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Dieser Artikel: Ausgabe 18/2005 vom 01.05.2005
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Die friedliche Bergwiese


Sonntagsblatt-Leser Egon Fergg konnte in den letzten Kriegstagen einem Amerikaner das Leben retten

Egon Fergg war Flakschütze in Nürn-berg, dann Pionier in Italien.
Foto: pr
   Egon Fergg war Flakschütze in Nürn-berg, dann Pionier in Italien.

Ich war 16 Jahre alt, als ich mit meiner gesamten Oberrealschulklasse bei der Fliegerabwehr eingesetzt wurde - an sechs 8,8-Zentimeter-Geschützen am Nürnberger Nordostbahnhof, vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die Sinnlosigkeit dieses Krieges war uns unter dem Bombenhagel der alliierten Bombengeschwader deutlich vor Augen.

Wenig später wurde ich Soldat und kam 1944 mit einem Pionierzug zunächst in die Seealpen. Nach der Landung der Amerikaner in Südfrankreich sollten wir dann mehrere Fährstellen über den Fluss Po betreiben. Ich erhielt die Order, den Ablösungsbefehl als Melder in die Bergstellungen zu überbringen. Von Sospel aus, das stark von US-Kriegsschiffen beschossen wurde, stieg ich zum Col de Braus auf. In den Taschen den Ablösungsbefehl, Feldpost, zwei Flaschen Cognac und eine Flasche Whiskey.

Ich stieg durch Latschen und Kiefern gedeckt nach oben, bis ich auf einen im Gebüsch liegenden gut getarnten Scharfschützen traf. Der Soldat rief mit gedämpfter Stimme, dass ich hier nicht weitergehen könne, da auf der Passhöhe bereits die Amerikaner seien. Er hatte einen GI im Visier, der unbewaffnet ohne Stahlhelm und ohne Kopfbedeckung so friedlich über die Bergwiese schlenderte, als ob er über den Broadway ginge. Ein friedliches und faszinierendes Bild. Ich sagte dem Scharfschützen, er solle aufhören, auf den Amerikaner zu zielen. Er legte sein Gewehr beiseite. Oben am Bergkamm traf ich dann meine Kameraden.

Einer unserer ersten Einsätze als Fährenpioniere am Po war in Spessa südöstlich von Mailand - mitten im Partisanengebiet. Weil ich Italienisch konnte, unterhielt ich mich mit den Leuten im Ort, wir waren uns über die Sinnlosigkeit des Krieges einig. Jeden Sonntag ging unser Pionierzug geschlosssen in die Kirche, was einen guten Eindruck hinterließ.

Wir richteten, obwohl verboten, einen Fährdienst für die Zivilbevölkerung ein. Die Menschen hatten durch die Zerstörung sämtlicher Brücken große Transportprobleme. Als ein italienisches Boot mit 25 Zivilisten mitten im breiten Po umkippte, waren wir mit unserem Motorboot sofort zur Stelle. Es gelang uns, alle 25 Schiffbrüchigen aus dem Wasser zu ziehen. Partisanenangriffe mussten wir nun nicht mehr befürchten.

Egon Fergg lebt in Pullach bei München
Foto: pr
   Egon Fergg lebt in Pullach bei München

Am 29. April 1945 geriet unsere 148. Infanteriedivision südwestlich von Parma in Gefangenschaft. Die Reste unseres Pionierbataillons waren in Reih und Glied auf einer großen Wiese angetreten, der Kommandeur verkündete den Tagesbefehl des Generals: »Wir begeben uns jetzt geschlossen in Kriegsgefangenschaft, das deutsche Volk braucht auch in Zukunft noch Männer.« Daraufhin legten wir in geordneter Reihe unsere Gewehre und Ausrüstung auf die Wiese. Der Krieg war nun zu Ende, die Gefangenschaft dauerte für mich bis 1947.

1945: Kriegsende - Zeitenwende

Weitere Artikel zu den letzten Jahren und Monaten des NS-Regimes sowie Lesererinnerungen an das Kriegsende finden Sie » hier...

 

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Bewegende Dokumente und Zeitzeugenberichte von Lesern des Sonntagsblattes:

Der 16. April 1945 war im mittelfränkischen Heroldsberg ein warmer Frühlingstag, die Natur erwachte, in der Sonne zwitscherten die Vögel. Die Stille vor dem Sturm? Am westlichen Horizont konnte man Fahrzeuge beobachten. Flüchtlingstrecks? Eine amerikanische Militärkolonne? Dann dieser dumpfe Knall, gefolgt von einem anschwellenden Pfeifton, dann eine Explosion. Das südwestliche Ecktürmchen am Kirchturm war in eine Sandsteinwolke gehüllt und klirrend glitt über das Dach einer Nachbarscheune ein Granatsplitter herunter...

Sonntagsblatt-Leser Berthold Hellmuth aus Heroldsberg schreibt diese Zeilen in seinen Erinnerungen an das Kriegsende vor 60 Jahren. Er war sieben Jahre alt, als sein Heimatort von den Amerikanern eingenommen wurde. »Wie dass sein würde, wenn der Feind angreift, überstieg meine Vorstellungskraft. Wie sieht der Feind aus? Lange hielt ich die Bombermannschaften, die über uns hinweg seit 1941 Nürnberg angriffen, für eine Art Marsmenschen«, notierte Hellmuth. Und er fährt fort: »Jetzt fühle ich mich wie vor einer hohen, unüberwindlichen, nach rechst und links ins Unendlichen verlaufende Mauer, in der eine kleine Pforte nach drüben führt. Durch sie müssen wir alle hinurch. Doch wie wird es drüben sein? War es kindliche Todesangst?«

Egon Fergg

 


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abgerufen 04.02.2012 - 07:23 Uhr

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