Ein Stempel mit Rautenwappen
Wie Lieselotte Berchner an neue Papiere kam
Am 7. März 1945 wurde ich in Ausübung meines Kriegshilfsdienstes zu einem Horcherlehrgang nach Baden bei Wien verpflichtet. Als im April die Rote Armee vor Wien stand, habe ich mich, nachdem der »Stab« bereits unbemerkt unsere Kaserne verlassen hatte, auch abgesetzt: ohne Marschbefehl, ohne Entlassungspapiere und ohne Verpflegung. Da ich Luftwaffenuniform trug, war ich sehr gefährdet.
Mit dem letzten total überfüllten Zug, der aus Wien kommend in Richtung Westen fuhr, erreichte ich unter Tieffliegergefahr am Ostersonntag 1945 meine Heimatstadt München. Zu Hause war das Erste für mich: Uniform aus, Zivilkleider anziehen! Ich musste in meiner Familie untertauchen, weil ich keinen Zivilausweis besaß und deshalb auch keine Lebensmittelkarten erhalten konnte.
Weil ungewiss war, ob München verteidigt werden sollte, hat mein Vater unsere Familie in ein Dorf bei Landsberg evakuiert. Als sich dort feindliche Panzer näherten, haben die Dorfbewohner aus allen Fenstern weiße Betttücher gehängt. Am 28. April war der Feind am Dorfplatz angelangt. Die Spannung war groß - es ist kein einziger Schuss gefallen.
Am 6. Mai wurde die erste Proklamation an der Dorflinde angeschlagen: »Die Dorfbewohner haben von 6 bis 20 Uhr Ausgang im Umkreis von 6 Kilometern.« Davon konnte ich allerdings keinen Gebrauch machen, da an allen Straßenecken Posten standen.
Zweimal kamen nachts Besatzungssoldaten in »unseren« Bauernhof, um nach deutschen Wehrmachtsangehörigen zu suchen. Wir wagten in unserem dunklen Zimmer vor Angst kaum zu atmen. Wie es unserem Bauern gelungen ist, die Soldaten an unserer Türe vorbeizuführen, ist mir nicht bekannt; jedenfalls blieben wir unentdeckt.
Die Kolonialtruppen des Herrn de Gaulle suchten im Dorf nach jungen Mädchen. Aus diesem Grunde hat man mich durch die Falltüre von der Küche aus im Keller versteckt gehalten und dort wie eine Gefangene versorgt.
 Foto:
privat
 Lieselotte Berchner (geb. 1925) lebt in München.
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Besatzung und Bürgermeister fanden sich nach geraumer Zeit in gutem Einvernehmen, so dass bald die Ausgangssperre gelockert wurde. Mit Hilfe des Bürgermeisters wurde für mich ein provisorischer Ausweis erstellt. Dazu waren erforderlich: meine Personalien, meine Unterschrift, ein Zivilfoto und vor allem ein Stempel. Den hat der Bürgermeister aus der hintersten Schublade hervorgeholt: Es war ein ausgedienter Stempel mit dem bayerischen Rautenwappen aus der Zeit vor 1933 - ohne Reichsadler und ohne Hakenkreuz! Damit war ich vorerst einigermaßen legitimiert.
Nie werde ich vergessen, wie groß die Freude war über ein paar Brotmarken, die uns gute Freunde geschickt hatten - und später dann über ein Care-Paket aus Amerika! |