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Dieser Artikel: Ausgabe 32/2005 vom 07.08.2005
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Wie entstand die Welt?

Ist der Gott der Bibel der »intelligente Designer« der Schöpfung?

Von Helmut Frank

Fast 150 Jahre nach dem Erscheinen von Charles Darwins Werk »Über die Entstehung der Arten« ist ein neuer Streit um die Evolutionstheorie entbrannt. Christen in den USA, aber auch hierzulande, versuchen die biblischen Schöpfungsberichte als alternative Erklärungsmodelle der Weltentstehung darzustellen - und bringen Gott als »intelligenten Designer« neu ins Spiel. Wie ist die Urgeschichte der Genesis zu verstehen? Lassen sich Bibel und moderne Wissenschaft in Einklang bringen?

Hat Gott Himmel und Erde erschaffen oder ist alles nur Zufall? Gibt es für Christen einen Weg, Wissenschaft und Glauben in Einklang zu bringen?
Foto: Halke (Montage)
   Hat Gott Himmel und Erde erschaffen oder ist alles nur Zufall? Gibt es für Christen einen Weg, Wissenschaft und Glauben in Einklang zu bringen?

Wer die Bibel von Beginn an liest, wird nicht enttäuscht, denn in den ersten Kapiteln der Genesis stehen die schönsten Texte der Heiligen Schrift. Unter dem Leitsatz »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde« wird Gottes wunderbares Schöpfungswerk beschrieben: Er schuf Licht und Finsternis, Himmelsfeste und Wasser, Land und Meer, Gras, Kraut und Bäume, Sonne, Mond und Sterne, Vögel, Fische und die Landtiere. Dann den Menschen als Krone der Schöpfung.

Ein poetischer Text, ein Hymnus auf den Schöpfer - und doch erstaunlich vollständig, in seiner enzyklopädischen Reihung nah am wissenschaftlichen Bild der Entstehung der Erde. Kann man darin auch so etwas wie ein himmlisches Protokoll der ersten Ereignisse sehen?

   »Religion ohne Wissenschaft ist blind, und Wissenschaft ohne Religion ist lahm«
Albert Einstein

Nicht wenige Christen vertreten diese Ansicht - so genannte Kreationisten vertreten diese jedoch vehement. Ausgehend von einer wörtlichen Bibelauslegung interpretieren sie die Genesis als Schilderung von Gottes Schöpferhandeln. Der Bericht der Bibel ist für sie mehr als Glaubenssache: Der Text dient als Gegenmodell zu den Weltentstehungstheorien der Naturwissenschaften.

Gegen die Evolutionstheorie, wonach sich das Spektrum der Arten in einem langen Entwicklungs- und Anpassungsprozess aufgefächert hat, wird behauptet, die Grundtypen der Lebewesen seien unmittelbar aus dem Schöpfungswillen Gottes entstanden. Paläontologische Funde von so genannten Vorläufern des Menschen könnten klar entweder der Art Affe oder der Art Mensch zugeordnet werden. Die Bibel sage schließlich nichts anderes: »Gott schuf ein jedes nach seiner Art.« (1.Mose 1,21)

Gegen die Urknalltheorie der Astrophysik gehen Kreationisten davon aus, dass die Welt in sechs Tagen geschaffen und am siebten vollendet wurde. Danach entstand das Universum nicht etwa vor Milliarden Jahren, sondern vor ungefähr 6000 Jahren. Auf diesen Zeitraum kommt man, wenn man die Altersangaben der biblischen Geschlechtsregister von Adam bis Noah, von Noah bis David und von David bis Jesus addiert und die 2000 Jahre seit Christi Geburt dazuzählt. Der irische Erzbischof James Ussher berechnete so bereits im 17. Jahrhundert den Beginn der Schöpfung für den 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt.

»Der Sabbath«, Julius Schnorr von Carolsfeld, 1794-1874.
Foto: pa
   »Der Sabbath«, Julius Schnorr von Carolsfeld, 1794-1874.

In Deutschland gehört die Studiengemeinschaft »Wort und Wissen« in Baiersbronn bei Freudenstadt zu den bekanntesten Vertretern des Kreationismus. Ihren Leitsatz bezieht die Studiengemeinschaft aus Hebräer 11,3: »Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort gemacht ist, so dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.«

Nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts teilt jeder fünfte Deutsche die biblisch-fundamentalistische Weltsicht der Kreationisten. Die Zustimmung allein stellt die Verfechter der wörtlichen Schöpfungslehre jedoch nicht zufrieden. Für Kreationisten steht mit dem Darwinismus die Autorität der Heiligen Schrift auf dem Spiel: Wenn sie schon bei den ersten Dingen irrt, wie soll sie in Bezug auf die letzten Dinge glaubwürdig sein? Im Kampf um die Bibel setzen die Kreationisten seit jeher auf die wissenschaftliche Anerkennung - und um die zumindest gleichberechtigte Behandlung ihrer Hypothesen im Schulunterricht.

Doch davon ist der Kreationismus - anders als beispielsweise in den USA - hierzulande weit entfernt. Der Graben zum evolutionären Weltbild der Biowissenschaften und der Kosmologie ist einfach zu breit, manche Hypothesen sind zu steil: wenn etwa Fossilien als Ergebnis der Sintflut erklärt werden oder einfach mit der Bibel gesagt wird, Gott benötige keine Jahrmilliarden, damit sich die Dinge entwickeln: »Denn wenn er spricht, so geschieht´s, wenn er gebietet, so stehts da.« (Psalm 33,9)

Ein Strategiewechsel soll mehr Akzeptanz schaffen. Als »Intelligent Design-Theorie« tritt der Kreationismus neuerdings in einer moderaten, akademisierten Variante auf. Die Botschaft des »Intelligent Design« lautet schlicht, dass ein übernatürlicher Planer - ein »intelligenter Designer« - das Leben auf der Erde erschaffen und in den Strukturen der Organismen seine Spuren hinterlassen habe. Diese gelte es nun nachzuweisen, um das Wirken des Designers offenbar zu machen.

»Der vierte Schöpfungstag », Illustration von Julius Schnorr von Carolsfeld, 1794-1874.
Foto: pa
   »Der vierte Schöpfungstag », Illustration von Julius Schnorr von Carolsfeld, 1794-1874.

Die Intelligent Design-Theorie (ID) hat den biblisch-fundamentalistischen Ballast des Kreationismus weitgehend abgeworfen. Dass die Erde mehrere Milliarden Jahre alt ist und dass sich die Arten über lange Zeiträume entwickelt haben, wird nicht mehr in Frage gestellt. Auch die Stammesgeschichte der Lebewesen wird nicht mehr angezweifelt.

Die ID-Theorie bietet sich an, die Lücken der Evolutionstheorie zu füllen, vor allem aber will sie der Evolution einen Erklärungrahmen geben: Gott war es, der alles in Gang gesetzt hat, der allem Sinn und Ziel gibt. Was die Evolutionstheorie nicht erklären kann, zum Beispiel die ungeheuere Komplexität des menschlichen Auges, wird durch den Designer erklärt, der - vergleichbar dem Konstrukteur einer Uhr - die Wunderwerke der Natur geschaffen hat.

Ist das ein gangbarer Weg, wie Christen Wissenschaft und Glauben in Einklang bringen können? Der Ansatz birgt Risiken: Die Wissenschaftsgeschichte lehrt, dass ein Lückenbüßergott eben nur solange gebraucht wird, bis ein neuer Erkenntnisstand erreicht wird. Der Wissensfortschritt verdrängt Gott aus den Lücken. Dem Ansehen Gottes hat dieses Verfahren bisher immer geschadet.

   »Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag.«
90. Psalm

Ein Problem ist auch, dass die Vertreter der Intelligent Design-Theorie wolkig über »Intelligenz« und »Planung« philosophieren, sich damit jedoch allein auf die biblische Schöpfungshypothese berufen können. Es wäre interessant zu erfahren, wie der Designer handelt, wie er eine Art geschaffen hat, wie es nach diesem Modell zur Bildung der DNA kam. Die Behauptung, ID habe das gemacht, befriedigt nicht. Es hilft auch nicht weiter, wenn Vertreter des ID einräumen, das Wirken eines Urhebers und seine Identität seien wissenschaftlich prinzipiell nicht beschreibbar.

Ein anderes Problem für die ID-Theorie ist die gute wissenschaftliche Fundierung der Evolutionstheorie. Bisher gibt es keine Hinweise, die auf eine Widerlegung der Evolutionstheorie hinweisen. Sie wäre widerlegt, wenn plötzlich eine Art auftauchte, die bis in den molekularen Bereich hinein keinerlei Ähnlichkeiten mit den uns bekannten Arten zeigt. Oder wenn etwa ein menschlicher Fußabdruck aus der Kreidezeit (vor 100 Millionen Jahren) zum Vorschein käme. Oder wenn nachgewiesen werden könnte, dass Zwischenformen, wie der im Altmühltal gefundene »Urvogel« Archeopterix (Bindeglied zwischen Saurier und Vogel), eben keine Übergangsform zwischen zwei Arten, sondern eine eigene geschaffene Art ist. Jeder einzelne dieser Befunde würde die Evolutionstheorie im Prinzip widerlegen, weil sie der Abstammungshypothese Darwins widersprächen.

Zur Strategie des Intelligent Design gehört mittlerweile auch, wissenschaftliche Welterklärungstheorien als Weltanschauung abzuwerten. So behauptet der Jurist Phillip E. Johnson (Seattle), der amerikanische Vater der Intelligent-Design-Bewegung, man könne die Erklärungsprobleme der etablierten Biowissenschaften unter Rückgriff auf übernatürliche Faktoren lösen. Das »Establishment des Naturalismus« verhindere jedoch die bessere Alternative.

Johnson, Christ und Ältester in der presbyterianischen Kirche, wirft der etablierten Naturwissenschaft vor, sie habe sich auf einen materialistischen Schöpfungsmechanismus festgelegt, »egal, was die Fakten sagen«. Er tritt dafür ein, im öffentlichen Schulsystem sowohl die wissenschaftlichen Fakten zu lehren, die Evolution zu stützen, als auch diejenigen, die sie infrage stellen, und den Schülern Gelegenheit zu geben, die Fakten für sich selbst zu überdenken, um so kritisches Denken zu fördern. Er kritisiert den wissenschaftlichen Materialismus als Ideologie: »Sie besteht darauf, dass die Natur alles ist, was es gibt, oder zumindest das Einzige, worüber wir etwas wissen können.«

Der Münchner Wissenschaftstheoretiker Martin Neukamm fragt genauso berechtigt zurück: »Welcher Sinn bliebe von der Wissenschaft noch übrig, wenn man annähme, dass ein Gott Naturgesetze außer Kraft setzt, Gewitter erzeugt und Arten erschafft?«

In der Arbeit der Wissenschaft geht es um die Objektivierung der Natur durch Messwerte, Daten und Experimente. Dem Glauben geht es dagegen um Offenbarung. Christen müssen dennoch immer wieder beides zusammen denken, denn es gibt nur eine Wirklichkeit: Wer an Gott glaubt, glaubt an ihn nicht nur als Schöpfer, sondern auch als Erlöser und Vollender, der gnädig in den Weltlauf eingreift.

Was bedeutet das für den Schöpfergott und die Evolution? Waltet Gott in der Natur? Ist Gott der Schöpfer der Evolution und ihrer Gesetzmäßigkeiten? Ist die Evolution gar der Mechanismus der Schöpfung? In der Bibel spricht jedenfalls nichts dagegen, die Schöpfung als Entwicklungsprozess zu begreifen.

Auffällig ist, dass in den ersten beiden Kapiteln der Bibel gleich zwei verschiedene Schöpfungsberichte stehen. Der erste, bereits oben erwähnte Bericht mit seinem Sieben-Tage-Schema ist der jüngere Text und um 600 v. Chr zur Zeit des babylonischen Exils entstanden. Er ist von mythologischer Sprache durchdrungen, wenn es heißt: »Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und Gott nannte die Feste Himmel.« Das entspricht der antiken Vorstellung, dass die Erde eine Scheibe ist, das Land umgeben von Wasser, oben ebenfalls Wasser. In der Sintflutgeschichte heißt es (1. Mose 7,11): »Es öffneten sich die Fenster des Himmels« - ein Weltbild mit drei Stockwerken: Erde, Himmel und Hölle.

Der Text ist mythologisch gefärbt, aber er entmythologisiert auch: »Es werden Lichter an der Feste des Himmels ...und Gott machte zwei große Lichter, ein großes, das den Tag regiere, ein kleines für die Nacht, dazu die Sterne. Und Gott setzte sie an den Himmel.« Geschrieben in der Zeit des babylonischen Exils hat diese Sichtweise entmythologisierenden Charakter. Die Babylonier verehrten Sonne, Mond und Sterne als Götter - die Hebräer betonen: Gott hat sie gemacht.

Das war wichtig zur Abgrenzung von fremden Kulten in einem fremden Land. Auch die Betonung des siebten Tages als Ruhetag in diesem Schema ist von da her zu verstehen. Gott ruht ja nicht, weil er jetzt erschöpft ist. Er ruht, weil er aus der Distanz betrachtet. Wobei kaum erwähnt werden muss, dass der Autor poetisch genug zu denken verstand, um diese Tage nicht als platte 24-Stunden-Tage misszuverstehen, sondern als geräumige Schöpfungsphasen im Sinne des 90. Psalms: »Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag.«

Der folgende ältere Text im 2. Kapitel entstand zur Zeit der ersten Könige Israels, David und Salomo, also 950 v. Chr. Dieser ältere Text (die Erde wird vorausgesetzt) beginnt mit der Erschaffung des Menschen, dann legt Gott - in Gestalt eines freundlichen Gärtners - den Garten Eden an und setzt den Menschen hinein. Gott schafft Tiere, Vögel, und zur Vollendung seines Werkes Eva - ein konzentrisches Modell mit ganz und gar anderer Reihenfolge.

Beide Texte widersprechen sich. Betreffend der Reihenfolge scheint der jüngere Bericht mit dem Tagesschema in seinem naturkundlichen Wissen sehr viel weiter zu sein als der ältere Text. Weil es sich um einen poetischen Text handelt, muss man jedoch nicht glauben, dass dies alles in sieben Tagen geschah. Die Autoren damals haben das ganz sicher nicht so verstanden. Die Hauptaussage des Textes ist: Gott war es, der die Welt erschaffen hat.

Was aber mögen sich wohl die Redakteure der Mosebücher gedacht haben, die beide Texte nebeneinander gestellt haben? Sie haben die Differenzen gesehen, aber sie waren ihnen nicht wichtig. Maßgebend war die Hauptaussage, dass Gott der Schöpfer der Welt ist. Festzuhalten ist also eine innerbiblische Toleranz. Die Sammler der biblischen Schriften haben es sich geleistet, unterschiedliche Theologien und Weltdeutungen nebeneinander stehen zu lassen.

Das heißt aber umgekehrt: Was biblische Texte widersprüchlich formulieren und was die Sammler der Bibel nebeneinander stehen lassen, ist offenbar für den Glauben nicht wichtig. Wohl aber das, worin sie übereinstimmen: »Gott als Schöpfer der Welt« ist unverzichtbarer Gegenstand des Bekenntnisses. »Erschaffen in sieben Tagen« ist weder Gegenstand des Glaubens noch Teil des Bekenntnisses. Die Bibel will hier sagen: Wir Menschen sind kein Zufallsprodukt der Natur, sondern von Gott als Gegenüber geschaffen. Wir sind nicht heimtückischen Mächten ausgeliefert, zum Beispiel den Sternen, die unser Schicksal bestimmen, sondern sind von Gott begleitet. Wir dürfen die Mitwelt nicht verachten, sondern haben den Auftrag, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Wir müssen aber auch unsere Grenzen anerkennen und Gott als Schöpfer respektieren.

Vielleicht könnten Wissenschaftler, Kreationisten und Vertreter des Intelligent Design von der innerbiblischen Toleranz lernen: Die Bibel hält fest, wer Himmel und Erde geschaffen hat: Gott war es. Das ist die Konstante aller biblischen Aussagen. Wie es war, das ist die Variable, und dazu gibt es zu unterschiedlichsten Epochen der Weltgeschichte unterschiedlichste Aussagen. Christen können gelassen die jeweils neueste Theorie abwarten und sie respektvoll zur Kenntnis nehmen. Ihr Glaube bleibt immer der Glaube an den, der vor allen Zeiten und Räumen war, der in allen Dingen und Wesen ist und nach allen Welten und Zeiten kommt.

TITELTHEMA

Der Kampf um das Weltbild - Wer steht hinter »Intelligent Design«?:   » lesen

DAS STICHWORT

»Intelligent Design«

Vertreter des Intelligent Design (ID) stellen die Thesen der von Charles Darwin begründeten Evolutionstheorie in Frage. Ihre alternative These ist, dass sich das Leben nur durch einen intelligenten Designer entwickelt haben könnte. Komplexe Strukturen in der Natur, wie etwas das menschliche Auge, könnten unmöglich»rein zufällig« entstanden sein.

 


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abgerufen 08.02.2012 - 23:28 Uhr

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