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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2005 vom 18.12.2005
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Der erschütterliche Poet

Zum Tod des Kabarettisten und »philosophischen Clowns« Hanns Dieter Hüsch


Das Schwere konnte er leicht sagen, Gott und die Welt zur Begegnung mit sich selbst und miteinander führen: Hanns Dieter Hüsch.
Foto: epd
   Das Schwere konnte er leicht sagen, Gott und die Welt zur Begegnung mit sich selbst und miteinander führen: Hanns Dieter Hüsch.

Wer im Kabarett grelles Gehampel und kurzlebige Gags erwartete, erlebte bei Hanns Dieter Hüsch Überraschungen: Der saß hinter einer schrulligen Wurlitzerorgel und las den Blätterstapel darauf vor. Denn es sollte schon druckreif sein. Doch lebendiger, treffsicherer, »freier« hätte es auch auswendig nicht wirken können. Hüsch hatte mit seinem »literarischen« Kabarett eine Form erfunden, die das politische Kabarett der 70er- und 80er-Jahre bereicherte und die er zur Vollendung führte. Wie aus dem Nichts konnte er packende Geschichten zaubern, in wenigen Sätzen eine ganze Welt skizzieren. Meist kamen darin Menschen vom Niederrhein vor, seiner Heimat: Menschen, die zwar geschwätzig sind, aber nicht so richtig gesprächig, die gern aneinander vorbeireden und doch das Wesentliche zuweilen fast unfreiwillig auf den Punkt bringen.

Menschlichen Schwächen begegnete Hanns Dieter Hüsch mit Respekt und Liebe - und mit Poesie. In ihr war er zu Hause: Klassiker wie Shakespeare, aber auch »Exoten« wie Arno Holz oder Dylan Thomas prägten seinen Stil. Im Reim, im Rhythmus, in der Musik, so spürte er fein, muss man all das ausdrücken und festhalten, was im Alltag sonst unterginge. Das, wo Musik drin ist - die Poesie –, bietet eben oft auch Trost für die vielen Unzulänglichkeiten, mit denen der Mensch in seinem Dasein zu kämpfen hat.

Der Mensch, so lässt sich Hüsch verstehen, ist auf Tiefsinn angelegt, trägt das aber nicht gern vor sich her, weil das Große, vielleicht Heilige gerade für den Empfindsamen leicht etwas peinlich wird. »Und sie bewegt mich doch«, lautete der Titel eines besonders gelungenen Programms der 80er-Jahre, vielleicht einer Art Synthese seiner Gedanken. Der Anklang an die großen Welttheorien (dreht sich die Erde?) wurde dabei von Hüsch neben vielerlei Ausflügen in den Zustand unserer Gesellschaft schließlich aufs ganz Private gemünzt: Muss ich mich etwa dann auch »bewegen« lassen? Und lasse ich noch heran an mich, was »draußen« geschieht?

Ein nahbarer Gott

Wer Menschlichkeit im Kleinen nicht erweisen und verstehen lernt, der sollte über große Zusammenhänge vielleicht lieber schweigen. Trotzig konnte Hüsch da werden und trat dann auf als einer, dem noch manches heilig ist und der dazu steht. Ganz Protestant, fand er so zu jener gelösten Freiheit, die mit heiterer Gelassenheit das allzu Menschliche fröhlich aufs Korn nehmen kann, ohne an Engstirnigkeit und Zynismen der Welt zu verzweifeln.

Ausdrücklich und öffentlich hielt der Niederrheiner fest an seinem evangelischen Glauben, pries ihn unaufdringlich als seine letzte Bastion, die ihm blieb, wenn alles andere in Zweifel geriet. Gern und geehrt nahm Hüsch auch immer wieder Einladungen auf die Kanzel an, unter anderem bei vielen Evangelischen Kirchentagen. Nicht nur undogmatisch zeigte er sich da, sondern - wie sonst auch - erstaunlich »erschütterlich«: empfindsam für die Schicksale und Probleme der Menschen, wie er sie auch selbst in Krisen und Krankheiten kennen lernte.

»Vorlesekunstphilosoph« ließ er sich selbst in seinem letzten Programm augenzwinkernd nennen. Übrigens von keinem geringeren als dem lieben Gott persönlich. Der war, sozusagen, Stammgast in seinen Programmen. Verwegen einfach stellte er sich diesen »Zeit-Genossen« vor. Der helfe gern mal bei einer Verwandten aus, in deren Wäscherei in Dins­laken, wenn Not am Mann sei, fabulierte er: ein Gott, der ganz nah bei seinen Menschen ist, deren Sprache spricht, sie genau kennt und tief versteht. Viele Theologen hat wohl mit Neid erfüllt, wie schön und unkompliziert, fromm und doch nahbar Hüsch von Gott reden konnte.

Markus Hepp

 


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/news/aktuell/2005_51_26_01.htm
abgerufen 08.02.2012 - 11:55 Uhr

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