Geschichte aus erster Hand
Internationale Jugendbegegnung Dachau, 60 Jahre nach Kriegsende: Erzählen gegen das Vergessen
130 Jugendliche aus Polen, Frankreich, Japan, Israel, den USA und Deutschland sind zu Gast bei der 23. Internationalen Jugendbegegnung in Dachau. Bei Workshops und Gesprächen erfahren sie etwas über die Stadt, deren Name in ihren Heimatländern mit dem Terror des ältesten Konzentrationslagers verbunden ist.
 Foto:
Herrmann
 Ein Zeitzeuge berichtet den Jugendlichen von seiner Zeit im Konzentrationslager.
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An einem Tisch sitzen zwei junge Männer mit zerkratzten Unterarmen - sie haben einen Nachmittag lang den alten Stacheldraht-Zaun der KZ-Gedenkstätte von Unkraut befreit. »Eigentlich hat man als Jugendlicher keine Lust, seine Freizeit mit Arbeit zu verbringen. Aber danach hab ich mich richtig gut gefühlt. Ich hatte das Gefühl, etwas gegen das Vergessen getan zu haben«, sagt einer von ihnen.
Was vor über 60 Jahren hier geschehen ist, erfahren die Jugendlichen in gemeinsamen Workshops, aber auch durch Arbeit auf dem ehemaligen KZ-Gelände. An diesem Sonntagnachmittag haben sie sich alle im großen Speisesaal versammelt. Jugendliche verteilen Kaffee und Kuchen, an allen Tischen wird lebhaft geredet und gelacht. Mitten unter ihnen sitzen ein paar ältere Frauen und Männer. Es sind einige der wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Dritten Reichs: Überlebende von Konzentrationslagern, Widerstandskämpfer, ein ehemaliger Soldat der deutschen Luftwaffe. Sie sind gekommen, um den jungen Menschen etwas von ihrer Vergangenheit zu erzählen.
Gebannt lauschen die Jugendlichen den Lebensgeschichten. Sie kauern auf ihren Stühlen, können ihre Blicke nicht abwenden und kauen unruhig auf den Fingernägeln. Max Mannheimer erzählt von seiner Deportation nach Theresienstadt. Hugo Höllenreiner schildert, wie er nur knapp eine Operation des KZ-Arztes Mengele überlebte, der in Auschwitz unmenschliche Versuche an kleinen Kindern durchgeführt hatte. Er erzählt von einem Freund, mit dem er auf dem KZ-Gelände mit einem Ball aus Tuchfetzen spielte. Eines Tages landete der Ball zu nahe beim elektrischen Zaun. Als sein Freund ihn wieder holen wollte, wurde er auf dem Rückweg von den Aufsehern durch drei Schüsse in den Bauch ermordet. Ein junges Mädchen am Tisch bricht in Tränen aus. Auch Hugo Höllenreiner ist von seinen Erinnerungen aufgewühlt. Während seines Berichts hat er aus einem Papiertaschentuch eine kleine Kugel gedreht.
Ein paar Tische weiter sitzt Claus Fritsche. Er ist dieses Jahr zum ersten Mal beim Zeitzeugencafé mit dabei. Schon als Kind wollte er Pilot werden, und so machte er bei der HJ seinen Pilotenschein als Segelflieger. Im Zweiten Weltkrieg war er Bordfunker bei der Luftwaffe. Sein Flugzeug wurde über Stalingrad abgeschossen, und er kam in russische Kriegsgefangenschaft, wo er sich zum Hitlergegner wandelte. Die Erinnerungen hat er in einem Buch niedergeschrieben, und nun erzählt er den Jugendlichen von seiner Vergangenheit. »Am Anfang hat es mich schon ein bisschen Überwindung gekostet, ich wusste auch nicht genau, wo ich beginnen soll«, sagt Claus Fritsche. »Doch im Nachhinein fand ich alles sehr positiv, besonders, dass sich die Jugendlichen so dafür interessierten und so gut zugehört haben.«
Auch für die jungen Teilnehmer war die Veranstaltung ein Gewinn. Steffen (19) und Lukas (17) aus Hessen: »Im Schulunterricht wird der Nationalsozialismus immer so trocken dargestellt, da ist es etwas ganz anderes, die Geschichte hautnah im Gespräch mit Zeitzeugen zu erleben. Was die uns erzählt haben, hat uns wirklich schwer getroffen. Jetzt haben wir ein wirkliches Bild von dem, was damals geschehen ist.«
Auch Alon (26) aus Israel hat bei der 23. Internationalen Jugendbegegnung viel gelernt. »Meine Großeltern waren selbst Opfer des Holocausts. Nun wollte ich mir die Orte ansehen, Opfer des 'Dritten Reichs' treffen und mich mit ihnen unterhalten. Aber ich bin auch überrascht davon, was für eine schöne Stadt Dachau eigentlich ist.« | IJB DACHAU
1983 veranstaltete die Evangelische Jugend München die erste Internationale Jugendbegegnung, damals noch als Zeltlager und gegen erheblichen Widerstand der Stadt Dachau.
Seit 1998 findet die IJB im neu gebauten Jugendgästehaus Dachau statt. Zwei Wochen lang setzen sich bis zu 200 Jugendliche aus 20 Ländern mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander. Das Motto der Veranstaltung lautet »erinnern - begegnen - verstehen - Zukunft gestalten«.
Infos beim Kreisjugendring Dachau, Tel. (01520) 5462023, oder im Internet: www.jugendbegegnung-dachau.de
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