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Dieser Artikel: Ausgabe 19/2005 vom 08.05.2005
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Wie sieht ein Feind aus?

Berthold Hellmuth: Im Bunker von Heroldsberg


Flugplatz Pocking im Juli 1945: Ein US-Soldat grüßt aus der Kanzel einer abgestürzten Maschine der deutschen Luftwaffe: »Hi Ma! The war is over. I am coming home«.
Foto: pa
   Flugplatz Pocking im Juli 1945: Ein US-Soldat grüßt aus der Kanzel einer abgestürzten Maschine der deutschen Luftwaffe: »Hi Ma! The war is over. I am coming home«.

Frühjahr 1945 wohnten wir in Heroldsberg bei Nürnberg, meine Mutter, drei Geschwister und ich. Der Vater war als Kriegspfarrer an der Westfront.

Es war an einem Tag Mitte April, als man am westlichen Horizont Fahrzeugbewegungen beobachten konnte. Wie das sein würde, wenn der Feind angreift, überstieg meine Vorstellungskraft. Wie sieht ein Feind aus? Lange hielt ich die Bombermannschaften, die über uns hinweg seit 1941 Nürnberg angriffen, für eine Art Marsmenschen.

Plötzlich gab es in der Ferne einen dumpfen Knall, gefolgt von einem anschwellenden Pfeifton, dann eine Explosion. Das südwestliche Ecktürmchen am Kirchturm war in eine Sandsteinwolke gehüllt, und klirrend glitt über das Dach einer Nachbarscheune ein Granatsplitter herunter.

Beim Angriff auf Heroldsberg im Bunker: Berthold Hellmuth.
Foto: privat
   Beim Angriff auf Heroldsberg im Bunker: Berthold Hellmuth.

»Jetzt geht's los«, hörte man jemand rufen und alle stürzten heim. Im Nu war ich im Haus. Wir stiegen hinunter in unser Kellergewölbe. Nun dröhnte, pfiff und krachte es in regelmäßigen Wellen. Kurz hintereinander der dumpfe Knall der Abschüsse, gefolgt von Heultönen, dann die Einschläge. Wir hörten prasselnde Steine und wussten, jetzt wurde unser Haus getroffen. Plötzlich kam ein ganz harter Knall. Tageslicht und dichter Staub im Keller. Eine Granate hatte die Schutzmauer vor dem Notausstieg durchschlagen und die Luke weggerissen.

In der nächsten Feuerpause rannten wir aus dem Haus. Unser Ziel war ein ehemaliger Bierkeller, der als Luftschutzkeller ausgebaut worden war. Irgendwo fanden wir Platz. Meine Mutter saß auf einer Kiste. Ihr sonst schwarzes Haar schimmerte hellgrau von all dem Staub. Neben mir schenkte sich eine alte Frau mit zitternden Händen Kaffee ein. Längst war die Tasse voll, sie merkte es aber nicht.

Berthold Hellmuth (geb. 1938) lebt in Polling.
Foto: privat
   Berthold Hellmuth (geb. 1938) lebt in Polling.

Draußen dröhnte die Kriegsmaschinerie, doch irgendwann wurde es still. Dann plötzlich vom Eingang her Stimmengewirr. Da sah ich, leicht gebückt, mit dem Gewehr im Anschlag, einen amerikanischen Soldaten. Stahlhelm, sandfarbener Kampfanzug, schmutzig. Das ist also unser Feind - ein Mensch wie wir! Ein unheimliches Gefühl, für mich Siebenjährigen. Wir wagten fast nicht zu atmen. Dann plötzlich der Befehl: »Alle Männer raus!« Werden sie erschossen? Keiner wurde erschossen. Anders die SS, die sich da und dort noch verschanzt hatte. Sie soll den Knecht eines Bauern erschossen haben, der versucht hatte, den Amerikanern mit einer weißen Fahne entgegenzugehen.

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abgerufen 09.02.2012 - 01:37 Uhr

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