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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2005 vom 18.12.2005
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Wie im Himmel

Dresdner Frauenkirche im Besucher-Ansturm: Wie Sonntagsblatt-Leser sie erlebten

Von Lutz Taubert

Dresden im Dezember, lange Schlangen vor der Frauenkirche. Tausende nehmen stundenlange Wartezeiten auf sich, um die wieder errichtete »vollkommenste Kirche des Protestantismus« auch im Inneren kennen zu lernen.

Schlangen wie vor der Sixtinischen Kapelle: Der Ansturm auf die Frauenkirche ist ungebrochen. Seit der Wiedereinweihung haben hunderttausende die Kirche besichtigt, Konzerte sind bis weit ins nächste Jahr ausgebucht.
Foto: ddp
   Schlangen wie vor der Sixtinischen Kapelle: Der Ansturm auf die Frauenkirche ist ungebrochen. Seit der Wiedereinweihung haben hunderttausende die Kirche besichtigt, Konzerte sind bis weit ins nächste Jahr ausgebucht.

Wo gibt's das sonst noch: Einlasskarten für einen Gottesdienst, um den Ansturm zu ordnen!? 1000 von 3000 Menschen mussten am ersten Advent abgewiesen werden, weil »nur« 2000 Platz haben (1800 Sitz- und 200 Stehplätze). Insgesamt 200.000 Menschen haben in den fünf Wochen seit der Weihe am 30. Oktober die Frauenkirche besichtigt, und die Dresdner wundern sich und witzeln: »Die stehen ja an wie in Moskau beim Lenin.«

Es ist, als ob alle Welt nach Dresden kommt, um »das Wunder vor unseren Augen«, wie der Frauenkirchen-Pfarrer Stephan Fritz den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten schönsten protestantischen Barock-Kirche mit ihrer weltberühmten Kuppel nennt, nun endlich mit eigenen Augen, Ohren und Händen zu erfahren. Und zwar von außen und von innen.

»Waren Sie schon drin? Und? Wie war es?« Wer es geschafft hat, eines der Konzerte zu hören, die weit bis ins nächste Jahr so gut wie ausgebucht sind, oder wem es gelang, an einem Gottesdienst am Sonntagmorgen teilzunehmen, wird um seine Eindrücke beneidet und nach seinen Gefühlen befragt. Und so ist nicht nur die neue Barockkirche ein Wunder, sondern auch der Ansturm auf sie, die in einer Stadt steht, deren Einwohner zu vier Fünftel konfessionslos sind. Pfarrer Fritz freut sich über den Zustrom: »Wir wollen ja nicht nur den geübten Gottesdienst-Besucher.« In der Tat: Das spektakuläre Bauwerk birgt in sich die Chance, dass Menschen von weit außerhalb eines protestantischen Milieus neugierig ins Innerste eines eindeutig protestantischen Sakralbaus eintreten und hier Religion, Kirche, Gott entdecken.

Der Blick nach oben in die innere Kuppel der Frauenkirche.
Foto: Frauenkirche
   Der Blick nach oben in die innere Kuppel der Frauenkirche.

»Staunend, um Fassung ringend, tief berührt«, so beschreibt der Referent im Frauenkirchen-Pfarrbüro Jost Hasselhorn die überwiegende Reaktion der Besucher aus nah und fern. Sie kommen übrigens nach einer groben Schätzung zu 50 Prozent aus Dresden und Sachsen, zu gut 30 Prozent aus der restlichen Republik und zu knapp 20 Prozent aus dem Ausland. Das fassungslose Staunen betrifft freilich vor allem die eher kirchenfernen, die quasi erstmalig und mit offenem Mund von der Frauenkirche und ihrer bewegenden Geschichte erfahren.

Wer dagegen die näheren Umstände des Wideraufbaus kennt, sich womöglich sogar als Spender engagiert hat (über 100 Millionen Euro der Gesamtsumme von 179 Millionen für den Wiederaufbau sind Privatspenden), für den ist der Eintritt in die Kirche wie die Erfüllung einer lange gehegten Vision.

»Ich kam mir vor wie im Himmel.« Das war eine der eindrücklichsten Antworten, und übrigens auch eine häufige Antwort, die Sonntagsblatt-Redakteure zu hören bekamen anlässlich eines in der Geschichte des Blattes einmaligen Unternehmens: Ein viertel Tausend Sonntagsblatt-Leserinnen und -Leser waren am zweiten Advent im Gottesdienst in der Dresdner Frauenkirche (und an den beiden Tagen davor, um das »Weihnachtsoratorium« zu hören). Die Nachfrage nach einer mehrtägigen Leserreise war so groß, dass schließlich das Sonntagsblatt mit sechs Bussen und 240 Lesern und Leserinnen in Dresden war (siehe Texte rechts).

Wie einst: Chorschranke mit Kanzel, Altar, Orgel.
Foto: epd
   Wie einst: Chorschranke mit Kanzel, Altar, Orgel.

Auffallend: Die meisten von ihnen haben ihre persönliche Geschichte mit der Frauenkirche, eine besondere Erinnerung, die sie mit ihr verband, sei es mit dem Wiederaufbau in den letzten elf Jahren, oder mit der Zeit, als sie als mahnende Ruine im DDR-Sozialismus stand, oder gar an jene Tage im Februar 1945, als nach dem Bombardement Dresdens der Feuersturm durch die Stadt ging und die Frauenkirche schließlich zusammenstürzte.

Nun also hinein in die neue, wieder erstandene Frauenkirche: Der Blick wird beinahe unwillkürlich in die Höhe gelenkt. Hell, licht, pastellfarben. Altarbild und Orgelprospekt werden von vielen als ungewöhnliche Einheit empfunden. Ungewöhnlich dicht, ja beinahe intim die Predigtsituation dank des Zentralbaus, der als protestantisches »Auditorium Gottes« gebaut ist oder auch wie ein Theater wirkt. Die Kanzel, kaum erhöht gegenüber dem »Parkett«, ragt einem Schiffsbug gleich in die Mitte des Raums hinein. Das Wort nicht von oben nach unten, sondern »par cum pari«, auf Augenhöhe, ganz nah. Der Prediger selbst, an diesem Sonntag der Bischof von Schleswig, Hans Christian Knuth, spricht hinterher fasziniert von der »enormen Aufmerksamkeit während des Gottesdienstes, selbst in den Emporen«.

Eine Kirche, die Prediger und Zuhörer, ganz im Sinne des protestantischen »Priestertums aller Glaubenden«, gleichermaßen fasziniert und begeistert. Baudirektor und Frauenkirchen-Stiftungssprecher Eberhard Burger gibt sich zwar ob des Besucheransturms auf das herrliche Haus recht bescheiden: »Wir haben es noch mit einer Ausnahmesituation zu tun, auf Grund der Geschichte und des Symbolcharakters und der Weltbedeutung dieses Bauwerks«, sagt er. Wer weiß: Vielleicht wird die Ausnahmesituation zum Normalfall!

ZEITZEUGEN

»Heute bin ich unendlich dankbar«

Siegfried Zeltner erlebte als Soldat die Zerstörung Dresdens

Siegfried Zeltner (79).
Foto: fra
   Siegfried Zeltner (79).

Die Nächte des 13. und 14. Februar hat Siegfried Zeltner (79) aus Röden- tal bis heute nicht vergessen. Als 18-jähriger Luftwaffen- soldat lag seine Stellung im Fliegerhorst Oschatz genau in der Einflugschneise der Bombengeschwader, die Dresden in Schutt und Asche legten. »Wir hörten die ununterbrochenen Einschläge der Luftminen und sahen die Stadt in Flammen aufgehen«, erinnert er sich. Einige Wochen später wurde er mit 800 kaum bewaffneten 16- bis 18-jährigen Kameraden der »Division Hermann Göring« von den Russen aufgerieben. Nur 100 überlebten, der Rückzug führte sie durch das zerstörte Dresden. »Wir marschierten durch eine Steinwüste, von einem der Trümmerhaufen sagten die Frauen, die die Wege räumten, dass es die Frauenkirche gewesen sei.«

Seit der Wende hat Zeltner mit seiner Frau den Wiederaufbau mitverfolgt, von der Sichtung der Trümmer bis zur Fertigstellung der Unterkirche. Die Wiedereinweihung im Fernsehen empfand er als »ein besonderes Erlebnis«. Dass er jetzt im Rahmen einer Sonntagsblatt-Leserreise das Weihnachtsoratorium und einen Festgottesdienst besuchen konnte, sieht er als großes Geschenk«. »Ich bin unendlich dankbar, dass ich 60 Jahre nach den furchtbaren Kriegserlebnissen mit anderen in diesem wunderbaren Gotteshaus sein durfte.«

 

»Mit dem Leben abgeschlossen«

Maria Nitzsche verlor in der Bombennacht ihre Schwester

Maria Fehrmann-Nitzsche (82).
Foto: pet
   Maria Fehrmann-Nitzsche (82).

Seit 1940 arbeitete die junge Maria Nitzsche als Röntgen- assistentin in Dresden. Sie lebte bei einer Familie im Stadtteil Striesen, ihre jüngere Schwester Eva wohnte im gleichen Viertel. Die Bombenangriffe vom 13. und 14. Februar kamen für sie völlig überraschend: »Es war Karneval, keiner hatte damit gerechnet...«, erinnert sich die 82-Jährige. Nach der ersten Angriffswelle wagte sie mitten in der Nacht die Flucht - und geriet in den zweiten Bombenhagel. »Wir rannten in irgendeinen Keller, da saßen schon die Leute vom Volkssturm, draußen fielen die Brandbomben - in dem Moment habe ich mit meinem Leben abgeschlossen«, erinnert sich Fehrmann-Nitzsche. Am nächsten Morgen wurde das Ausmaß der Zerstörung klar: »Fast alle Häuser in der Nachbarschaft waren weg.« Ihre Schwester Eva kam in dieser Nacht ums Leben. Maria Nitzsche flüchtete mit den Eltern nach Pirna, lebte ab 1953 in Meissen und zog 1988 nach Oberfranken. Seither war sie oft in Dresden, aber auch bei der Sonntagsblatt-Leserreise »ist viel wieder hochgekommen«. Trotz ihres bewegten Lebens ist sie dankbar: »Ich bin fest gegründet und weiß, woher ich meine Kraft bekomme.«

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:27 Uhr

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