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Dieser Artikel: Ausgabe 05/2006 vom 29.01.2006
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»60 Jahre Zeit zum Nachdenken«

Wigant Weltzer aus Rothenburg und sein Buch über Ungarns deutsche Schulen in der NS-Zeit


»Ich hatte 60 Jahre Zeit zum Nachdenken«, sagt Wigant Weltzer. Mit 15 Jahren kam er in die NS-Erziehungsanstalt im siebenbürgischen Sächsisch-Regen (heute Reghin); mit 80 hat der pensionierte Volksschullehrer und langjährige Landessynodale aus Rothenburg o. d. T. ein Buch über das braun kontaminierte deutsche Erziehungswesen im damaligen Ungarn geschrieben.

Wigant Weltzer hat die eigenartigen Methoden des NS-Erziehungssystems noch selbst miterlebt - und zwar am anderen Ende Mitteleuropas. In einem Buch stellt er die deutsche Schulpolitik in Ungarn in den Kriegsjahren vor.
Foto: Fechter
   Wigant Weltzer hat die eigenartigen Methoden des NS-Erziehungssystems noch selbst miterlebt - und zwar am anderen Ende Mitteleuropas. In einem Buch stellt er die deutsche Schulpolitik in Ungarn in den Kriegsjahren vor.

Respekt nötig das nicht nur ab, weil sich nicht jeder 80-Jährige mehr den Tort antut, eine derartige wissenschaftliche Studie zu schultern. Aber Weltzers Ausgangsposition war nicht nur wegen des Alters schwierig: Denn in jungen Jahren segelte er, wie fast alle Auslandsdeutschen, begeistert im großdeutschen Fahrwasser Hitlers. Nun zitiert er im Vorwort des Buches aus den Tagebüchern des Schriftstellers Reiner Kunze: »Wir können unsere Biographie nicht im Nachhinein korrigieren, sondern müssen mit ihr leben. Aber uns selber können wir korrigieren.«

Aufgewachsen ist Wigant Weltzer in der heute untergegangenen Kultur der südosteuropäischen Völker-Melange: In seiner Heimatstadt wohnen Deutsche neben Ungarn, Rumänen neben Juden in etwa gleicher Stärke. Seinen rumänischen Pass muss er nach dem »Zweiten Wiener Schiedsspruch« von 1940, der Nordsiebenbürgen zu Ungarn schlug, gegen den ungarischen austauschen. Das Lebensgefühl ändert sich nicht: Es bleibt deutsch. Und das wiederum bedeutet in jenen Jahren mehr als nur eine sprachliche oder kulturelle Identifikation. Begrifflichkeiten wie »deutsch«, »völkisch« oder »nationalsozialistisch« gehen ineinander über.

Unter dem Einfluss des erst 1938 gegründeten Deutschen Volksbundes kommt es in Ungarn zu einer Gründungswelle deutscher Schulen, denen vielfach nationalsozialistische Erziehungsanstalten beigestellt werden. Hier werden, analog der »Nationalpolitischen Erziehungsanstalten« in Deutschland, nur jene zu besonderer Förderung aufgenommen, die Hitlers Ideale zu erfüllen versprechen: »Zäh wie Leder, flink wie Windhunde, hart wie Kruppstahl.« Wigant Weltzer ist einer von ihnen.

Mit militärischem Drill und ideologischem Nachdruck werden die Jugendlichen, soweit überhaupt noch nötig, auf Linie gehalten. Beim Landesjugendtag 1941 in Mágocs lauscht Weltzer mit seinen Kameraden aus Sächsisch-Regen und Budapest begeistert den Erfolgsmeldungen vom Russlandfeldzug. Was nun folgt, setzt im Gespräch eine Zäsur der Nachdenklichkeit: »Auf einmal entwickelte sich aus der Menge der Jugendlichen ein ungeplanter Sprechchor: Wir wollen kämpfen an der Front«, erinnert sich Weltzer.

Der Welle der Begeisterung kann sich auch der damals 16-Jährige nicht entziehen: Ein halbes Jahr später meldet er sich als Freiwilliger zum Kriegseinsatz für Deutschland. Weil ungarische Staatsbürger nicht in der Wehrmacht kämpfen dürfen, schickt man ihn zur Waffen-SS, in deren Uniform sich Weltzer nun für den damals schon illusorisch gewordenen »Endsieg« durch halb Europa schlägt. Anders als viele ungarndeutsche Altersgenossen, die, nur unzureichend ausgebildet, von ihren Vorgesetzten an die Front und damit in den Tod geschickt werden, hat er Glück im Unglück: Das Kriegsende erlebt er am Semmering südlich von Wien, anschließend taucht er ein Jahr in Pinzgau unter als Pferdeknecht. »Ich habe damals gar keinen Gedanken mehr gehabt, noch irgendeinen Beruf zu ergreifen, so froh war ich, überlebt zu haben und frei zu sein«, sinniert er heute. Mit dem Beruf wurde es dann doch noch etwas: Bis 1989 unterrichtet er als Volksschullehrer in Wallmersbach bei Uffenheim und Rothenburg.

Das Buch, das weniger ein Stück Lebenserinnerung, denn eine systematisch-kritische Darlegung eines Gesellschaftsausschnittes ist, hat er den noch lebenden Zeitgenossen gewidmet und den fragenden Kindern und Enkeln. Bei den Recherchen ist er der eigenen Geschichte einmal ganz nahe gekommen, in der Deutschen Bibliothek in Leipzig nämlich. Weltzer ließ sich den Jahresband 1941 der ungarndeutschen Jugendzeitschrift »Jugend voran!« kommen, in dem ein (damals) restlos begeisterter Jugendlicher aus Sächsisch-Regen über eine Deutschlandreise berichtet, die eine handverlesene Auswahl von Buben 1941 hatte machen dürfen, einen Empfang beim ehemaligen Reichsjugendführer Baldur von Schirach, inzwischen Gauleiter in Wien, inklusive.

Der Autor der mehrteiligen Lobeshymne: Wigant Weltzer.

  Wigant Weltzer: Wege, Irrwege, Heimwege. Schulen, Erziehungsheime und Erziehungsanstalten des Volksbundes der Deutschen in Ungarn 1904-1944. Rothenburg 2005, 144 S., ISBN 3-927374-46-6, 19,80 Euro.

Thomas Greif

 


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abgerufen 21.05.2012 - 09:14 Uhr

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