»Nur dagegen sein hilft nicht«
Susanne Hirzel half beim Verteilen der Flugblätter der »Weißen Rose« und kam dafür ins Gefängnis
Im Münchner Gestapogefängnis lag sie auf derselben Liege wie wenige Tage zuvor die von den Nazis ermordete Sophie Scholl. Doch die in Ulm aufgewachsene Pfarrerstochter Susanne Hirzel kam für ihre Mithilfe beim Verbreiten der Flugblätter der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« mit sechs Monaten Haft davon - dank einer Notlüge und eines mutigen Verteidigers.
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Dietrich
 »Vom Ja zum Nein« lautet der Titel eines Buches über den Widerstand von Susanne Hirzel.
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»Ich war drauf und dran aufzugeben«, erinnert sich Susanne Hirzel, die heute als 84-jährige Seniorin in Stuttgart lebt, an ihre zahlreichen Verhöre und den zweiten Weiße-Rose-Prozess am 19. April 1943. Doch sie blieb bei ihrer Behauptung, sie habe den Inhalt jener Briefe, die sie Ende Januar in viele verschiedene Stuttgarter Briefkästen geworfen hatte, nicht gekannt. Briefe, die jenes fünfte Flugblatt der Weißen Rose enthielten, in dem es weitsichtig hieß: »Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa.«
Susanne Hirzel war eine Ulmer Jugendfreundin von Sophie Scholl und kam durch sie und ihren Bruder Hans Hirzel zur Weißen Rose. Wie Sophie Scholl war sie zunächst begeistertes Mitglied des Bundes Deutscher Mädel, distanzierte sich aber zunehmend vom Nationalsozialismus. Ende 1942 wurde sie als Musikstudentin von Sophie Scholl angesprochen und zum Widerstand aufgefordert, Ende Januar folgte sie der Bitte ihres Bruders Hans Hirzel und warf in Stuttgart das kuvertierte fünfte Flugblatt in die Briefkästen.
Hätte Richter Roland Freisler die Wahrheit gekannt, Susanne Hirzels Begeisterung für die Inhalte der Briefe, ihr hätte Schlimmeres gedroht - drei andere Angeklagte des Prozesses, Alexander Schmorell, Willi Graf und Professor Kurt Huber, wurden zum Tode verurteilt, andere erhielten hohe Haftstrafen. Hirzels vergleichsweise mildes Urteil lag maßgeblich an ihrem Verteidiger Dr. Eble, der mutig, riskant und sehr geschickt vorging. Er verteidigte auch Susanne Hirzels Bruder Hans, der zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde.
»Du musst heimkommen, der Vater ist krank«: Dieser Anruf der Eltern mit dem vereinbarten Code gut drei Wochen nach der Verteilaktion zeigte ihr, dass die Lage sehr kritisch war. Ihr Bruder Hans war kurz zuvor von der Ulmer Gestapo vorgeladen worden: Zwei HJ-Kameraden, die er für die Mitarbeit an künftigen Flugblattaktion hatte gewinnen wollen, hatten ihn verraten - nach dem Krieg logen sie sich dann feige heraus. Da Hans Hirzel Stuttgart bereits am Abend verlassen musste, einige Briefe aber erst am nächsten Tag abgestempelt worden waren, fiel der Verdacht recht schnell auf dessen in Stuttgart lebende Schwester.
»Ihr seid doch den Soldaten in den Rücken gefallen«, schildert Hirzel erschreckende Äußerungen, die sie bei Klassentreffen viele Jahre nach Kriegsende zu hören bekam. Natürlich habe man nur improvisieren können, sagt sie im Rückblick, doch nur dagegen sein helfe nicht. »Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein«, zitiert sie die Bibel. »Man kann stolz darauf sein, dass sie es versucht haben«, bewertet sie rückblickend den »einzigen studentischen Widerstand«.
Um die Manipulierbarkeit der Menschen erklärbar zu machen, ohne diese jedoch zu billigen, schrieb Hirzel drei Jahre lang an ihrem Erlebnisbericht der Jahre 1933 bis 1945, »Vom Ja zum Nein«. Er basiert zum Teil auf ausführlichen Aufzeichnungen der Autorin aus dem Jahr 1944, erlebte inzwischen mehrere Auflagen. Immer wieder bekommt die Autorin von Lesern ein bestätigendes »genau so war es« zu hören.
Susanne Hirzel, »Vom Ja zum Nein«, erschienen im Silberburg-Verlag Stuttgart. 320 Seiten, 26 Abbildungen, ISBN 3-87407-368-8, 14,90 Euro
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