Christsein konkret (Teil 1)
Vor 100 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer geboren - Seine Gedanken sind aktuell
Von
Frithjof Gräßmann
»Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist«, schrieb Dietrich Bonhoeffer am 30. April 1944 aus dem Gefängnis an seinen Freund Eberhard Bethge. Bis zuletzt rang er um ein neues Verständnis des Glaubens, der Kirche und des Christseins. Vieles davon ist heute noch aktuell.
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 »Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben.« - Bonhoeffer im Gefängnis Berlin-Tegel im Sommer 1944.
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Von einer »Renaissance des Religiösen« war in vielen Jahresrückblicken die Rede. Mit dazu beigetragen hat sicher die monumentale Schlussfeier des katholischen Weltjugendtages in Köln, bei der 1,1 Millionen Menschen dem neuen Papst huldigten. Er thronte auf einem mit 80000 Kubikmetern Erde künstlich aufgeschütteten Hügel - weiß gewandet wie ein Imperator und umgeben von seinem Hofe. Eine Manifestation des katholischen Weltkatechismus, in dem es heißt: »Die Welt ist auf die Kirche hin geschaffen.«
EINE NEUE VISION VON KIRCHE: Dietrich Bonhoeffers Vision der Kirche steht zu dieser Szenerie in krassem Gegensatz. Er spricht von einer »Kirche für andere«. Kirche ist also kein Selbstzweck. Damit stellt er sich jedoch nicht nur gegen das hybride Kirchenbild des Katholizismus, sondern auch in gewisser Weise gegen die Reformatoren. Die haben gefragt: »Was muss ich tun, dass ich selig werde?« Bonhoeffer fragt anders: »Was muss ich tun, damit anderen geholfen werde?« Nach dem Zeugnis der Bibel beruft Gott Menschen wie Abraham, um seine ganze Welt zu retten: »Durch dich sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden!«
Bonhoeffers Vision von Kirche gründet in Christus: In dieser gottlosen Welt - und sie war es eigentlich schon immer, sagt er - hat auch schon Jesus an der Seite der Menschen unter der Gottesferne gelitten. Um sich ihnen an die Seite zu stellen, braucht er also keinen religiösen Sonderbezirk wie die Kirche. Das Christentum darf deshalb keine Sonntagsreligion in einem abgegrenzten sakralen Bezirk sein, sondern eine Alltagserfahrung. Jesus begegnet in der ganzen Welt und in allen Lebensbereichen. Christsein bedeutet dann wirkliches Leben in dieser Welt, Teilnahme an den Nöten, Fragen, Entscheidungen, auch am Protest und an der Ratlosigkeit. Der Mensch habe auf dieser Erde in gläubiger Diesseitigkeit Jesus nachzufolgen, der diese Welt als Lebender, Sterbender und Auferstehender durchmessen habe.
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 Inge Karding, Lotte Kühn, Otto Dudzus, Dietrich Bonhoeffer und ein unbekannter Schwede (v.li.) bei der ökumenischen Jugendkonferenz in Fanö, Schweden, im August 1934.
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KEINE MONOKULTUR DER EUCHARISTIE: Zweitens ist für Bonhoeffer Kirche »Christus - in der Gemeinde gegenwärtig!« Auch dieser Satz ist eine sperrige Stimme in der heutigen ökumenischen Diskussion. Denn biblisch gesehen ist es eine fatale Engführung, wenn die Gegenwart Christi nur auf das Abendmahl beschränkt wird. »Realpräsenz« ist nicht nur unter Brot und Wein, sondern auch dort, »wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen!« Und auch das ist nicht alles! Jesus sagt: »Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf!« Und: »Was ihr getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir getan!« Und: »Wer einen aufnimmt, den ich sende, der nimmt mich auf!« Alle diese Worte reden von der Gegenwart Christi und stehen gegen eine Monokultur der Eucharistie!
ABSAGE AN DAS KLÖSTERLICHE: Das Problem einer einseitig intellektuellen Kirche und eines akademisierten Pfarrerstandes hat er schon 1934 so formuliert: »An die Universität glaube ich nicht mehr, habe ja eigentlich nie daran geglaubt... Die gesamte Ausbildung des Theologennachwuchses gehört heute in kirchlich-klösterliche Schulen, in denen die reine Lehre, die Bergpredigt und der Kultus ernst genommen werden.« Die Absage an die Uni könnte heute noch gelten. Aber wie ist das mit den klösterlichen Schulen?
Im Predigerseminar machte er seinen Vikaren feste Formen und stille Zeiten zur Pflicht - wie im Kloster! Doch aus dem Gefängnis kann er berichten, dass er die Gottesdienste kaum vermisst. Er wundert sich selber darüber. Ähnlich ist es mit dem Bibellesen. Lange war es für ihn eiserne Pflicht, jeden Tag in der Bibel zu lesen. In der Haft aber schlägt er oft wochenlang kaum die Bibel auf. Dann aber verschlingt er wie im Heißhunger tagelang ganze Abschnitte.
Die klösterliche Zucht ist weg. Was bleibt dann? »Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben.« Und: »Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun.«
Damit antwortete er auch auf das, was Freunde und Schüler, die Soldaten oder Arbeiterinnen waren, ihm über ihr geistliches Leben berichteten. Vikarin Inge Koch war zur Arbeit in den Leuna-Werken zwangsverpflichtet. Sie schreibt ihm: »Es ist seltsam, welche Anfechtungen vor uns paar Leuten plötzlich ihr Haupt erheben; wie wir erleben, dass alle Kräfte im Arbeitseinsatz aufgezehrt werden; wie man müde und leer wird und schließlich gar nicht mehr weiß, wie man das macht - eine Bibelstunde vorzubereiten und eine Predigt zu halten.«
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 »Es gibt einen Himalaja und es gibt einen Bodensee. Aber Gott gibt es nicht!«
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EINE NEUE SICHT DES DIESSEITS: Christliche Frömmigkeit hat sich seit dem 3. Jahrhundert auf das Jenseits konzentriert. Die Frage »Was muss ich tun, dass ich selig werde?« war bestimmend. Für viele Menschen sind »Kirchens« auch heute noch einseitig am »Himmel« orientiert. In einer Münchner Klinik nannte man bis vor kurzem die Seelsorger nur »Himmelskasper«.
Bonhoeffer rüttelt an diesem Image der Christen. Wir haben unser Leben ja erst einmal im Diesseits zu leben. Darum würde er auch heute die Politik nicht den Politikern allein überlassen. Christen dürfen die Politik nicht ausblenden! Er schreibt an seine Braut aus der Haft: »Christen, die nur mit einem Bein auf der Erde stehen, stehen wohl auch nur mit einem Bein im Himmel.« Und: »Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben. Wie sieht nun aber dieses Leben aus? Dieses Leben der Teilnahme an der Ohnmacht Gottes in der Welt?« Paulus schrieb: »Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen.« Er hatte als Jude seine hebräische Bibel in sich - und damit eine starke Orientierung am Diesseits. Bonhoeffer ergänzt: »Hoffen wir allein in jenem Leben auf Christus, so sind wir auch die elendsten von allen Menschen.« Er würde sich heute gegen eine traditionelle und einseitige Orientierung am Jenseits wenden. In diesen Zusammenhang gehören dann wohl auch seine Überlegungen zum religionslosen Christentum.
RELIGIONSLOSES CHRISTSEIN: Was meint er damit konkret? Gäbe es für ihn noch ein Kirchenjahr, in dem der bäuerliche Jahreskreis wichtige Heilstatsachen durchspielt? Könnte er den Gottesdienst als die Mitte des Gemeindelebens bezeichnen? Korrigiert er mit seinem »religionslosen Christentum« seine früheren Aussagen zur Nachfolge und Spiritualität, die er im Predigerseminar seinen Kandidaten abverlangt hat? Bleibt da mehr als »Beten und das Gerechte tun«?
VERKÜNDIGEN - HÖREN - TUN: Die Vorordnung des Redens vor dem Tun gilt in Theologie und Kirche noch immer: Der Pfarrer gilt mehr als der Diakon. Bonhoeffers Vision »vom Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen« steht dem entgegen. Es könnte heute so aussehen: Viele bemühen sich heute um eine »geistliche Gemeinde-Erneuerung«. Bonhoeffer würde heute wohl eine geistliche Gemeinde-Wahrnehmung anmahnen. Diese ginge mit Sicherheit in Richtung »Täter des Wortes«. Diakonisches und anderes Tun als »Aktionismus« abzutun gegenüber der Verkündigung, das wäre bestimmt nicht Bonhoeffers Sache. Solches Stufendenken würde er radikal umdrehen.
Hierher gehören auch seine Gedanken zur »mündigen Welt«. Bis heute verstehen sich viele Christen in der ehemaligen DDR als die eigentlichen »Schüler« Bonhoeffers. Sie haben in einer »Talglichtrevolution« ein totalitäres, kommunistisches Regime auf friedliche Weise gekippt. Sie wollten nicht länger in einer Welt leben, in der sie von allen Seiten bevormundet werden. Wann werden die Regierenden in den Kirchen ihren Führungsstil im Sinne Bonhoeffers ändern? Wie hat er gesagt? »Nicht Belehrung sondern Befreiung tut Not.«
Den 2. Teil des Artikels lesen Sie hier!
Unser Autor Frithjof Gräßmann ist Pfarrer i.R. und lebt in Neuendettelsau. | LEBENSSTATIONEN
Dietrich Bonhoeffer
1906: Am 4. Februar wird Dietrich Bonhoeffer in Breslau geboren.
1923-1930: Evangelisches Theologiestudium in Tübingen, Rom und Berlin, Promotion, dann Vikariat in Barcelona. Danach Assistent an der Berliner Theologischen Fakultät, Habilitation, Studienaufenthalt am Union Theological Seminary in New York.
1931-1933: Privatdozent an der Universität Berlin und Studentenpfarrer.
1933-1935: Bonhoeffer betreut die deutsche evangelische Gemeinde in London. Als Leiter der deutschen Jugenddelegation nimmt er an der ökumenischen Tagung auf Fanö (Dänemark) teil und warnt vor der drohenden Kriegsgefahr.
1935-1937: Vertreter der Bekennenden Kirche bitten Bonhoeffer um seine Rückkehr nach Deutschland. Er folgt dem Ruf zur Leitung des Predigerseminars der BK in Zingst und Finkenwalde (bei Stettin).
1936/37: Ihm wird die Lehrerlaubnis für Hochschulen entzogen, ein Erlass Himmlers verfügt die Schließung des Predigerseminars. Bonhoeffer setzt die Arbeit illegal fort.
1939: Bonhoeffer bricht wegen des drohenden Krieges eine Vortragsreise in die USA ab und kehrt nach Deutschland zurück.
1940: Das Predigerseminar wird zum zweiten Mal geschlossen. Bonhoeffer erhält Rede- und Schreibverbot.
1940-1943: Er erhält über seinen Schwager Hans von Dohnanyi Anschluss an den politisch-militärischen Widerstand um Admiral Wilhelm Canaris. Er knüpft Verbindungen zwischen den westlichen Regierungen und dem deutschen Widerstand.
1942: In Schweden trifft er als Vertreter der deutschen Opposition den Bischof von Chichester. Beide erörtern Friedenspläne nach einer Ausschaltung Hitlers.
1943: 7. Januar: Verlobung mit Maria von Wedemeyer. Am 5. April wird er von der Gestapo unter der Beschuldigung der Wehrkraftzersetzung verhaftet.
1943-1945: Inhaftierung im Militärgefängnis Berlin-Tegel, im Berliner Gestapogefängnis und im KZ Buchenwald.
1945: 8. April: Die SS verschleppt Bonhoeffer in das KZ Flossenbürg. 9. April: Kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner wird Bonhoeffer von einem SS-Standgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wird am gleichen Tag vollstreckt.
BUCHTIPPS
Ferdinand Schlingen- siepen: »Dietrich Bonhoeffer«, C.H.Beck, München 2005, 432 S., 43.70 Euro.
Neue umfassende Biografie mit vielen zeithistorischen Bezügen.
Christian Feldmann: »Wir hätten schreien müssen«, Herder 2005, 192 S., 9,90 Euro.
Wie aus dem Großbürger der Verschwörer wurde, erzählt Feldmann aufgrund der neuesten Dokumente. Eine spannende Reportage über Verantwortung und Zivilcourage im Nationalsozialismus.
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Kirche und Nationalsozialismus
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