Die schreckliche Wahrheit
Siegfried Pallmann: Erschrecken über das wahre Ausmaß der KZ-Verbrechen
Ich war 17 Jahre alt, als ich im Oktober 1944 als Matrose einberufen wurde. Gegen Kriegsende war ich auf einem Zerstörer am Skagerrak. Wenige Tage vor dem Waffenstillstand kam ich in das Marine-Lazarett Fredrikshaven. Ich erinnere mich noch deutlich, wie eines Abends mein Bettnachbar - ein junger Leutnant - ins Zimmer kam und sämtliche Lichter einschaltete. Ich rief: »Vorsicht, wir haben noch nicht verdunkelt!« Er antwortete: »Wir brauchen keine Verdunkelung mehr. Dieser Scheißkrieg ist zu Ende!« Wir ließen alle Lichter brennen - wie schön!
In den nächsten Tagen wussten wir nicht, welchen Status wir hatten. Wir waren nicht in Feindesland. Dänemark ist zwar von den deutschen Truppen besetzt worden, aber es hat keinen Krieg gegen uns geführt. Waren wir Kriegsgefangene? Oder Internierte? Oder was sonst?
Sehr bald tauchte irgendeine Art von Freiheitstruppe auf und durchsuchte unsere Räume. Dabei ging einiges »verloren«. Ansonsten konnten wir uns ziemlich frei bewegen. Unmittelbar neben dem Lazarett war ein Lager mit deutschen Kindern. Da ich im Kriege ein Lehrerstudium angefangen hatte, ging ich am Tag hinüber zu dem deutschen Kollegen und half ihm bei seiner Arbeit.
Im Herbst 1945 kamen wir in das Kriegsgefangenenlager Munster, ein Lager in der britischen Besatzungszone. Dort wurden uns auch die durchgeführten Verbrechen in den deutschen Konzentrationslagern vor Augen geführt. Es wurden uns entsprechende Filme vorgeführt und Zeitungsartikel vorgelegt. Natürlich hatte ich als Jugendlicher erfahren, dass es Konzentrationslager in Deutschland gab. Ich hatte aber keine Ahnung davon, dass darin Massenmorde und schreckliche Misshandlungen geschahen. Daher hielt ich diese Berichte zunächst für einen Propagandatrick der Besatzungsmacht. Erst allmählich begriff ich, dass diese Berichte mit allen grauenvollen Enthüllungen auf schrecklicher Wahrheit beruhten.
Meine Kameraden und ich waren entsetzt, dass so etwas in unserem Land geschehen konnte. Wir fühlten uns mit unserem Idealismus betrogen und missbraucht. Es wurde uns aber auch klar, welch kostbares Gut die Presse und ihre Informationsfreiheit ist. Wenn im Dritten Reich ein Journalist auch nur andeutungsweise über solche Verbrechen berichtet hätte, wäre er selbst in ein solches Lager gekommen, wahrscheinlich mit tödlichem Ausgang.
Wenn es heutzutage für die jüngere Generation zum Teil unvorstellbar ist, dass man damals »nichts gewusst haben will« über die grauenvollen Einzelheiten, dann ist das gut so. Denn wir leben jetzt in einem Land mit weitgehender Presse- und Informationsfreiheit. Und wir sollten alles daran setzen, diese Informationsfreiheit zu erhalten. |
Weitere Artikel zu den letzten Jahren und Monaten des NS-Regimes sowie Lesererinnerungen an das Kriegsende finden Sie » hier...
LESER ERINNERN SICH
Bewegende Dokumente und Zeitzeugenberichte von Lesern des Sonntagsblattes.  |