Zeit für ein Welttreffen der Religionen
Der Karikaturenstreit zeigt, dass der interreligiöse Dialog Vorrang vor der Politik hat
Von
Lutz Taubert
Dass es beim Abdruck der Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung um die Rechtsgüter »Meinungsfreiheit« und »Achtung vor religiösen Empfindungen anderer« geht, ist das eine.
Ein anderes ist es, dass - noch vor und jenseits aller intellektuellen Abwägung von Grundrechten - nun plötzlich ein heiliger Zorn der Muslime auf das alte Europa darniederfährt, mit dem merkwürdigen Effekt, dass wir Europäer als Gesamtheit nicht so recht wissen, wie wir uns verhalten sollen: Sollen wir abwehrend-verstehend zusammenkuschen, bis der Zorn verraucht ist? Oder aber sollen wir uns - fast selber wie aufrechte Werte- und Menschenrechts-Fundis - zu Bewahrern westlicher Aufklärung aufschwingen und damit den Muslimen ihre 200-jährige Zurückgebliebenheit attestieren? Diese These war ja schon immer zu beweisen!
Jedenfalls sind die weltweiten Proteste der Muslime wie die Bestätigung eines bekannten Buchtitels: Das ist, das könnte sein der Zusammenprall der Kulturen, der »clash of civilisations«, wie ihn schon 1993 der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington beschrieben hatte. Und wenn das deutsche »Zentrum für Türkeistudien« geradezu beschwörend behauptet, dass es keinen Kulturkampf gebe, und wenn das Auswärtige Amt im Stil der Verlautbarung mitteilt, bei den Unruhen handele es sich nicht um eine Auseinandersetzung des Westens mit dem Islam, dann klingt das weniger wie eine Feststellung als vielmehr wie ein Wunsch.
Besinnen wir uns auf die durchaus abendländische Tugend, die Realität nüchtern, objektiv, ohne erkenntnisverzerrendes Interesse zu erkennen und danach erst ein moralisches Ziel zu formulieren: Wir Menschen in Europa und die Menschen in der arabischen Welt denken, empfinden, glauben unterschiedlich, das ist wohl wahr und wird in diesen »Tagen des Zorns« deutlich. Wahr ist wohl auch, dass diese Unterschiede zwischen den Kulturen ihre Ursache im Religiösen haben.
Doch aus dieser Erkenntnis dürfen wir uns kein simples Koordinatensystem ala Huntington zurecht legen. Existierende Zusammenarbeit, ein funktionierender Religionsdialog etwa in unserem Land widerlegen die Kulturkampf-Theorie. Es gibt nicht nur Menschen, die ihre Positionen wie Rammpfähle in den Boden hauen, sondern auch solche, die auf die Frieden stiftenden Wurzeln der christlichen wie der islamischen Religion setzen. Diese differenzierte Wahrnehmnung ist wichtig.
Deshalb ist der Aufruhr der Muslime zwar auch eine Herausforderung an die Politiker dieser Welt. Zuallererst aber ist es eine Angelegenheit der Religionen selbst, die Verträglichkeit untereinander herzustellen. Mit anderen Worten: Zum interreligiösen Dialog, ja zum Welttreffen der Religionen ist es höchste Zeit. | ZUM THEMA
DER APOKALYPTIKER: Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad leugnet den Holocaust, ruft zur Vernichtung Israels auf und beschwärt die Rückkehr eines muslimischen Messias. Wie endzeitliche Prophetien derzeit die Nahostpolitik prägen lesen Sie in unserem » Titelthema.
FREIHEIT UND RESPEKT: Pressefreiheit ist ein hohes Gut, doch soll sie auch einem ausgewogenen gesellschaftlichen Diskurs dienen. Wie die Mohammed-Karikaturen dazu passen, beleuchtet Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik, in der » Medienkolummne.
MEHR SENSIBILITÄT auf beiden Seiten fordert Landesbischof Johannes Friedrich im Karikaturen-Streit. Mehr dazu lesen Sie im » Interview.
BUCHTIPP
»Krieg der Religionen«
Der grassierende apokalyp- tische Wahn ist zu einer globalen Kulturströ- mung geworden. Anhand einer Fülle von Faktenmaterial weisen Victor und Victoria Trimondi nach, wie Fanatiker ihre Legitimation für einen Krieg der Religionen aus der apokalyptischen Literatur ihres jeweiligen Glaubens ableiten.
Trimondi, Victor und Victoria: Krieg der Religionen: Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse - Fink Verlag, München 2006, 597 Seiten, 39,90 Euro.
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