Der traurige Amerikaner
Sonntagsblatt-Leserin Dorothea Brendel rettete das Foto ihres Vaters.
Mein Vater war im April 1944 gefallen. Daraufhin erhielten meine Mutter, mein Bruder (5) und ich (8) eine vergünstigte Zuweisung für eine Evakuierung aus Nürnberg, um den Bombenangriffen zu entgehen. In den Herbstferien zogen wir nach Aha bei Gunzenhausen. Wir bewohnten im evangelischen Pfarrhaus zwei Bodenkammern, ausgestattet mit Licht und einem heizbaren Herd. Das Wasser musste ein Stockwerk darunter von der Toilette in einem Eimer hoch getragen werden. Wir leben in einer unendlichen Traurigkeit und auch in Angst vor den zu erwartenden Ereignissen.
Den Einmarsch der Soldaten durften wir nicht sehen. Meine Mutter hatte verboten, aus dem Fenster zu schauen. Mein Bruder und ich kauerten ängstlich beieinander und warteten auf die Schrecken, die über uns kommen würden. Und wirklich, die schrille Stimme der Frau Pfarrer rief nach oben, dass das Pfarrhaus beschlagnahmt sei, aber eine halbe Stunde genehmigt würde, um das Nötigste in die gegenüberliegende Kirche zu schaffen.
Meine Mutter bündelte in Hektik die Betten zusammen, wies mich an, Lebensmittel in eine Tasche zu packen, und mein kleiner Bruder musste die Verantwortung für das Köfferchen mit den Ausweispapieren übernehmen, das immer bereitstand.
Wir schlichen die Treppen hinab und trafen im Haus auf unzählige Amerikaner, die alle in der fremden Sprache durcheinander brüllten, aber uns beachtete niemand. Das machte mir Mut, noch einmal zurückzugehen, um das für mich Wichtigste zu retten: das Foto meines Vaters. Es stand, mit einem Trauerflor versehen, auf dem Nachttisch, daneben ein Blumentopf und eine Kerze. Zunächst trug ich die Pflanze und den Leuchter in die Kirche und suchte dafür einen passenden Platz auf einer Bank.
 Foto:
privat
 Dorothea Brendel (geb. 1936), lebt in Eibelstadt bei Würzburg.
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Dann holte ich das Bild, das ich fest an mich drückte, und stellte es in der Kirche wieder in die gewohnte Umrahmung. Es blieb noch Zeit, um wieder in die Wohnung zu rennen und Kleidung mitzunehmen. Als ich mit dem Bündel in der Kirche ankam, sah ich einen amerikanischen Soldaten mit seiner Mütze in der Hand vor dem Bild meines Vaters stehen. Er wirkte ganz abwesend und war genauso traurig wie ich. Er beachtete mich nicht, aber seine Haltung hat mir die panische Angst vor dem »Feind« genommen. |
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Bewegende Dokumente und Zeitzeugenberichte von Lesern des Sonntagsblattes:
Der 16. April 1945 war im mittelfränkischen Heroldsberg ein warmer Frühlingstag, die Natur erwachte, in der Sonne zwitscherten die Vögel. Die Stille vor dem Sturm? Am westlichen Horizont konnte man Fahrzeuge beobachten. Flüchtlingstrecks? Eine amerikanische Militärkolonne? Dann dieser dumpfe Knall, gefolgt von einem anschwellenden Pfeifton, dann eine Explosion. Das südwestliche Ecktürmchen am Kirchturm war in eine Sandsteinwolke gehüllt und klirrend glitt über das Dach einer Nachbarscheune ein Granatsplitter herunter...
Sonntagsblatt-Leser Berthold Hellmuth aus Heroldsberg schreibt diese Zeilen in seinen Erinnerungen an das Kriegsende vor 60 Jahren. Er war sieben Jahre alt, als sein Heimatort von den Amerikanern eingenommen wurde. »Wie dass sein würde, wenn der Feind angreift, überstieg meine Vorstellungskraft. Wie sieht der Feind aus? Lange hielt ich die Bombermannschaften, die über uns hinweg seit 1941 Nürnberg angriffen, für eine Art Marsmenschen«, notierte Hellmuth. Und er fährt fort: »Jetzt fühle ich mich wie vor einer hohen, unüberwindlichen, nach rechst und links ins Unendlichen verlaufende Mauer, in der eine kleine Pforte nach drüben führt. Durch sie müssen wir alle hinurch. Doch wie wird es drüben sein? War es kindliche Todesangst?«  |