Über die inneren Mauern hinausschauen
Sonntagsblatt-Sprechstunde
Ich lebe seit drei Jahren von meinem Partner getrennt und merke, wie sehr ich immer noch an ihm hänge. Ich bin voller Selbstzweifel, ob es richtig war, dass ich damals gegangen bin. Er hatte seit vielen Jahren eine Freundin, und irgendwann habe ich diese Doppelbeziehung nicht mehr ausgehalten. Zugleich fürchte ich, dass ich es irgendwann einmal bereue, dass ich weggegangen bin. Meine Mutter hat damals gesagt: So einen Mann kriegst du nie wieder. Er hat die Beziehung mittlerweile beendet, wir verstehen uns eigentlich ganz gut. Vielleicht war es wirklich ein Fehler, vielleicht sollte ich zu ihm zurückkehren. Ich habe in diese Partnerschaft so viel investiert, damals; jetzt bin ich Mitte vierzig und schaue eigentlich nur zurück auf eine gescheiterte Beziehung und auf Enttäuschungen. Und zugleich habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, es könnte doch noch etwas mit uns werden. Ich fühle mich wie gefangen.
Frau M. (45)
Wie gefangen fühlen Sie sich - und das spürt man Ihrem Brief an. Es ist, als würden Sie beständig im Kreis laufen, wie in einem Gefängnishof, freilich mit dem Unterschied, dass die hohen Mauern nicht außen sind, sondern in Ihnen selbst. Sie heißen »Selbstzweifel«, »Reue«, »Fehler«, »hohe Investitionen«, »Hoffnung, es könnte doch noch mal was werden«.
Ich frage mich, welche inneren Sätze Sie fesseln: Vielleicht der Satz, den Ihre Mutter spricht: So einer kommt nie wieder...? Vielleicht die innere Überzeugung, dass man nur eine Chance im Leben hat und wenn die verspielt ist...? Vielleicht der Gedanke, dass Sie es eigentlich gar nicht wert sind, neue Chancen zu haben...? Vielleicht die Überzeugung: Ich habe so viel investiert - es muss sich doch lohnen...?
Man kann aber auch mal anders fragen: Was nützt es Ihnen eigentlich, dass Sie sich immer noch nach diesem Mann sehnen? Ich möchte Sie stattdessen zu einem kleinen Gedankenexperiment ermuntern. Was ist eigentlich zu sehen, wenn Sie aufhören, zurückzublicken und sich an eine Vorschau wagen?
Wenn man Angst hat, ein Ziel aufzugeben, dann hilft es manchmal, in Gedanken eine Alternative durchzuspielen. Und einfach mal so zu tun, als ob man sich schon entschieden hätte. In Ihrem Fall könnte das heißen: Ich tue in Gedanken mal so, als ob meine alte Beziehung wirklich beendet wäre. Und ich plane, was ich danach tun würde. Das Wichtige liegt in dem Wort »tun«. Welche sehr konkreten kleinen Schritte fallen Ihnen ein? Wie fühlt sich das für Sie an? Was bedeutet es, wieder handlungsfähig zu sein - statt sich im Kreis herumziehen zu lassen? | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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