Mit dem Kinderwagen durch Wald und Feld
Wie Sonntagsblatt-Leserin Brigitte Riedl bei Bamberg in Sicherheit gebracht wurde.
 Foto:
privat
 Brigitte Riedl war ein halbes Jahr alt, als in einem Dorf bei Bamberg »feurige Pfeile« niedergingen, Bruder Dieter war fünf.
|
Der 15. April 1945 war der fünfte Geburtstag meines Bruders. Meine Mutter war mit uns beiden Kindern in einem Dorf bei Bamberg untergekommen. Auf der Wiese suchte sie Löwenzahnblätter und Kräuter, die sie als Gemüse oder Salat verwertete.
Die Giechburg über Scheßlitz wurde beschossen. Am Abend des 15. April 1945 stand sie in Flammen. In der Nacht wurde unsere Mutter gewarnt, besser in ein anderes Haus zu gehen. Dieses unmittelbar am Ortsrand gelegene sei zu unsicher.
 Foto:
sob
 Die Giechburg bei Bamberg.
|
Also wurde ich (ein halbes Jahr alt) schnell in den Kinderwagen gepackt, meine Mutter und mein fünfjähriger Bruder rannten durch das stockfinstere Dorf. »Feurige Pfeile« flitzten durch die Luft. Wenig später saßen wir alle in einem dunklen Kartoffelkeller. Nach dieser schrecklichen Nacht war der Krieg zu Ende!
Das erwähnte Haus am Ortsrand war zur Hälfte weggeschossen. Der Krieg war aus, jetzt fing die Not an. Amerikanische Soldaten beschlagnahmten das Zimmer meiner Mutter. Sie durfte nur das Nötigste für uns mitnehmen. Nun ging es zurück nach Bamberg.
 Foto:
privat
 Brigitte Riedl (geb. 1944) ist Lehrerin und lebt in Höchstadt.
|
Heimlich schlich unsere Mutter mit hochbeladenem Kinderwagen durch Wald und Feld. Ein farbiger Amerikaner half uns am Ortseingang von Bamberg. Er führte unsere Mutter zum Kommandanten, der ihr freundlich erlaubte, durch den Sperrring zu gehen, der um die ganze Stadt gezogen war. Das alte Wohnhaus war in »Frühlingspracht«. Alles unversehrt! Ich bin sehr froh, dass meine Familie überlebt hat. |
Weitere Artikel zu den letzten Jahren und Monaten des NS-Regimes sowie Lesererinnerungen an das Kriegsende finden Sie » hier...
LESER ERINNERN SICH
Bewegende Dokumente und Zeitzeugenberichte von Lesern des Sonntagsblattes:
Der 16. April 1945 war im mittelfränkischen Heroldsberg ein warmer Frühlingstag, die Natur erwachte, in der Sonne zwitscherten die Vögel. Die Stille vor dem Sturm? Am westlichen Horizont konnte man Fahrzeuge beobachten. Flüchtlingstrecks? Eine amerikanische Militärkolonne? Dann dieser dumpfe Knall, gefolgt von einem anschwellenden Pfeifton, dann eine Explosion. Das südwestliche Ecktürmchen am Kirchturm war in eine Sandsteinwolke gehüllt und klirrend glitt über das Dach einer Nachbarscheune ein Granatsplitter herunter...
Sonntagsblatt-Leser Berthold Hellmuth aus Heroldsberg schreibt diese Zeilen in seinen Erinnerungen an das Kriegsende vor 60 Jahren. Er war sieben Jahre alt, als sein Heimatort von den Amerikanern eingenommen wurde. »Wie dass sein würde, wenn der Feind angreift, überstieg meine Vorstellungskraft. Wie sieht der Feind aus? Lange hielt ich die Bombermannschaften, die über uns hinweg seit 1941 Nürnberg angriffen, für eine Art Marsmenschen«, notierte Hellmuth. Und er fährt fort: »Jetzt fühle ich mich wie vor einer hohen, unüberwindlichen, nach rechst und links ins Unendlichen verlaufende Mauer, in der eine kleine Pforte nach drüben führt. Durch sie müssen wir alle hinurch. Doch wie wird es drüben sein? War es kindliche Todesangst?«  |