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Dieser Artikel: Ausgabe 17/2005 vom 24.04.2005
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Bunte Schnüre für General de Gaulle


Sonntagsblatt-Leserin Gertraud Wohlhaupter flocht Bänder für die Garde des französischen Generals.

Gertraud Wohlhaupter im Jahr 1945.
Foto: pr
   Gertraud Wohlhaupter im Jahr 1945.

Gegen Ende des Krieges wurde ich »eingezogen« und in verschiedenen Dienststellen der Post eingesetzt. Von meinem Heimatort im Oberallgäu kam ich in eine Zweigstelle, wo ich mit einer anderen Frau den eingezogenen Postagenten zu vertreten hatte. Leider hatten wir in unserem Mini-Postamt keinen Keller. Bei Fliegeralarm fuhren wir mit dem Fahrrad in ein nahe gelegenes Wäldchen.

Einzelne Tiefflieger suchten nach ausgelagerten Rüstungsbetrieben - in meinem fünf Kilometer entfernten Heimatort wurden eine Fabrik und einige nahe liegende Häuser völlig zerstört. In diesen Tagen legten örtliche Parteiführer fest: Der Ort muss auf jeden Fall verteidigt werden! Man wusste bis zuletzt nicht, ob vom Norden die Amerikaner oder vom Westen (Bodensee) die Franzosen kommen. Auf der Durchgangsstraße waren jedenfalls viele Menschen mit Gepäck nach Süden unterwegs. Sie flüchteten in die Berge, weil sie dort mehr Sicherheit erwarteten.

Im Ort trieben sich blutjunge fremde Burschen mit Panzerfäusten herum, die wohl zur Verteidigung bestimmt waren. Sie wirkten sehr unsicher. Aber es kam anders. Am 25. April morgens wehte vom Kirchturm die weiße Fahne. Die örtlichen Scharfmacher waren spurlos verschwunden. Bald darauf fuhren die Franzosen auf Panzerspähwagen durch den Ort, und die Bewohner hofften nur, dass kein Spinner irgendwo herausschießt, was für alle lebensgefährlich gewesen wäre.

Gertraud Wohlhaupter lebt in Peiting.
Foto: pr
   Gertraud Wohlhaupter lebt in Peiting.

Nun war vieles anders. Der Postdienst wurde eingestellt, vor dem Bahnhof, uns gegenüber, kochten Marokkaner ihr Essen am offenen Feuer, begleitet von für uns völlig fremdländischen Gesängen. Wir Frauen mussten farbige Schnüre drehen - für die weißen Paradeturbane der Garde von General de Gaulle. Sonst gab es nichts zu tun. Ich ging deshalb zu verwandten Bergbauern und half ihnen beim Heuen. Ihr Sohn war vom Lazarett in Oberstdorf weg zur Arbeit nach Frankreich gebracht worden. Die Arbeit auf den Bergwiesen war für mich anstrengend, aber auch schön - bei fast immer gutem Wetter. Als im Juli die Amerikaner kamen, sagten die Franzosen: »Die sind schlimmer als wir.«

Im Juli öffnete die Post wieder. Mit neuen Briefmarken, nachdem die Hitlermarken längst fort waren. Und wir mussten alle Adressen in Blockschrift schreiben, damit die Amerikaner auch alles lesen konnten.

1945: Kriegsende - Zeitenwende

Weitere Artikel zu den letzten Jahren und Monaten des NS-Regimes sowie Lesererinnerungen an das Kriegsende finden Sie » hier...

 

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Bewegende Dokumente und Zeitzeugenberichte von Lesern des Sonntagsblattes:

Der 16. April 1945 war im mittelfränkischen Heroldsberg ein warmer Frühlingstag, die Natur erwachte, in der Sonne zwitscherten die Vögel. Die Stille vor dem Sturm? Am westlichen Horizont konnte man Fahrzeuge beobachten. Flüchtlingstrecks? Eine amerikanische Militärkolonne? Dann dieser dumpfe Knall, gefolgt von einem anschwellenden Pfeifton, dann eine Explosion. Das südwestliche Ecktürmchen am Kirchturm war in eine Sandsteinwolke gehüllt und klirrend glitt über das Dach einer Nachbarscheune ein Granatsplitter herunter...

Sonntagsblatt-Leser Berthold Hellmuth aus Heroldsberg schreibt diese Zeilen in seinen Erinnerungen an das Kriegsende vor 60 Jahren. Er war sieben Jahre alt, als sein Heimatort von den Amerikanern eingenommen wurde. »Wie dass sein würde, wenn der Feind angreift, überstieg meine Vorstellungskraft. Wie sieht der Feind aus? Lange hielt ich die Bombermannschaften, die über uns hinweg seit 1941 Nürnberg angriffen, für eine Art Marsmenschen«, notierte Hellmuth. Und er fährt fort: »Jetzt fühle ich mich wie vor einer hohen, unüberwindlichen, nach rechst und links ins Unendlichen verlaufende Mauer, in der eine kleine Pforte nach drüben führt. Durch sie müssen wir alle hinurch. Doch wie wird es drüben sein? War es kindliche Todesangst?«

Gertraud Wohlhaupter

 


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/news/aktuell/2005_17_23_01.htm
abgerufen 09.02.2012 - 01:45 Uhr

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