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Dieser Artikel: Ausgabe 52/2005 vom 26.12.2005
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Die gefühlte Hauptstadt

Nürnberg hat seit fast 500 Jahren einen prominenten Platz in der Geschichte des Protestantismus


Bayern ist ein zentralistisches Staatswesen, keine Frage: Alle Macht geht von München aus. Auch Bischof und Zentralbehörde der evangelischen Kirche sitzen an der Isar. Einen Unterschied zu allen anderen bedeutsamen gesellschaftlichen Organisationen hierzulande gibt es aber dann doch. Die gefühlte Hauptstadt des bayerischen Protestantismus liegt weiter nördlich.

»Die große Nürnberger Reformation« - eines der komplexesten und bekanntesten Bilder aus jener Zeit überhaupt. Es entstand nach 1558 im Umkreis der Werkstatt von Lukas Cranach. Im Vordergrund links die führenden Fürsten der Reformationszeit, rechts die Reformatoren mit Jan Hus, Martin Luther, Philipp Melanchthon und Justus Jonas. Hinter der Taufszene Jesu in der Pegnitz erhebt sich die Nürnberger Stadtsilhouette.
Foto: Archiv
   »Die große Nürnberger Reformation« - eines der komplexesten und bekanntesten Bilder aus jener Zeit überhaupt. Es entstand nach 1558 im Umkreis der Werkstatt von Lukas Cranach. Im Vordergrund links die führenden Fürsten der Reformationszeit, rechts die Reformatoren mit Jan Hus, Martin Luther, Philipp Melanchthon und Justus Jonas. Hinter der Taufszene Jesu in der Pegnitz erhebt sich die Nürnberger Stadtsilhouette.

Kaum vorstellbar, dass ein bayerischer Minister oder Verbandschef in überschaubaren Abständen wieder und wieder erklären muss, weshalb sein Amt keineswegs nach Nürnberg umziehen, sondern in München bleiben wird. Mit derlei Anfrage sind nur - und zwar seit Generationen - die evangelischen Kirchenoberen konfrontiert. Ihre Antworten lauten seit Montgelas´ Zeiten gleich und richtig: In München spielt die Musik, München ist nun mal die Hauptstadt und jetzt bitte Wichtigeres. Aber die Frage ist nicht totzukriegen. In ihr steckt eine Portion des seit 1806 notorisch gekränkten fränkischen Selbstbewusstseins, aber auch ein gutes Stück Gegenwartswahrnehmung - denn tatsächlich haben zahlreiche kirchliche Einrichtungen vom Diakonischen Werk bis zum Posaunenchorverband ihren Sitz nicht in Tuchfühlung zum Landeskirchenamt, sondern, eben, in Nürnberg.

Warum das so ist, lässt sich, wieder einmal, nur aus der Geschichte erklären. An der Schwelle zur Neuzeit war Nürnberg die mächtigste Stadt des Heiligen Römischen Reiches und eine der führenden Handelsmetropolen Europas. Jeder neugewählte Kaiser hatte kraft Reichsverfassung seinen ersten Reichstag hier abzuhalten, wo auch die Insignien seiner Macht »auf ewige Zeiten, unwiderruflich und unanfechtbar« (dann aber doch nur bis 1796) aufbewahrt wurden.

Ungewöhnlicher Schlussstein: Beim Wiederaufbau der Lorenzkirche verewigte man Ikonen des Protestantismus - darunter Löhe, Bach, Melanchthon und (Bild) Martin Luther.
Foto: Fechter
   Ungewöhnlicher Schlussstein: Beim Wiederaufbau der Lorenzkirche verewigte man Ikonen des Protestantismus - darunter Löhe, Bach, Melanchthon und (Bild) Martin Luther.

Diese Stadt also, ausgerechnet diese, führte im März 1525, nach einer elftägigen theologischen Disputation im Großen Saal des Rathauses, als erste Reichsstadt die Reformation lutherischer Prägung ein. Nürnberg wurde in vielerlei Hinsicht zum Schrittmacher der Reformation, das erste Mal schon sieben Jahr vor der offiziellen Proklamation, als nämlich der Ratsherr Kaspar Nützel Luthers 95 Thesen vom Lateinischen ins Deutsche übersetzen und in einer Kurzfassung drucken ließ. Von dem »sermon von dem ablaß vnd gnade« wurden binnen kurzer Zeit mindestens 20000 Exemplare gedruckt - nach heutigen Maßstäben eine Millionenauflage. Nürnberger Drucker und Nürnberger Künstler, allen voran Albrecht Dürer und Hans Sachs, verbreiteten die Ideen der Reformation.

Nürnberg erließ gemeinsam mit den markgräflichen Nachbarn eine Kirchenordnung, die mancherorts über 300 Jahre lang Gültigkeit behielt. Philipp Melanchthon persönlich half bei der Einrichtung der »Oberen Schule«, die als Urform des Humanistischen Gymnasiums in Deutschland gilt. »Nürnberg leuchtet wahrlich im ganzen deutschen Land wie eine Sonne unter Mond und Sternen«, schrieb Martin Luther 1530 begeistert. Da hätte es schon gut ins Bild gepasst, wenn er seinen berühmtesten wie fraglichen Satz (»Hier stehe ich, ich kann nicht anders«) anno 1521 nicht in Worms, sondern hier gesprochen hätte. Tatsächlich hätte der damalige Reichstag in Nürnberg stattfinden sollen, was nur wegen örtlicher Seuchengefahr unterblieb.

Im Großen Saal des Nürnberger Rathauses fand 1525 das berühmt gewordene Nürnberger Religionsgespräch statt. Wenig später beschloss der Rat der Stadt den Anschluss an die Reformation.
Foto: Archiv
   Im Großen Saal des Nürnberger Rathauses fand 1525 das berühmt gewordene Nürnberger Religionsgespräch statt. Wenig später beschloss der Rat der Stadt den Anschluss an die Reformation.

So forsch die Nürnberger 1525 im Großen gewesen waren, so konservativ hielten sie im Kleinen am Althergebrachten fest. Lorenz- und Sebalduskirche kannten, gottlob, keine Bilderstürme. Erst 1783 wurde in Nürnberg der Exorzismus bei der Taufe abgeschafft. Noch beim Übergang an Bayern feierten evangelische Pfarrer in Nürnberg Gottesdienste in Messgewändern und in lateinischer Sprache. Nürnberg brachte seinerzeit in das neu geschaffene Königreich außer einer astronomisch hohen Schuldensumme einen gewissen Führungsanspruch innerhalb des bayerischen Protestantismus ein. Auf eine formale Aufwertung gegenüber den Konsistorialsitzen Ansbach und Bayreuth musste Nürnberg aber bis 1933 warten, als der Nürnberger Kaufmannssohn Hans Meiser als erster bayerischer Landesbischof - wie alle seine Nachfolger - in St. Lorenz in sein Amt eingeführt wurde.

Alle großen geistigen Auseinandersetzungen, in denen sich der bayerische Protestantismus in den vergangenen 200 Jahren gefordert sah, erlebten Nürnberg als den Hauptgefechtsplatz. Hier tobten im 19. Jahrhundert die Kämpfe zwischen Löhes konservativer Erweckungsbewegung und dem kulturprotestantisch geprägten städtischen Liberalismus, der in Nürnberg seinen Schwerpunkt hatte, aber auch das Ringen der Kirche mit Arbeiterbewegung und den »Freireligiösen« um den Philosophen Ludwig Feuerbach, dessen Beerdigung 1872 als »Massendemonstration gegen das Pfaffentum« begangen wurde.

Nach 1933 wurde wieder gekämpft, diesmal gegen das braune Regime Hitlers und seines Nürnberger Statthalters Julius Streichers, wenngleich viele Kirchenleute lange brauchten, bis sie wussten, auf welcher Seite ihr Platz war. Die Treuegottesdienste im September 1934, bei denen Meiser hintereinander vor Tausenden von Besuchern in den Innenstadtkirchen gegen die Angriffe des Streicher-Blattes »Fränkische Tageszeitung« predigte, wurden zu einem Höhepunkt im bayerischen Kirchenkampf.

Ein Bild von hohem Symbolwert: Nach seiner Amtseinführung in St. Lorenz schreitet Landesbischof Hans Meiser am 11. Juni 1933 durch die Stadt. In seinem Gefolge Hans Schemm, Kultusminister und Gauleiter aus Bayreuth.
Foto: Archiv
   »Ein Bild von hohem Symbolwert: Nach seiner Amtseinführung in St. Lorenz schreitet Landesbischof Hans Meiser am 11. Juni 1933 durch die Stadt. In seinem Gefolge Hans Schemm, Kultusminister und Gauleiter aus Bayreuth.

Das kämpferische Vokabular der Vergangenheit ist heute kaum noch gefragt. Die Blickrichtung hat sich gewandelt. Noch in den 1970ern musste sich Dekan Fritz Kelber diplomatisch von einer politischen Splittergruppe absetzen, die mit dem Slogan »Nürnberg darf nicht katholisch werden« hausieren ging. Und dabei als wichtigstes Argument das uralte wie absurde Stadtgerücht im Rücken wüsste, die Protestanten müssten, wenn die katholische Stadtgemeinde auf gleiche Größe angewachsen sei, eine der beiden Hauptkirchen abgeben. »Heute sind wir eine besonders ökumenische Stadt«, betont Dekan Michael Bammessel: »Neuer Konfessionalismus würde in Nürnberg nicht mehr verstanden.«

Freilich,die markanten Bauten, die vier Innenstadtkirchen ebenso wie die Stein gewordenen Glaubensmanifestationen der 1930er Jahre in Maxfeld und Lichtenhof, das Heilig-Geist-Haus wie das Rathaus, die Denkmäler von Bürgern und Staatsmännern, verleihen der Stadt eine unübersehbare evangelische Prägung. Die meisten Kinder gehen in evangelische Kindergärten, die Stadtmission ist der größte soziale Träger und die Evangelische Jugend der größte Jugendverband der Stadt.

Wahrscheinlich ist das Landeskirchenamt also wirklich besser in München aufgehoben. Hier würde es kaum auffallen.

  In der letzten Folge unserer Serie erläutern wir, warum der strenge Katholik Max Reger einige seiner größten Orgelwerke über protestantische Choräle schrieb.

SERIE

Stätten protestantischer Geschichte in Bayern

 

Alle Folgen der Serie » Stätten protestantischer Geschichte in Bayern und weitere Informationen finden Sie » hier...

 

INFORMATIONEN

Adressen

  Tourist Information am Hauptbahnhof, Königstr. 93, 90443 Nürnberg, Tel. (0911) 2336-132, E-Mail tourismus@nuernberg.de, Internet:  www.tourismus-nuernberg.de

  Informationsladen der Ev.-Luth. Kirche (i-punkt) im Haus »eckstein«, Burgstr. 1-3, Tel. (0911) 2142140, E-Mail arbeitsstelle@eckstein-evangelisch.de, Internet:  www.eckstein-evangelisch.de und  www. nuernberg-evangelisch.de

Literaturtipps

  Museen der Stadt Nürnberg (Hg.): Im Anfang war das Wort. Nürnberg und der Protestantismus. Ausstellungskatalog, Nürnberg 1996

  Ev.-Luth. Gesamtkirchenverwaltung Nürnberg (Hg.): Evangelium und Geist der Zeiten. 450 Jahre Reformation in Nürnberg. Nürnberg 1975

Thomas Greif

 


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abgerufen 21.05.2012 - 09:13 Uhr

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