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Dieser Artikel: Ausgabe 33/2005 vom 14.08.2005
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Das fränkische Friedensdorf

Meeders Choradstanten und das Friedensdankfest: Tradition seit dreieinhalb Jahrhunderten


»Hier hat der Frieden sein Fest« - die fränkische Gemeinde Meeder pflegt seit über 350 Jahren die Tradition des Friedendanks. Am 21. August wird wieder gefeiert.

Eine Jahreszahl mit Symbolcharakter: Das Schild am Gasthaus zum Schwan auf dem Marktplatz von Meeder verweist auf das Jahr nach Abschluss des Westfälischen Friedens. Im Hintergrund die evangelische St.-Laurentius-Kirche.
Foto: Lammel
   1649 - eine Jahreszahl mit Symbolcharakter: Das Schild am Gasthaus zum Schwan auf dem Marktplatz von Meeder verweist auf das Jahr nach Abschluss des Westfälischen Friedens. Im Hintergrund die evangelische St.-Laurentius-Kirche.

Der »richtige« Frieden kam mit Verspätung. In dreißig Jahren waren feindliche wie befreundete Truppen marodierend durch das Coburgische Land gezogen. Nach dem Friedensschluss von 1648 waren es erneut Trupps von Landsknechten, die auf ihrem Rückzug die verwüsteten Dörfer auf ihrem Weg nochmals plünderten. Erst im Juni 1650, nach dem so genannten Reichs-Exekutions-Rezess von Nürnberg, war der Krieg auch für das Herzogtum vorbei, das einst Martin Luther Zuflucht gewährt hatte.

Der Nürnberger Vertrag löste eine regelrechte Welle von Denkfesten aus: Landauf, landab wurden bis zum Ende des Jahres an die 70 große Festivitäten organisiert. Nicht von ungefähr hatte wohl der Coburger Herzog Friedrich Wilhelm II. den Namenstag des Nürnberger Schutzpatrons Sebaldus als Termin für das künftig alljährlich abzuhaltende Friedensdankfest in seinem Fürstentum festgelegt. »In sehr volkreicher Versammlung mit sonderbaren Solemnitäten und vielen Freudentränen«, berichtet der Chronist Michael Franck, wurde am 19. August 1650 das erste Friedensdankfest im Fürstentum begangen.

Von Beginn an spielte der Marktflecken Meeder in dieser Tradition eine besondere Rolle. In der »Urpfarrei« des Coburger Landes, die einst zum Kloster im thüringischen Veilsdorf gehört hatte, begann der evangelische Pfarrer Caspar Friedrich Nachtenhöfer gar eine neue Zeitrechnung: Er zählte 1650 als das »Jahr eins« in der neuen Nachkriegsära.

Ein ehemaliger Stahlhelm wurde zur Schöpfkelle, aus dem Metall einer russischen Fernlenkrakete enstand ein Spaten: Vor dem Friedensmuseum präsentieren Pfarrer Steffen Lübke (links) und Kirchenvorsteher Hartmut Eckardt zwei der Ausstellungsstücke.
Foto: Lammel
   Ein ehemaliger Stahlhelm wurde zur Schöpfkelle, aus dem Metall einer russischen Fernlenkrakete enstand ein Spaten: Vor dem Friedensmuseum präsentieren Pfarrer Steffen Lübke (links) und Kirchenvorsteher Hartmut Eckardt zwei der Ausstellungsstücke.

Das Schicksal fast aller Traditionen ereilte auch das Friedensfest. War es anfangs herzogliche »Chefsache« (in jedem Jahr gab es Erlasse aus dem Fürstenhaus), übernahm später die Coburger Landeskirche die Aufrufe. 1871 lief der Sedans­tag dem alten Friedensfest den Rang ab, und nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Begriff Frieden im deutsch-nationalistischen Vokabular mit Schmach und Schande gleichgesetzt. Gleichwohl: In Meeder blieb der Sonntag nach Sebaldi der örtliche Friedensfeiertag.

Dass er die Jahrhunderte überdauerte, ist den Choradstanten von Meeder zu verdanken. Die - allesamt männlichen - Mitglieder des evangelischen Kirchenchors hatten den Friedensdank schon frühzeitig zu »ihrem« Fest gemacht. Als Lohn für ihren Gesang bei Gottesdiensten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen erhalten sie nach alter Sitte an dem feierlichen Sonntag einen Festtrunk und ein Festessen.

Im Jahr 2001 feierte Meeder sein 350. Friedensdankfest: Vor der St.-Laurentius-Kirche schmückt ein Mädchen ein Holzkreuz für den Festgottesdienst.
Foto: Lammel
   Im Jahr 2001 feierte Meeder sein 350. Friedensdankfest: Vor der St.-Laurentius-Kirche schmückt ein Mädchen ein Holzkreuz für den Festgottesdienst.

Von Generation zu Generation wurde zugleich die geschichtliche Bedeutung des Tages weiter vererbt. »354 Jahre - das wiegt gewaltig«, sagt Hartmut Eckardt, einer der heute 24 aktiven Choradstanten und seit 1974 im Kirchenvorstand. Die Sänger fühlen sich ihren Vorfahren verpflichtet, auch wenn sich für die Berufstätigen unter ihnen der musikalische Dienst nicht immer mit der Arbeit vereinbaren lässt. Besonders bewegend empfand Eckardt die Öffnung der nahe gelegenen Grenze zur damaligen DDR: »Jahrelang hatten wir gebetet, ohne Grenzen zu leben - und dann ist es einfach geschehen...«

Pfarrer als »Friedenshetzer«

Auch der schlimmsten Zeit trotzten die Choradstanten nach Kräften. Bis 1941 bereiteten sie das Friedensfest mit vor - danach war der Chor wegen des Kriegseinsatzes nicht mehr singfähig. Als die Nationalsozialisten dem Meederer Pfarrer Walter Pürckhauer »Friedenshetze« vorwarfen, rissen Schulkinder aus der Altarbibel einige Seiten heraus; in Meeder teilen sich die Meinungen, ob es dafür politische Hintergründe gab oder ob es sich nur um eine pubertäre Revanche für den eher autoritären Religionsunterricht Pürckhauers handelte. Und 1944 blieb das einzige Jahr, in dem das Friedensfest in Meeder nicht in würdiger Form stattfinden konnte - die gesamte kirchliche Region um Rodach hatte nur noch einen einzigen Pfarrer.

Seit 1971 ist das Friedensdankfest wieder eine Sache des ganzen Coburger Landes. Alle zehn Jahre wird es als überregionaler und mittlerweile auch konfessionsverbindender Festtag begangen. Die Tradition bekam in den 1980er-Jahren neue Dynamik, als sich die evangelische Gemeinde engagiert in die Diskussion um Aufrüstung und Ostpolitik einbrachte. Belohnt wurde ihr Beitrag »Frieden stiften über Grenzen und Ideologien« 1982 mit einer Auszeichnung der Stiftung Theodor-Heuss-Preis.

Noch im gleichen Jahr eröffnete die Kirchengemeinde ihr Friedensmuseum. Das alte Schulhaus neben der St.-Laurentius-Kirche beherbergt eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten und Ausstellungsstücken, die einen ungewöhnlichen Blick auf die Geschichte verschiedener Friedensbewegungen vor allem des 20. Jahrhunderts ermöglichen.

Ebenso kurios wie bewegend sind die Beispiele von Kriegsgerät, das zu »Friedenszeichen« mutierte: der Stahlhelm, der zur Schöpfkelle für Altöl umfunktioniert wurde, oder das Brautkleid, das 1946 aus der Seide eines Militärfallschirms geschneidert wurde. Beeindruckend auch, was Besucher in die Gästebücher des Museums notierten: »Schlimm genug, dass der Frieden ein Museum braucht«, heißt es da. Und Pfarrer Steffen Lübke, der sich vor zwei Jahren die Gemeinde wegen ihrer Friedenstradition als neuen Dienstort aussuchte, entdeckte in einer ganz neuen Eintragung das »gute alte Peace-Zeichen«, gemalt von Schülerhand.

Übrigens: Auch im Alltag macht das »Friedensdorf« Meeder seinem Beinamen alle Ehre. An jedem Donnerstag um 19.30 Uhr läuten die Glocken zum Friedensgebet. Seit es vor gut 20 Jahren eingeführt wurde, ist es noch nie ausgefallen.Wolfgang LammelIn der nächsten Woche besuchen wir eine Reichsstadt, in der erstmals Menschenrechte schriftlich formuliert wurden.

  In der nächsten Woche besuchen wir eine Reichsstadt, in der erstmals Menschenrechte schriftlich formuliert wurden.

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Stätten protestantischer Geschichte in Bayern

 

Alle Folgen der Serie » Stätten protestantischer Geschichte in Bayern und weitere Informationen finden Sie » hier...

 

INFORMATIONEN

Adressen

  Friedensmuseum Meeder Besuch nur nach Anmeldung: Tel. (09566) 80188, Fax 80190, Internet:  www.friedensdank.de.

  Tourismus und Congress Service Coburg, Herrngasse 4, 96450 Coburg, Tel. (09561) 7418-0, Fax 741829, Internet:  www.coburg-tourist.de

Literaturtipps

  Coburger Friedensbuch, Herausgegeben vom Friedensausschuss der Gemeinde Meeder, 2001

  Christian Frühwald: Den Frieden feiern. Gemeindeaufbau zwischen biblischem Leitmotiv und Fest. Hamburg 2002

Wolfgang Lammel

 


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abgerufen 21.05.2012 - 09:12 Uhr

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