Ein Strom von Flüchtlingen
Sonntagsblatt-Leser Klaus Rohmer blieb als verletzter Soldat am Bahnkontenpunkt Pisek stecken.
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 Der junge Soldat Klaus Rohmer.
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Am 18. Februar 1945 wurde ich, 18 Jahre jung, bei einem Rückzugsgefecht durch »sowjetische« Granatsplitter schwer verwundet. Man brachte mich in ein Lazarett in Iglau, etwa 50 Kilometer von Brünn. Wegen der anrückenden Sowjetarmee wurde das Lazarett nach Westen verlegt. Aber Ende April war auch dort kein Bleiben mehr. Wir wurden erneut in einen Zug verfrachtet, der allerdings auf dem Bahnknotenpunkt Pisek stecken blieb. Es gab keine Lok mehr.
Am Bahnhof saßen rund 2.000 Verwundete fest. In den ersten Tagen fluteten unsere Truppen an uns vorbei, am 8. Mai traf dann eine amerikanische Einheit von Westen ein, die aber wenige Tage danach das Gebiet an die Sowjets übergab. Die Soldaten verhinderten Übergriffe durch die Tschechen, von denen doch einige ihr »Mütchen kühlen« wollten. Und wir bekamen den »Kanten Brot«, der uns am Leben erhielt.
Aber täglich starben Verwundete. Für die »Gehfähigen« gab es nun jede Woche einen Appell, wobei die »Gesunden« von einer russischen Kommission ausgesondert und abtransportiert wurden. Bei der Frage »wohin?« waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Dafür hatte sich das Bild auf der benachbarten Straße geändert. Ein ununterbrochener Strom von Flüchtlingen zog an uns vorbei, die den Rest ihrer Habe auf Leiter- oder Kinderwagen mit sich führten, dazwischen auch ein Gespannfuhrwerk, auf dem Alte und Gebrechliche Platz fanden. Für mich der traurigste Anblick in meinem Leben.
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 Klaus Rohmer lebt in Feuchtwangen.
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Ich kam schließlich in ein Lazarett in einer Erlanger Schule und wurde im Juni 1945 entlassen. Ich habe viel gute Kameradschaft in dieser Zeit erlebt. Und rückblickend kann ich nur staunen, wie rasch sich zunächst unter einer Militärregierung und dann in der jungen Demokratie die Katastrophe in normales Leben mit Arbeit und Brot verwandelt hat. »Gott sei Dank« möchte ich sagen. |
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Bewegende Dokumente und Zeitzeugenberichte von Lesern des Sonntagsblattes:
Der 16. April 1945 war im mittelfränkischen Heroldsberg ein warmer Frühlingstag, die Natur erwachte, in der Sonne zwitscherten die Vögel. Die Stille vor dem Sturm? Am westlichen Horizont konnte man Fahrzeuge beobachten. Flüchtlingstrecks? Eine amerikanische Militärkolonne? Dann dieser dumpfe Knall, gefolgt von einem anschwellenden Pfeifton, dann eine Explosion. Das südwestliche Ecktürmchen am Kirchturm war in eine Sandsteinwolke gehüllt und klirrend glitt über das Dach einer Nachbarscheune ein Granatsplitter herunter...
Sonntagsblatt-Leser Berthold Hellmuth aus Heroldsberg schreibt diese Zeilen in seinen Erinnerungen an das Kriegsende vor 60 Jahren. Er war sieben Jahre alt, als sein Heimatort von den Amerikanern eingenommen wurde. »Wie dass sein würde, wenn der Feind angreift, überstieg meine Vorstellungskraft. Wie sieht der Feind aus? Lange hielt ich die Bombermannschaften, die über uns hinweg seit 1941 Nürnberg angriffen, für eine Art Marsmenschen«, notierte Hellmuth. Und er fährt fort: »Jetzt fühle ich mich wie vor einer hohen, unüberwindlichen, nach rechst und links ins Unendlichen verlaufende Mauer, in der eine kleine Pforte nach drüben führt. Durch sie müssen wir alle hinurch. Doch wie wird es drüben sein? War es kindliche Todesangst?«  |