Zwischen Himmel und Erde
In einer fünfteiligen »Reality-Soap« war der Kultursender ARTE dabei, wie Vikare »Pfarrer lernen«
Ein Jahr lang hat ein Fernsehteam vier Vikare bei ihrem Einstieg in den Pfarrberuf begleitet. Die fünfteilige Dokumentation »Zwischen Himmel und Erde« war jetzt im Kulturkanal ARTE zu sehen.
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ARTE
 Pfarrer fallen nicht vom Himmel: Wie man beim Segen die Hände richtig hält, lernen Katja Korf, Detlef Gallasch und Wiebke Böhnisch (v.l.) beim Kurs »Liturgische Präsenz« von einem Schauspieler. Die Fernsehzuschauer sind auch dabei.
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Eine junge Frau im Talar betrachtet sich im Spiegel. Prüfend streicht sie über den Stoff, etwas verspielt probiert sie ein paar Tanzschritte mit dieser neuen Umhüllung, die sie zum ersten Mal trägt und die ihr noch fremd ist. Das schwarze Kleid symbolisiert eine Institution, eine Aufgabe, der sie sich erst annähern wird.
Über den Zeitraum eines Jahres begleitet die Doku-Serie »Zwischen Himmel und Erde« - eine Co-Produktion des ZDF und des deutsch-französischen Kulturprogramms ARTE - vier junge Vikare der evangelischen Kirche im Rheinland bei ihrem Weg in ihre Gemeinden und in ihren Beruf. »Reality Soaps«, der mehrteilig-längere Blick ins Leben anderer Menschen, anderer Berufe, haben im Fernsehen Konjunktur. Bei ARTE war nun zu sehen, wie es so geht, wenn man Pfarrer wird. Die fünfteilige Dokumentation zeigt Katja, Wiebke, Estelle und Detlef auf ihrem Weg von den letzten Uni-Prüfungen in ihre Gemeinden, lässt den Fernsehzuschauer miterleben, wie aus Studenten junge Pfarrer werden, die sich bei ihrer ersten Predigt, bei ihrer ersten Taufe oder bei ihrer ersten Beerdigung fragen: »Wie fülle ich ihn mit meinen Überzeugungen und Fragen glaubwürdig aus, diesen Talar?«
Filmemacher Gerhard Schick (35), der die vier Vikare mit seinem Team ein Jahr mit der Kamera begleitet hat, ist selbst in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Für einen »Blick von außen« hat er aber nach eigenem Bekunden mittlerweile genügend Distanz. Vor allem darauf, »was jenseits der Gottesdienste geschieht«, richtet sich Schicks Blick, denn: »Von vielen Facetten des Pfarrerberufs dringt nur wenig an die kirchenferne Öffentlichkeit.«
Die Sehnsucht nach Gott
So lernen wir Estelle aus Frankreich kennen, die in der Krankenhausseelsorge arbeiten wird; oder Detlev mit den verstrubbelten Haaren, der in dieser Zeit nicht nur Pfarrer, sondern auch Ehemann und Vater wird und mit seiner Motorradkluft für geteilte Meinungen in der Gemeinde sorgt.
Dann sind da Wiebke und Katja, die es als Vikarinnen in ihren Gemeinden mit eher desinteressierten Konfirmanden zu tun bekommen, die sie motivieren und begeistern sollen. Welche Spannung die Vikare bei ihrer ersten Taufe erfüllt, sehen wir, wie sehr sie vor allem bei ihren ersten Beerdigungen berührt sind.
Für Regisseur Schick war wichtig: »Die überwiegende Anzahl der Szenen, die in der Serie vorkommen, hätten auch ohne die Anwesenheit der Kamera stattgefunden.« Daneben gibt es interviewähnliche Momente, etwa während Autofahrten, die Schick bewusst herbeigeführt hat. »Grundsätzlich aber galt das Prinzip 'Dabeisein, Beobachten, Aufnehmen'.« Sein »Erkenntnisinteresse«, sagt der Filmemacher, seien Fragen wie diese gewesen: »Was bewegt junge Theologen und Theologinnen meiner Generation? Wo stoßen sie auf Widerstände? Warum Kirche, warum Gott im 21. Jahrhundert?«
Wo die vier jungen Menschen an ihre Grenzen stoßen, findet die Serie zu ihren stärksten Momenten. Etwa, wenn wir Krankenhausseelsorgerin Estelle, die stets ruhig und stark wirkt, mitgenommen zwischen zwei Besuchen sehen. Oder, wenn wir Detlev auf einer Nachtfahrt mit seinem Motorrad begleiten. Er ist unterwegs, um in der Nachbargemeinde Vertretungsdienst zu leisten: In einer fast leeren, dunklen Kirche predigt er über seine Erfahrung mit Kirchenfernen bei Kneipengesprächen, darüber dass viele den Wunsch haben, im Frieden mit Gott zu sein. Der Vikar spricht hier spürbar von seiner eigenen Sehnsucht.
Auch als Katja und Detlev nach Israel reisen, ist die Kamera dabei. Katja besucht ihre jüdische Freundin Ifat und nimmt an einer Sabbatfeier teil. Immer wieder kommt es zu Begegnungen mit Menschen, die dem Holocaust entronnen sind. Detlev kommt ins Gespräch mit einer jungen Jüdin, die nicht an Gott glaubt und Detlevs Gottesbild in Frage stellt. Kein Zufall, dass wir Zeuge dieser Begegnung werden. Wie christliche Theologie nach Auschwitz aussehen kann, beschäftigt viele junge Theologen.
Nach fünf Folgen sind aus vier Theologie-Studenten junge Pfarrer geworden. »Zwischen Himmel und Erde« suchen sie ihren Weg - zwischen Glaubensidealen und Verwaltungsalltag im Pfarramt, zwischen Moderne und Tradition, zwischen Herausforderungen für die Menschlichkeit und leeren Kassen. |  |