Schlägerei mit fatalen Folgen
Die gewaltsame Störung einer Prozession im Jahr 1606 führte zur Rekatholisierung von Donauwörth
Geschichte verdichtet sich bisweilen in unerhörter Weise. Ein Wimpernschlag, ein Schritt, eine Bewegung mit unvorstellbaren Folgen: Der Flügelschlag des Schmetterlings, der am Ende einen fürchterlichen Hurrikan auslöst. Davon handelt die folgende Begebenheit.
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Stadtarchiv Donauwörth
 So stellte sich der Zeichner Johann Michael Mettenleitner zweihundert Jahre später das Donauwörther »Kreuz- und Fahnengefecht« vor. Die Prozession vom 25. April 1606 löst sich im Tumult auf.
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Sie beginnt in den Morgenstunden des 25. April 1606, einem Frühlingsdienstag vor fast genau 400 Jahren. Vom Kloster Heilig Kreuz in Donauwörth, das seinerzeit noch meist Schwäbisch Werd genannt wird, ziehen fünf Mönche und eine Hand voll Bürger zur Markusprozession ins nahe Auchsesheim. Singend und mit wehenden Fahnen durchqueren sie die Freie Reichsstadt, die seit gut zwei Generationen fast vollständig evangelisch geworden war. Als die kleine Gruppe gegen elf Uhr vor dem Donautor erscheint, um nach beendetem Bittgang zum Kloster zurückzukehren, lässt ihr der Rat der Stadt den Weg versperren.
Wer nicht in Donauwörth wohne, möge die Prozession verlassen, bedeutet man den Betenden. Die Fahnen wären bitte einzurollen, der Gesang einzustellen. Einige Bauern aus dem Umland folgen der Anordnung widerwillig; die anderen Teilnehmer werden nach Durchqueren des Tores von ein paar rauflustigen Burschen mit Hopfenstangen angegriffen und verprügelt. Die Prozession endet im Tumult.
Der Donauwörther »Hopfenstangenkrieg« hätte zu jeder früheren oder späteren Zeit als kuriose Fußnote in die Ortshistorie eingehen können. Anno 1606 löste er eine Ereignislawine aus, die die Stadt in eine jahrhundertelange Krise und Europa in den Dreißigjährigen Krieg führte.
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Tourist Information
 Das Liebfrauenmünster (vorne) und die Klosterkirche Heilig Kreuz dominieren bis heute die Silhouette der Stadt Donauwörth.
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Denn in dem Handgemenge am Donautor entlud sich nicht (nur), wie üblich, kleiner und meist persönlich motivierter Zank örtlicher Streithansel, sondern der größte politische Konflikt, der im Heiligen Römischen Reich auszutragen war, der konfessionelle. Seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 hatten sich in den Territorien des Reiches protestantische und katholische Gesellschaften gebildet und gefestigt. Beide Seiten rangen, ganz wörtlich zu verstehen, um jeden Quadratmeter.
Der fragile Frieden wurde ein ums andere Mal in Frage gestellt. Für Donauwörth galt die Regelung wie für alle bikonfessionellen Reichsstädte: Beide Konfessionen waren in ihren Rechten zu achten. Die Katholiken, zuletzt zwölf Familien bei rund 4000 Einwohnern, hatten ihre Prozession unter den Augen der evangelischen Mehrheit ja auch seit über 30 Jahren konfliktfrei begangen: Auf Seitengassen, ohne Fahnen und in stummem Gebet, zumindest, solange es über das reichsstädtische Hoheitsgebiet ging. Nun taten sie es, ermutigt vom neuen Klosterprior Georg Beck, mit neuem Selbstbewusstsein. Am besagten Prozessionstag befand sich ein bischöflich-augsburgischer Notar im Gefolge, was darauf hinweist, dass der Zusammenstoß kein unglücklicher Zufall, sondern wohl kalkulierte Provokation war. Denn mit dem Bericht des Notars im Anhang beschwerte sich kurz darauf der Augsburger Bischof beim Reichshofrat.
Was zu anderer Zeit als juristisches Geplänkel ergebnislos in den Registraturen gelandet wäre, entfaltete nun in erstaunlicher Schnelligkeit Wirkung. Kaiser Rudolf II. drohte mit der Reichsacht. 1607 konnte die Prozession gar nicht mehr stattfinden. Der Kaiser, bemüht um die politische Gunst des Baiernherzogs Maximilian, beauftragte diesen mit der Vollstreckung der Acht. Der städtische Rat blieb sträflich träge, ja selbstherrlich - eine Verhandlungsdelegation des Herzogs empfing er nicht einmal zur Diskussion, mit der abenteuerlichen Begründung, es seien leider »ihrer mehrere Ratsherrn ganz betäubt und ein großer Teil des Volkes berauscht«.
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Stadtarchiv Donauwörth
 Das Ende ihres Reichsstadtdaseins verdankte Donauwörth dem katholischen Baiernherzog Maximilian, der freilich, anders auf diesem illustrierten Bild aus dem frühen 19. Jh., niemals selbst vor Ort war.
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Ende November 1607 erschien Maximilian mit einer gewaltigen Streitmacht von rund 15000 Mann vor den Toren Donauwörths, das denn auch gar nicht erst den Versuch machte, sich zu verteidigen. Der Baier präsentierte eine astronomisch hohe Kostenrechnung von 256355 Gulden - zum Vergleich: Die städtischen Einnahmen lagen bei jährlich rund 15000 Gulden - und verwies im Übrigen auf sein Pfandrecht, solange seine Kosten nicht bezahlt waren. Damit war Donauwörth de facto über Nacht zur baierischen Landstadt geworden, was die Stadt übrigens de jure erst 1785 wurde.
Die Folgen waren in jeder Hinsicht gewaltig. »Die Reichsacht war für Donauwörth eine Zäsur mit 400-jährigen Konsequenzen«, sagte Stadtarchivar Ottmar Seuffert. Die Bevölkerungszahl ging um mehr als die Hälfte zurück und erreichte erst um das Jahr 1900 wieder den reichsstädtischen Stand. Die (fast durchwegs evangelisch) bürgerliche Oberschicht wanderte aus; Donauwörth verarmte. Die Stadt wurde auf Drängen Maximilians vollständig rekatholisiert. Aus dem »Kreuz- und Fahnengefecht«, dem im kommenden Jahr eine stadtgeschichtliche Ausstellung gewidmet ist, wurde eine Wegmarke zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Wer's nicht glaubt, mag nachlesen bei Ryoichi Nagata, Professor für europäische Neuzeitgeschichte an der Universität von Okayama. Dessen Aufsatzsammlung über das Europa des frühen 17. Jahrhunderts ist zwar wegen der japanischen Schriftzeichen hierzulande nicht jedermanns Sache. Aber erkennen kann man allemal den Stadtplan von Donauwörth, in dem der folgenschwere Prozessionszug von Heilig Kreuz zum Donautor markiert ist.
»Lutheri caneis«
Zu beiden Orten wäre nun noch eine Gegenwartsperspektive nachzutragen. Die Gegend des »Hopfenstangenkrieges« ist städtebaulich so verändert, dass sich das Geschehen kaum genau lokalisieren lässt. Für die Erinnerung sorgt seit kurzem ein modernes Fresko an einem Malergeschäft, dessen Inschrift freilich schon mancherorts für Stirnrunzeln gesorgt hat - ist dort doch die Rede vom »Pöbel«, der seinerzeit die Prozession gestört habe. Die gleiche Saite schlug auch, allerdings fast vierhundert Jahre früher, eine Gedenktafel im Liebfrauenmünster an, die den vor Ort tätigen Jesuiten für ihre Arbeit im Dienste gegen die »lutherischen Hunde« (Lutheri caneis) dankte. Versöhnlicher dagegen präsentiert sich der einstige Klosterbezirk, seit 1875 großteils im Besitz des katholischen Religionspädagogen Ludwig Auer und später dessen Stiftung. Seit 1935 sind nach über 130-jähriger Unterbrechung mit den Herz-Jesu-Missionaren aus Österreich wieder Patres in Heilig Kreuz tätig.
Zwei Gebäude erwarb von der Stadt schon im 19. Jh. die evangelische Kirchengemeinde. Und so haben heute Pfarrhaus und ehemaliges Schulhaus (mit Dekanat und Diakoniestation) ihren Platz in trauter Nähe jener barocken Klosterbasilika, von der aus einstmals das Ende der protestantisch geprägten Reichsstadt ausging - eine bauliche Zufallsökumene, die manchen Touristen nach Beobachtung von Dekan Reinhard Freund mit Ratlosigkeit erfüllt: »Die bringen das nicht ganz zusammen.«
In der nächsten Folge widmen wir uns einer Stadt, die nach Luthers berühmten Worten ob ihrer protestantischen Gesinnung »wahrlich in ganz Deutschland leuchtet wie eine Sonne unter Mond und Sternen«.
| SERIE
Alle Folgen der Serie » Stätten protestantischer Geschichte in Bayern und weitere Informationen finden Sie » hier...
INFORMATIONEN
Adressen
Tourist-Information Donauwörth, Rathausgasse 1, 86609 Donauwörth, Tel. (0906) 789151, E-Mail: tourist-info@donauwoerth.de, Internet: www.donauwoerth.de
Haus der Stadtgeschichte im Rieder Tor, Spitalgasse 1. Öffnungszeiten: auf Anfrage (Tourist-Info)
Ausstellung »400 Jahre Kreuz- und Fahnengefecht« vom 25.4. bis 31.8.2006 im Haus der Stadtgeschichte (mit Begleitprogramm, unter anderem einem ökumenischen Gottesdienst im Liebfrauenmünster und historischen Vorträgen im evangelischen Gemeindehaus)
Literaturtipps
Maria Zelzer: Geschichte der Stadt Donauwörth, 1. Band, Donauwörth 1979
Maximilian Lanzinner: Donauwörth. In: Alois Schmid/ Katharina Weigand (Hg.): Schauplätze der Geschichte in Bayern, München 2003, S. 216-230.
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