Morden nach Plan
Dachau war Ausbildungsort und Modell für die Konzentrationslager der Nazis
Dachau - der Name der oberbayerischen Kleinstadt steht für das systematische Morden der Nationalsozialisten. Bis Kriegsende hielt die SS hier über 200.000 Menschen gefangen und ermordete mindestens 40.000. Vor 60 Jahren, am 29. April 1945, befreiten US-Truppen das KZ Dachau.
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KZ-Gst. Dachau
 Jubelnde Häftlinge nach der Befreiung des KZ Dachau.
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Am 22. März 1933 eröffnete Heinrich Himmler, Münchner Polizeipräsident und SS-Reichsführer, das Konzentrationslager Dachau auf dem Gelände einer ehemaligen Pulverfabrik aus dem Ersten Weltkrieg. Schon bald wurden die ersten Häftlinge ermordet. Die »Disziplinar- und Strafordnung«, die der 2. Kommandant und spätere Inspekteur aller KZ, Theodor Eicke, am 1. Oktober 1933 in Kraft setzte, gab der Schikane, der Folter und dem willkürlichen Mord in Dachau den Anstrich eines geregelten Strafsystems. Jedes Fehlverhalten war mit drakonischen Strafen belegt: Arrest, Stockhiebe, Pfahlhängen, Exekution. Die Häftlinge lebten in ständiger Todesangst, denn die Strafmeldungen der Wachleute wurden nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft.
In Dachau entwarf Kommandant Eicke, ein fanatischer Nazi und brutaler Folterer, eine straffe Lagerstruktur. Auch die Häftlinge waren Teil des Unterdrückungssystems: Als Block- und Stubenälteste hatten sie für Sauberkeit und Disziplin in den Baracken zu sorgen, als oft gefürchtete, in ihrer Grausamkeit den SS-Leuten manchmal ebenbürtige Kapos befehligten sie die Arbeitskommandos.
»Schule der Gewalt«
Teil des Lagers war auch die Ausbildungsstätte, wo potenzielle SS-Führungskräfte auf Hass und Menschenverachtung gedrillt wurden. Das Dachauer Lagersystem war in seiner Grausamkeit so effizient, dass es Karriere machte: Nach Eickes Organisationsstruktur funktionierten ab 1934 alle KZ im Reich, und nicht selten stammten ihre Kommandanten aus der Dachauer »Schule der Gewalt«.
Das KZ Dachau war für 6.000 Häftlinge ausgerichtet. Bis Kriegsbeginn waren hier vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden inhaftiert. Später kamen vor allem Tschechen, Polen und Russen dazu. Eine große Gruppe stellten auch die 2.720 Geistlichen des Pfarrerblocks. Tagsüber arbeiteten die Häftlinge im Straßenbau, in der Kiesgrube, auf der Plantage. Mit Kriegsbeginn beuteten die Nazis die Arbeitskraft der Gefangenen in ihren Werkstätten für Rüstungszwecke aus.
In den letzten Kriegsjahren schnellten die Häftlingszahlen in die Höhe, so dass sich Ende 1944 über 63.000 Menschen unter katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Baracken drängten. Im November 1944 brach eine Flecktyphus-Epidemie aus, an der Tausende starben.
In den letzten Tagen vor der Befreiung überschlugen sich die Ereignisse im KZ Dachau. Am 26. April mussten rund 7.000 Häftlinge das Lager zum »Todesmarsch« Richtung Alpen verlassen - über 1.000 Menschen starben an Erschöpfung oder durch die Kugeln der Wachleute. Am selben Tag gelang dem Häftling Karl Riemer die Flucht. Am 29. April kam er im bereits amerikanisch besetzten Pfaffenhofen an, wo ihm der US-Stadtkommandant Hilfe für das KZ versprach.
Dachauer Prozesse
Bereits einen Tag zuvor war aber schon Victor Maurer, Beauftragter des Internationalen Roten Kreuzes, in Dachau eingetroffen und hatte mit der diensthabenden SS-Einheit die Übergabe des Lagers an die Amerikaner vereinbart. Am Nachmittag des 29. April schließlich übernahm Brigadegeneral Henning Linden von der Rainbow-Divison das KZ. Die Schreckensherrschaft der Nazis hatte in Dachau ein Ende.
Nach Kriegsende wurde das Gelände zunächst als Internierungslager für 25.000 NS-Funktionäre und Angehörige der SS genutzt. Wieder hatte Dachau eine Vorreiterrolle: Schon Ende 1945 trat ein US-Militärgericht zusammen und zog die Mörder von Dachau zur Rechenschaft. Die Dachauer Prozesse wurden zum Modell für spätere Verfahren. Ab 1948 diente das Lager als Flüchtlingssiedlung. 1965 wurde, nach zähem Kampf der Dachau-Überlebenden, eine Gedenkstätte eröffnet, die bis heute 20 Millionen Besucher aus der ganzen Welt besichtigt haben. | INTERVIEW
»Wehret den Anfängen«
Barbara Distel leitet seit 30 Jahren die KZ-Gedenkstätte Dachau.
Was kann Gedenkstättenarbeit 60 Jahre nach Kriegsende leisten?
Distel: Mit dem größeren Zeitab- stand zur dunklen Vergan- genheit werden die Gedenkstätten immer mehr zu allgemeinen Lernorten. Menschen kommen hierher, weil Dachau und die anderen KZ-Gedenkstätten authentische Orte sind: Hier sind die Verbrechen begangen worden. Hier wurden die grundlegenden Werte des menschlichen Miteinanders mit Füßen getreten. Gerade junge Menschen kommen hierher. Das gilt es in der politischen und historischen Bildung zu nutzen.
Gilt der Blick der Besucher auch Menschenrechtsverletzungen in der heutigen Welt?
Distel: Ganz sicher. Es kommt sofort der Vergleich: Was ist denn heute los? Wie schneiden wir in unserem Land, in unserer Region, in unserem Alltag im Vergleich zu den Verhältnisse in Nazi-Deutschland ab?
Glauben Sie an das beschwörende »Nie wieder!«, das man an Orten des Terrors so oft hört?
Distel: Der Satz drückte zunächst einmal die Hoffnung der Überlebenden aus. Diese Hoffnung ist vielfach bitter enttäuscht worden. Viele haben gedacht: Jetzt bauen wir eine Welt auf, in der es keine Konzentrationslager, keine Verfolgung Andersdenkender mehr gibt. Neben dem »Nie wieder!« steht also das »Wehret den Anfängen!«.
Interview: brt
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Kirche und Nationalsozialismus
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