Freiheit und Respekt
Vorsicht Satire: Mohammed als Karikatur
Der Aufklärung verdanken wir, dass sich religiöse Menschen auch einen Standpunkt außerhalb des eigenen Glaubens vorstellen können, dass sich auch überzeugte Christen mit Argumenten auseinander setzen, die zum Beispiel von der Nichtexistenz eines Gottes ausgehen.
Ein aufgeklärtes Weltbild ist ein demütiges Weltbild, das die Hinterfragbarkeit des Glaubens im eigenen Glauben einbezieht. In der liberalen und demokratischen Gesellschaft haben Christen sogar gelernt, Satire auszuhalten, diese oft schmerzhafteste Form, mit der Relativität der eigenen Überzeugungen konfrontiert zu werden.
Filme wie »Das Leben des Brian« oder Karikaturen vom »Kleinen Arschloch«, das Jesusgeschichten satirisch auf die Schippe nimmt, haben zwar durchaus Christen, die sich in ihrem Glauben beleidigt fühlten, zu stürmischen Protesten bewegt. Die große Masse der Christenheit haben sie nur wenig erregt. Denn wer vom Leben in einer demokratischen und offenen Gesellschaft geprägt ist, hat gelernt, dass auch der eigene Standpunkt kritisiert und hinterfragt werden kann. Diese aufgeklärte Distanz ist der Vater der Ironie und die Mutter der Satire. Respekt ist dabei allerdings erbeten.
Der schien den dänischen Redakteuren der Zeitung Jyllands-Posten zu fehlen. Die Karikaturen, die den Religionsgründer des Islams, den Propheten Mohammed, darstellen, zeugen von einer bewussten Provokation und von einer niveaulosen Respektlosigkeit gegenüber den Glaubensüberzeugungen anderer und deren religiöser Kultur. Sie haben die Lunte gelegt, in Syrien und Palästina hat sie Feuer gefangen, massenhafte Proteste entfacht und europäische Botschaften zum Ziel von Brandanschlägen gemacht. Erste Tote werden gemeldet.
Rein formal ist es ja richtig, dass sich der Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer und die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit bisweilen ausschließen.
Und es mag auch sein, dass die Proteste von den Regierungen nicht nur geduldet, sondern gar organisiert sind; mag sein, dass Scharfmacher die Provokation zu dem eigenen politischen Zweck nutzen, den Westen zum kulturellen Feindbild zu erklären.
Man kann von Redakteuren einer Tageszeitung jedoch verlangen, dass sie die Folgen ihrer Veröffentlichungen absehen, zum Beispiel, dass ihre Provokation Geiseln das Leben kosten kann.
Die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit - die zu den wichtigsten Güter demokratischer Gesellschaften zählen - dienen dem höheren Ziel eines offenen Austausches in einer Gesellschaft, der sie die Balance der Argumente und damit das Gemeinwohl sichern sollen. Mit der Beleidigung der Glaubensüberzeugung anderer ist dem Gemeinwohl gewiss nicht gedient. | MEDIEN-KOLUMNE
Johanna Haberer, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblatts, ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen und Sprecherin des » Wort zum Sonntag«. In ihrer monatlichen Kolumne beobachtet sie die Medienlandschaft.
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