürnberger Gemeindeblatt von 1926, die sich unverhohlen antisemitischer Ressentiments bedient. Von den Umständen seiner Amtseinführung am 11. Juni 1933 lesen wir heute mit Stirnrunzeln: Meiser predigte in der Nürnberger Lorenzkirche über die »nationale Bewegung«, die »den Glauben an das eigene Volk zurückgegeben« habe und über eine »Wende« in der deutschen Geschichte, die Gott am deutschen Volk »in wunderbarer Weise« bewirkt habe.
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LKArchiv Nürnberg
 Treuekundgebung 1934 für den unter Hausarrest stehenden Bischof vor dessen Amtssitz in München.
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Beim Festzug hinüber zum Rathaus marschierten SA und SS hinter den Honoratioren, unter ihnen Gauleiter und Kultusminister Hans Schemm aus Bayreuth. Noch 1943, als die Gnadenlosigkeit der Hitlerschen Rassen- und Lebensraumpolitik unübersehbare Konturen gewonnen hatte, beteten die bayerischen Lutheraner auf Weisung des Landeskirchenrates an Hitlers Geburtstag zu Gott, »...dass er ihm (dem Führer nämlich) mit seinem Geist und seiner Hilfe zur Seite stehe und sein Werk mit seinem Segen kröne.«
Die vielen Fragezeichen, die sich aus solcherlei Ereignissen und Dokumenten hinter Meisers Namen ansammeln, verdichteten sich beispielsweise 1998 in einem Antrag der grünen Stadtratsfraktion in München, die dortige Meiserstraße umzubenennen, die sinnigerweise auch noch die Postadresse des Landeskirchenamtes ist. Und mehr als ein Lob zweiter Klasse kann sich auch Meisers vierter Amtsnachfolger Johannes Friedrich nicht abringen, der in einer landeskirchlichen Schrift zu Meisers 125. Geburtstag (siehe Buchtipp) schreibt: »Unsere Kirche hat ihm viel zu verdanken. Ebenso gilt freilich: Manches, was Hans Meiser sagte, ist bis heute in unserer Kirche sehr umstritten.« Und das ist noch sehr vornehm formuliert.
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LKArchiv Nürnberg
 Hans Meiser war fünf Jahrzehnte im Dienst der Kirche. Das Bild zeigt ihn als Vikar, danach war er Vereinsgeistlicher der Inneren Mission in Nürnberg. Nach dem Ersten Weltkrieg war Meiser Pfarrer in München und Rektor des Predigerseminars in Nürnberg. 1933-1955 war er bayerischer Landesbischof.
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Indes: Wie immer im Umgang mit der NS-Zeit, sollte man sich hüten, das Geschehen von der hohen moralischen Warte moderner Betroffenheitspublizistik zu beurteilen, die Wertmaßstäbe unserer Zeit als allgemeingültig voraussetzt und, anders als die Handlungsträger der Geschichte, den weiteren Fortgang der Dinge genau kennt.
Hans Meiser war Antidemokrat und Antisemit, wohl wahr, und für uns klingt das ungeheuerlich. Im nationalprotestantischen Milieu jener Zeit, in dem er als Nürnberger Kaufmannssohn groß wurde und ab 1905 als Vikar und Pfarrer arbeitete, war es die übliche geistige Einstellung. Ideell ganz der wilhelminischen Monarchie verpflichtet, konnten die bayerischen Protestanten mit der Weimarer Republik nichts anfangen und liefen schon vor 1933 in Scharen zur NSDAP über. Mit Hitlers Machtübernahme verbanden sie vor allem die naive Hoffnung, die Säkularisierungstendenzen in der deutschen Gesellschaft zu stoppen und den Einfluss der eigenen Konfession zu heben.
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 Bischof Meiser auf Inspektionsreise.
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Dass der Weg in den staatlichen Zusammenbruch und nach Auschwitz führen würde, konnte auch Meiser kaum absehen. Die fast manische Angst der Protestanten vor dem Kommunismus war bei ihm noch biografisch vertieft: Er hatte im April 1919 kurzzeitig in Geiselhaft der Münchner Räterepublik gesessen, und zwar im Luitpoldgymnasium, wo sich wenige Tage nach seiner Freilassung die roten »Geiselmorde« zutrugen.
Den meisten bayerischen Lutheranern gingen erst 1934 die Augen auf, als der NS-Staat immer offensiver gegen die Kirchen vorging. In Meisers berühmter Formulierung, die Kirche werde »des Führers allergetreueste Opposition« sein, vorgebracht im persönlichen Gespräch mit Hitler, spiegelt sich die eigenartige Ambivalenz des obrigkeitsfürchtigen Lutheraners, der seine Kirche schützt, gleichzeitig aber seine grundlegende Loyalität zum Staat nicht aufgibt, welche Gestalt dieser auch immer annimmt. »Der Staat und vor allem Hitler persönlich galten Meiser nach wie vor als Garanten von Legalität. Dass der NS-Staat von Anfang an kein Rechtsstaat war und sich längst dem Willen der NSDAP unterworfen hatte und gerade dies dem Selbstverständnis Hitlers entsprach, erkannte Meiser nicht oder wollte es nicht erkennen«, schreibt Carsten Nicolaisen in einem Beitrag in dem Meiser-Sammelband.
Grat zwischen Resistenz und Anpassung
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Lagois
 Bischof Meiser 1952 zu Besuch in einem unterfränkischen Pfarrhaus.
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Der bayerische »Kirchenkampf« symbolisiert sich in dem oft gedruckten Foto, das Meiser auf dem Balkon des Münchner Landeskirchenamtes zeigt, wo er im Herbst 1934 zeitweilig unter Hausarrest stand, eine stattlich-solidarische Volksmenge zu seinen Füßen. Erhellend und noch symbolträchtiger ist allerdings ein Bild des gleichen Ereignisses, das einen anderen Moment festhält - als nämlich Meiser und Kirchenvolk inmitten des Protestes gegenseitig die Arme zum Hitlergruß erheben. So sah »des Führers allergetreueste Opposition« aus.
Meiser stellte sich dem Regime entgegen, wo es ihm das innere Kirchenregiment streitig machte, und zwar nur dort, dafür allerdings mit gewissem Erfolg. Zur Judenverfolgung, zur Euthanasie, zum barbarischen Eroberungskrieg im Osten sowieso, schwieg Meiser. Es ist dies die schwerste Last auf seiner Biografie.
»Was mit stärkerem Widerstand erreicht worden wäre, ist schwer zu beurteilen. Es war immer ein schmaler Grat zwischen Resistenz und überlebensnotwendiger Anpassung in einer Diktatur«, gab der Münchner Zeithistoriker Manfred Kittel in einem Sonntagsblatt-Interview zu bedenken (Nr. 16/2005). Mit Pfarrern wie der bayerischen Widerstandsikone Karl Steinbauer konnte sich Meiser nicht verstehen. Umgekehrt muss man aber auch fragen: Welchen Schutzraum hätte die Kirche unter einem Landesbischof Steinbauer noch geboten - wenn sich dieser Landesbischof überhaupt hätte im Amt halten können?
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 Gedankliche Kategorien der Kaiserzeit: Bischof Hans Meiser.
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Seine Standhaftigkeit im »Kirchenkampf«, die dafür sorgte, dass die bayerische Landeskirche in Nazi-Deutschland zu den drei »intakten« gehörte, ließ Meiser auch den Zeitenwechsel 1945 ungebrochen überstehen. Bis zu seinem Rücktritt 1955 blieb er die unangefochtene Autorität der Landeskirche.
Sein Weltbild hatte sich nicht erkennbar geändert: 1946 nannte er den Gedanken einer Demokratisierung der Kirche eine »Zumutung«. Das passive Wahlrecht für Frauen zur Landessynode wurde erst nach Meisers Amtszeit beschlossen. Die Entnazifizierung innerhalb der Pfarrerschaft fand nur auf sehr kleiner Flamme statt.
Anstelle einer selbstkritischen Reflexion der NS-Zeit, zumal in deren Anfängen, nahm bei ihm die Abwehr der Kollektivschuldvorwürfe breiten Raum ein. »Statt sich an den Diskursen der wertepluralistischen Gesellschaft konstruktiv zu beteiligen, blieb Meiser bei der zivilisationskritischen Deutung der Säkularisierung als Abfall von Gott«, lautet das Fazit von Björn Mensing in einer Untersuchung der Nachkriegsrolle Meisers (Sammelband). Bis zu seinem Tod lebte der Landesbischof in den gedanklichen Kategorien der Kaiserzeit, die schon dreimal von der Geschichte überholt worden waren. | BUCHTIPP
Herold, Gerhart / Nicolaisen, Carsten (Hg.): Hans Meiser (1881-1956). Ein lutherischer Bischof im Wandel der politischen Systeme, Claudius, München 2006, 248 Seiten, 9,80 Euro, ISBN 3-583-33113-3.
Das Buch schildert perspektivenreich diese von vielen bis heute verehrte, von anderen scharf kritisierte Persönlichkeit. Meisers Werdegang bis 1933 und seine Selbstbehauptung gegen die Nationalsozialisten im Kampf um den Erhalt der Landeskirche werden ebenso gewürdigt wie seine Bedeutung für die kirchliche Neuordnung nach 1945 (EKD, VELKD und ökumenischer Dialog). Offen wird aber auch sein Taktieren in der »Judenfrage« und in der Auseinandersetzung mit opponierenden Pfarrern zur Sprache gebracht.
Bestelltelefon Claudius Verlag: (089)12172-119.
VERANSTALTUNGEN
Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs in Nürnberg
Ab Mittwoch, 15. Februar, im Haus »eckstein« in Nürnberg, Burgstr. 1-3. Bilder, Dokumente und Exponate zum Leben Meisers in der Kaiserzeit, zwischen den Weltkriegen und nach 1945. Öffnungszeiten Montag bis Freitag 9-20 Uhr, Samstag 10-16 Uhr.Vortragsreihe der Evangelischen Stadtakademie NürnbergMittwoch, 1. März: »...dass wir uns in verstärktem Maß auch um die Dinge des öffentlichen Lebens zu kümmern haben«. Die Kirchenpolitik Hans Meisers. Referent: Prof. Carsten Nicolaisen (München).
Mittwoch, 15. März: »Stillschweigende Partnerschaft? Kardinal Faulhaber und Landesbischof Meiser«. Referent: Peter Pfister (Diözesanarchiv des Erzbistums München und Freising).
Mittwoch, 29. März: »Familienerfahrungen in kirchenpolitischen Konflikten«. Zeitzeugengespräch mit Rudolf Meiser und Hans-Heinz Niemöller.
Alle Veranstaltungen beginnen jeweils um 19.30 Uhr im Haus »eckstein«.Gedenkgottesdienst zum 50. Todestag von Hans MeiserDonnerstag, 8. Juni, 18 Uhr, in der St. Johanniskirche in Nürnberg. Predigt: Landesbischof Johannes Friedrich.
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Kirche und Nationalsozialismus
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