Als ich meinen Mann wiederfand
Sonntagsblatt-Leserin Wilhelmine Wagner erlebte das Kriegsende im zerbombten München.
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privat
 Wilhelmine Wagner 1945 im zerbombten Klostergarten des Dritten Ordens an der Münchner Lindwurmstraße. Im Hintergrund die zerstörte Kirche des Mutterhauses.
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Als kleines Mädchen war ich in der Evangelischen Jugend in München aktiv, die dann dem Bund Deutscher Mädel eingegliedert wurde. Wir wohnten damals in einer Dienstwohnung im Krankenhaus des Dritten Ordens an der Münchner Lindwurmstraße, mein Vater war Arbeiter und schon einmal wegen einer nicht passenden politischen Äußerung aufgefallen.
Weil er nicht in der Partei war, riet man ihm, wenigstens der NS-Volkswohlfahrt beizutreten. Wir hatten im Haus einen Portier von den so genannten »alten Kämpfern«, also ein hundertprozentiger Nationalsozialist, dem ich wegen meiner Mitarbeit bei der Evangelischen Jugend ein Dorn im Auge war.
Ich war damals für die Rüstungsproduktion bei Agfa dienstverpflichtet und arbeitete im Geschäftszimmer der »Heeres-Abnahmestelle«, wo verwundete und wiederhergestellte Soldaten Bürodienst leisteten. Auch waren einige Zivilisten dienstverpflichtet, von denen ich und meine Kollegin erst später erfuhren, dass sie mit der »Weißen Rose« Kontakt hatten.
Unser Chef war ein strammer Nazi aus Nürnberg. Der »Völkische Beobachter« war für ihn tägliche Lektüre, er glaubte alles, was da drin stand. An der Wand hinter meinem Bürostuhl hatte er eine große Europakarte angebracht, an der er täglich mit Schnüren und Nadeln die Kampflinie der Wehrmacht absteckte.
Als die Amerikaner Ende April München immer näher kamen, mussten wir schnell noch Geheimakten unserer Firma verbrennen. Nürnberg war schon besetzt, weshalb die »Oberen« von dort ihr Biwak in unserem Büro aufschlugen. Sie versuchten in diesen letzten Tagen noch, ein paar versprengte Soldaten, die im Haus untergekommen waren, ans Kriegsgericht zu melden. Als dann am 30. April die Amerikaner einrückten, nahmen sie unseren »Chef« im Trainingsanzug auf dem Balkon seiner Privatgemächer fest. Er wollte später von uns eine positive Aussage zu seiner Entnazifizierung. Die bekam er nicht.
Die heil gebliebenen Wohnungen wurden geplündert, die Lager leer geräumt, aber wir waren froh, dass keine Flieger mehr kamen und keine Bomben mehr auf München fielen. Die Verdunkelung war weg und wir konnten endlich wieder ruhig schlafen. Der Krieg war für mich aber erst zu Ende, als ich meinen Mann wiederfand, den ich im Januar 1945 geheiratet hatte. Im Herbst hatte ich erfahren, dass er in der englischen Zone in Gefangenschaft war. Ich fuhr auf dem Anhänger eines Lastwagens auf gut Glück dorthin und traf ihn überglücklich in einer Sanitätskompanie. Nach ein paar Tagen bekam ich ihn mit heim. |
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Bewegende Dokumente und Zeitzeugenberichte von Lesern des Sonntagsblattes:
Der 16. April 1945 war im mittelfränkischen Heroldsberg ein warmer Frühlingstag, die Natur erwachte, in der Sonne zwitscherten die Vögel. Die Stille vor dem Sturm? Am westlichen Horizont konnte man Fahrzeuge beobachten. Flüchtlingstrecks? Eine amerikanische Militärkolonne? Dann dieser dumpfe Knall, gefolgt von einem anschwellenden Pfeifton, dann eine Explosion. Das südwestliche Ecktürmchen am Kirchturm war in eine Sandsteinwolke gehüllt und klirrend glitt über das Dach einer Nachbarscheune ein Granatsplitter herunter...
Sonntagsblatt-Leser Berthold Hellmuth aus Heroldsberg schreibt diese Zeilen in seinen Erinnerungen an das Kriegsende vor 60 Jahren. Er war sieben Jahre alt, als sein Heimatort von den Amerikanern eingenommen wurde. »Wie dass sein würde, wenn der Feind angreift, überstieg meine Vorstellungskraft. Wie sieht der Feind aus? Lange hielt ich die Bombermannschaften, die über uns hinweg seit 1941 Nürnberg angriffen, für eine Art Marsmenschen«, notierte Hellmuth. Und er fährt fort: »Jetzt fühle ich mich wie vor einer hohen, unüberwindlichen, nach rechst und links ins Unendlichen verlaufende Mauer, in der eine kleine Pforte nach drüben führt. Durch sie müssen wir alle hinurch. Doch wie wird es drüben sein? War es kindliche Todesangst?«  |