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Dieser Artikel: Ausgabe 48/2005 vom 27.11.2005
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Die Reise nach Jerusalem

Von einer missglückten Wallfahrt brachten zwei Pappenheimer die Schweizer Reformation ins Allgäu


Wer in Franken und Schwaben in der Reformationszeit evangelisch wurde, hielt sich fast durchwegs an Martin Luther. Im Allgäu jedoch verließ Reichsmarschall Philipp von Pappenheim die allgemeine konfessionelle Linie und schrieb seinen Erben den reformierten Protestantismus ins Testament. Bad Grönenbach und Herbishofen sind die ältesten reformierten Gemeinden in Bayern - und sie sind ihrem Glauben bis heute treu geblieben.

Außen katholisch, innen reformiert: die evangelische Kirche auf dem Theinselberg bei Herbishofen im Allgäu.
Foto: pr
   Außen katholisch, innen reformiert: die evangelische Kirche auf dem Theinselberg bei Herbishofen im Allgäu.

Während in der wenige Kilometer nördlich gelegenen Reichsstadt Memmingen schon ab 1524 ein heißer konfessioneller Kampf entbrannte, darf man sich für die ersten Jahre nach der Reformation in Grönenbach und Herbishofen getrost noch dörfliche Religionsruhe vorstellen. Spannend wird es 1558: Da stirbt der alte Graf Wolfgang von Pappenheim. Seine Söhne Alexander, Christoph, Philipp und Wolfgang teilen seine Ländereien untereinander auf.

Die drei jüngeren begeben sich auf eine Pilgerfahrt ins Heilige Land. Für Christoph und Philipp ist die Reise allerdings - aus ungeklärten Gründen - schon in Venedig zu Ende. Auf ihrem Rückweg wählen sie die Route über die Schweiz. Die folgenschwere Begegnung ereignet sich in Genf: Dort treffen sie auf Johannes Calvin, neben Huldrych Zwingli der zweite bedeutende Reformator der Schweiz, und lernen dessen reformierte Kirche kennen. Philipp und Christoph sind tief beeindruckt. Während eines längeren, krankheitsbedingten Aufenthalts in Basel entschließen sie sich, zum reformierten Glauben überzutreten.

Damit sind die Weichen für die Untertanen des Grönenbacher Schlosses gestellt. Während die Memminger Nachbarn sich längst auf das Luthertum verständigt haben, führen Philipp und Christoph von Pappenheim 1559 in ihrem Ländchen die Reformation Schweizer Prägung ein - was nach den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens eigentlich gar nicht erlaubt war.

Der schlichte Innenraum der reformierten Kirche in Bad Grönenbach.
Foto: pet
   Der schlichte Innenraum der reformierten Kirche in Bad Grönenbach.

Unter Philipps Regentschaft festigte sich der neue Glaube. Aber auch seine Nachfolger im Grönenbacher Schloss sollten den reformierten Glauben erhalten. Deshalb notierte er 1613 in seinem Testament: »Als ist mein letzter Wille und höchster Bevelch, daß meine Erben und alle ihre Nachkommen zu allen und ewigen Zeiten schuldig sein sollen, die christlich reformierte, mit dem reinen, unverfälschten Wort Gottes übereinstimmende Religion zu Grönenbach, Herbishofen und am Theinselberg weniger nit als bisher von mir beschehen, zu unterhalten und fortzupflanzen.«

Natürlich haben sich nicht alle daran gehalten. Graf Wolf Philipp von Pappenheim zum Beispiel kehrte nach dem 30-jährigen Krieg in den Schoß der katholischen Kirche zurück und machte Anstalten, die von seinem Urahn verlangte Religionsfreiheit für die Reformierten über Bord zu werfen. In ihrer Not brachten die beiden Dorfpfarrer 1656 eine Kopie des Testaments in Zürich in Sicherheit. Der Graf konnte toben und drohen, es half ihm nichts - nur mit der Genehmigung, zwei beglaubigte Abschriften des Dokuments anfertigen zu dürfen, ließen sich die Pfarrer dazu bewegen, das Testament wieder ins Allgäu zurückzubringen.

Königliche Hilfe

Fünfzig Jahre später konnte allerdings nur noch eine handfeste preußische Erpressung die Reformierten im Allgäu retten. Nachdem die Pappenheimer 1692 alle Ländereien an den Fürstabt von Kempten verkauft hatten, machte sich dieser daran, die Reformierten durch Gütertausch und Umsiedelung aus ihren Ortschaften zu verdrängen. Eine Bittschrift rief den Preußenkönig Friedrich I. auf den Plan, der für die Mätzchen des Fürstabts nichts übrig hatte. Er ließ dem Kemptener 1706 ausrichten, dass er sich sämtliche Benediktinerklöster Preußens einverleiben wolle, wenn der Abt nicht binnen dreier Monate alle Enteignungen rückgängig machen würde. Danach hatten die Grönenbacher Ruhe.

Die Züricher Reformierten schickten ihren Allgäuer Glaubensbrüdern regelmäßig Prediger aus der Schweiz: Johann Ludwig Nüscheler ...
Foto: pr
   Die Züricher Reformierten schickten ihren Allgäuer Glaubensbrüdern regelmäßig Prediger aus der Schweiz: Johann Ludwig Nüscheler ...

Da die reformierten Landgemeinden inmitten von Lutheranern und Katholiken recht isoliert dastanden, hielt sich über zweihundert Jahre eine enge Verbindung zu den Züricher Glaubensbrüdern. Die Schweizer schickten und bezahlten sogar bis 1797 die beiden Pfarrer von Grönenbach und Herbishofen. Noch heute haben die Allgäuer - als einzige reformierte Gemeinde in Deutschland - das Schweizer Gesangbuch im Gebrauch.

Bad Grönenbach und Herbishofen sind die ältesten von den insgesamt 14 Gemeinden der »Evangelisch-reformierten Kirche in Bayern«, zu der gerade mal 13000 Christen gehören. Weil die »ErKiB« so klein ist, ist sie auf »grenzüberschreitende« Zusammenarbeit angewiesen. Zur ErKiB gehören die Gemeinden Leipzig, Chemnitz, Hanau und Stuttgart, als Ganzes bildet sie mit der reformierten Kirchen in Nordwestdeutschland im 11. Kirchenbezirk eine Einheit - der Amtssitz ist Leer, Ostfriesland.

Aber nicht nur im lutherischen Deutschland sind die Reformierten in der Minderheit. Auch die Allgäuer Nachfahren von Graf von Pappenheim leben mittlerweile in der Diaspora. Bad Grönenbach ist heute zu zwei Dritteln katholisch, Herbishofen zur Hälfte. »Die Ökumene ist für uns deshalb umso wichtiger«, sagt Pfarrer Joachim Metten, »sonst ist man sehr isoliert und fast bedeutungslos.«

... und Wilhelm Schinz waren im 18. Jahrhundert Pfarrer in Grönenbach und Herbishofen.
Foto: pr
   ... und Wilhelm Schinz waren im 18. Jahrhundert Pfarrer in Grönenbach und Herbishofen.

An ihren Exotenstatus haben er und sein Kollege Hermann Brill sich längst gewöhnt. Geduldig erklären sie jedem, was die reformierten von den lutherischen Protestanten unterscheidet: keine Realpräsenz Christi beim Abendmahl, strenge Einhaltung des Bilderverbots in den Kirchen, presbyteriale Gemeindeordnung, das heißt, dass die gesamte Gemeinde über wichtige Entscheidungen und auch die Wahl des Pfarrers bestimmt, und eine starke Konzentration auf das Wort in einer schlichten Gottesdienstliturgie. Der Grundsatz, dass eine Predigt über alles gehen darf, aber nicht über 15 Minuten, gilt bei den Reformierten nicht. »Unsere Gemeindemitglieder erwarten im Gottesdienst, aber auch bei Kasualien eine handfeste Bibelauslegung«, sagt Joachim Metten. 25 Minuten sind für eine Predigt keine Seltenheit. Die Kontakte zur lutherischen Kirche sind unkompliziert und pragmatisch. Nach dem parochialen System gehören Lutheraner in Grönenbach und Herbishofen automatisch zur reformierten Gemeinde, während Reformierte anderswo Mitglieder der lutherischen Ortsgemeinden sind.

Die Züricher Ratsbehörde hat 1656 einmal über ihre Allgäuer Schützlinge geschrieben: »Diese Kirchen sind umgeben auf viele meilenwegs von Papisten und Lutheranern, die alle denselben mißgünstig sind.« Das ist längst Geschichte.

  In der nächsten Folge besuchen wir einen Ort in Bayern, der - kirchlich gesehen - bis in die 1970er-Jahre zur DDR gehörte.

SERIE

Stätten protestantischer Geschichte in Bayern

 

Alle Folgen der Serie » Stätten protestantischer Geschichte in Bayern und weitere Informationen finden Sie » hier...

 

INFORMATION

Adressen

  Evangelisch reformierte Gemeinde Bad Grönenbach, Marktplatz 10, 87730 Bad Grönenbach, Tel.: (08334) 271,  www.evang-ref-mm.de/Bad-Groenenbach, E-Mail: ev.kirche.groenenbach@ freenet.de

  Evangelisch reformierte Gemeinde Herbishofen, Herbishofen 22, 87760 Lachen-Herbishofen, Tel.: (08331) 87507,  www.evang-ref-mm.de/Herbishofen, E-Mail: Joachim.Metten@t-online.de.

Literaturtipps

  Karl Eduard Haas, Die Evangelisch-reformierte Kirche in Bayern, Neustadt/Aisch 1982

  Andreas Wachter, Geschichte der Reformierten in Bayern von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, Nürnberg 1994

   www.reformiert-bayern.de

Susanne Petersen

 


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abgerufen 21.05.2012 - 09:12 Uhr

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