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Dieser Artikel: Ausgabe 19/2005 vom 08.05.2005
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Das Gefängnis war nur eine Küche

Hans-Martin Schöll erlebte das Kriegsende im Allgäu


Im Sommer 1945: Aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrende deutsche Soldaten auf einer Landstraße in Bayern.
Foto: pa
   Im Sommer 1945: Aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrende deutsche Soldaten auf einer Landstraße in Bayern.

Der Krieg kam für mich erst im März 1945 nach Biessenhofen. Über Nacht standen plötzlich einige Schnellzugwagen, mit einem großen Roten Kreuz gekennzeichnet, auf einem Abstellgleis nahe der Biessenhofener Milchfabrik. Wir Dorfbuben gingen auf Erkundung und stellten fest, dass sich in einem der Wagen Soldaten befanden. Sie waren alle Sanitäter und standen hier in Bereitschaft für die auf die Alpen zurückweichende deutsche Wehrmacht. Jedoch, noch bevor diese kam, waren die Rotkreuzwagen wieder verschwunden.

Die ersten deutschen Soldaten kamen mit Pferden und Pferdewagen und quartierten sich bei den Bauern im Heu ein. Sie brachten russische Soldaten mit, die auf deutscher Seite kämpften. Es waren Teile der so genannten Wlassow-Armee. Der sowjetische General Andrej Wlassow geriet bei der Verteidigung Moskaus mit seiner Truppe in deutsche Gefangenschaft. Er bot Hitler an, mit dieser Truppe auf seiner Seite zu kämpfen. Diese Einheiten kamen zunächst in amerikanische Gefangenschaft, wurden anschließend jedoch an die Sowjets ausgeliefert und alle umgebracht.

Hans-Martin Schöll erlebte das Kriegsende in Biessenhofen.
Foto: privat
   Hans-Martin Schöll erlebte das Kriegsende in Biessenhofen.

Das ahnte damals natürlich niemand, und so hatten wir mit diesen Russen und ihren Pferden viel Spaß. Sie ritten auf ihren Pferden in kühner Akrobatik über die Frühlingswiesen der Bauern, sehr zu deren Ärger. Auch wir durften reiten oder es vielmehr versuchen, allerdings nur im Kreis auf den Koppeln hinter den Höfen.

Am 1. Mai wurde ich elf Jahre alt. Mich weckte ein andauerndes, monotones Brummen: Panzer, Lastwagen mit MG-Aufbauten, Jeeps. Die Amerikaner fuhren durch den Ort. Von unserem Balkon wehte eine weiße Flagge.

Am nächsten Tag bewegte sich am Waldrand hinter unserem Haus entlang ein endloser Zug deutscher Soldaten ebenfalls nach Süden. Sie kamen alle vom nahe gelegenen Fliegerhorst in Kaufbeuren, der offensichtlich noch nicht von den Amerikanern eingenommen worden war.

Hans-Martin Schöll (geb. 1934) lebt in Neuendettelsau.
Foto: privat
   Hans-Martin Schöll (geb. 1934) lebt in Neuendettelsau.

Den ganzen Tag über klopfte es immer wieder an unsere hintere Türe. Meist stand ein deutscher Luftwaffenoffizier davor und fragte, ob er nicht seine Uniform gegen einen Zivilanzug eintauschen könne. In kurzer Zeit hatten wir vier oder fünf blaue Offiziersmäntel auf unserem Dachboden hängen. Sie kamen nicht sehr weit. So entstand am Ortsrand von Biessenhofen ein Gefangenenlager. Wir Kinder kamen in diesen Tagen mit Kannen voll Wasser und Tee an die Rückseite dieses Lagers. Die Soldaten waren dafür dankbar.

Die Amerikaner hatten sich inzwischen im Ort eingerichtet und den Gasthof Neue Post zu ihrem Quartier gemacht. Über dem Eingang hing ein Schild mit der Aufschrift »Kitchen«. Ich konnte kein Englisch und verkündete zu Hause, dass die Amerikaner in der Neuen Post ein Gefängnis eingerichtet hätten. Dabei war es nur die Küche.

1945: Kriegsende - Zeitenwende

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Hans-Martin Schöll

 


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abgerufen 10.09.2010 - 12:44 Uhr

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