Mehr Sensibilität auf beiden Seiten
Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich zum Karikaturenstreit
 Foto:
sob
 Landesbischof Johannes Friedrich
|
Herr Landesbischof, war der Abdruck der Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung richtig oder falsch?
Johannes Friedrich: Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, das nicht infrage gestellt werden darf. Allerdings muss sie, wie jede Form der Freiheit, verantwortlich wahrgenommen werden. Weder dürfen Einzelne in ihren Persönlichkeitsrechten noch das religiöse Empfinden von Religionsgruppen verletzt werden. Letzteres ist offenbar geschehen, da die islamische Religion schon die Abbildung des Propheten verbietet und Muslime sich durch die Art einiger Karikaturen erst recht beleidigt fühlen können. Wer dem Frieden in der Welt dienen will, muss auch für den Frieden unter den Religionen etwas tun - der Abdruck der Karikaturen hat das Gegenteil erreicht.
Nun aber rufen einige islamische Gruppierungen gleich zum »Heiligen Krieg« auf. Sind wir schon im »Krieg der Kulturen«?
Johannes Friedrich: Es ist bedauerlich, dass die sicherlich echte Empörung vieler Muslime über diese Karikaturen von Extremisten instrumentalisiert wird, um die Stimmung gegenüber dem »dekadenten Westen« aufzuheizen und zur Gewalt aufzurufen. Die Gründe für diese antiwestliche Stimmung sind schwer auf einen Nenner zu bringen, da spielen auch innenpolitische Aspekte dieser Länder eine Rolle. Nach meiner Einschätzung lässt sich nur eine offenbar gewaltbereite Minderheit dort instrumentalisieren, die überwiegende Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime glücklicherweise überhaupt nicht. Von einem Krieg der Kulturen kann also keine Rede sein.
Was wäre denn die angemessene Reaktion? Soll sich »der Westen« entschuldigen oder würden wir, indem wir uns entschuldigen, »zu Mohammed (und nicht zu Kreuze) kriechen«, wie es der Karikaturist Haitzinger ausdrückt?
Johannes Friedrich: Entschuldigen kann man sich nur für etwas, an dem man Schuld hatte. Also kann und soll sich »der Westen« nicht entschuldigen. Wohl darf man dies von der Zeitung erwarten, die ihr Bedauern darüber ausdrücken sollte, dass sie religiöse Gefühle verletzt hat. Aber auch die Muslime sollten unmissverständlich deutlich machen, dass es in keiner Weise berechtigt ist, diese Karikaturen zum Anlass für derartige gewalttätige Ausschreitungen zu nehmen, wie dies teilweise geschehen ist. Und sie sollten sich einmal bewusst machen, dass in ihren Ländern immer wieder Karikaturen veröffentlicht werden, in denen westliche oder vor allem israelische Politiker in einer Weise dargestellt werden, die die Menschenwürde verletzen. Wenn es gelingt, auf beiden Seiten künftig sensibler auf die Empfindung der anderen zu achten, wäre viel für den Frieden in der Welt erreicht.
Johannes Friedrich ist bayerischer Landesbischof und Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands
| ZUM THEMA
DER APOKALYPTIKER: Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad leugnet den Holocaust, ruft zur Vernichtung Israels auf und beschwärt die Rückkehr eines muslimischen Messias. Wie endzeitliche Prophetien derzeit die Nahostpolitik prägen lesen Sie in unserem » Titelthema.
INTERRELIGIÖSER DIALOG: Warum der Karikaturenstreit mehr eine Angelegenheit der Religionen denn der Politik sein könnte, lesen Sie in unserem » Kommentar.
FREIHEIT UND RESPEKT: Pressefreiheit ist ein hohes Gut, doch soll sie auch einem ausgewogenen gesellschaftlichen Diskurs dienen. Wie die Mohammed-Karikaturen dazu passen, beleuchtet Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik, in der » Medienkolummne.
 |