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Dieser Artikel: Ausgabe 16/2005 vom 17.04.2005
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Verquaste Hoffnungen

Der Zeithistoriker Manfred Kittel über Protestantismus und Nationalsozialismus


Der totale Zusammenbruch Deutschlands im Frühjahr 1945 und die Machtergreifung Hitlers 1933 sind zwei Seiten einer Medaille. Im April 1945 war die Front dort angekommen, wo die Nazis einstmals am lautesten bejubelt worden waren: im protestantischen Kernland Bayerns, im westlichen Mittelfranken.

Manfred Kittel (43) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München und Privatdozent für Neueste Geschichte an der Universität Regensburg. In seiner Habilitationsschrift »Provinz zwischen Reich und Republik« (München 2000) hat er die »mentale Machtergreifung« des Nationalsozialismus im protestantischen Mittelfranken untersucht.
Foto: sob
   Manfred Kittel (43) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München und Privatdozent für Neueste Geschichte an der Universität Regensburg. In seiner Habilitationsschrift »Provinz zwischen Reich und Republik« (München 2000) hat er die »mentale Machtergreifung« des Nationalsozialismus im protestantischen Mittelfranken untersucht.

  Herr Kittel, der Neuendettelsauer Diakonissenrektor Hans Lauerer hatte Hitler 1933 als »Geschenk Gottes« bezeichnet. Solche Worte bekommen im Angesicht des Trümmerfeldes, das der NS-Staat hinterließ, einen eigenartig bizarren Klang.

Kittel: Lauerers Wort entspricht einer verbreiteten Wahrnehmung der politischen Verhältnisse um 1933. Es entstand vor dem Hintergrund der Agonie der Weimarer Republik. Die Protestanten in Deutschland hatten ja nicht nur den Ersten Weltkrieg verloren, sondern auch »ihr« Kaiserreich, das »Heilige Evangelische Reich Deutscher Nation«, wie der Berliner Hofprediger Stoecker einmal sagte. Hitler, so hofften sie, würde es ihnen irgendwie zurückgeben.

  War das nicht eine blauäugige Hoffnung? Oder hat keiner genau ins Programm der NSDAP geschaut?

Kittel: Es gab weit verbreitete, verquaste Hoffnungen, dass man über eine national-autoritäre Republik zurückfinden würde zur Monarchie. Wie diffus sie waren, zeigt die Tatsache, dass von einer Rückkehr Kaiser Wilhelms II., der ja noch lebte, gar nicht mehr die Rede war. Der Kaiser war entzaubert, Hitler galt als Erneuerer des Reiches.

  Was einen mentalen Bogenschlag zu Luther erleichterte.

Kittel: Irrsinnigerweise! Denn Hitler war ja ein säkularisierter Katholik und hatte mit Luther überhaupt nichts am Hut. Keine der NS-Größen entstammte dem nationalprotestantischen Milieu. Trotzdem hat man verbreitet, Hitler würde täglich die Herrnhuter Losungen studieren. Es war ein hilfloser Versuch, sich in seiner mentalen Not an irgendeinen Strohhalm zu klammern.

  Wann kam das böse Erwachen?

Kittel: Es gab natürlich auch vor 1933 innerhalb der Protestanten Vorbehalte gegen den Radau-Nationalismus Hitlers, etwa in der Judenfrage. Gerade im westmittelfränkischen Löhe-Land hat, was heute gern übersehen wird, der Christlich-Soziale Volksdienst mit seinen auch theologisch begründeten Vorbehalten gegenüber der NSDAP beachtliche Erfolge verzeichnet. Den meisten Protestanten wurden allerdings erst 1934 mit der Inhaftierung von Landesbischof Meiser die Augen geöffnet.

  Hätte sich Meiser stärker gegen das Regime engagieren müssen? Immerhin hatte er mit der Abwehr der Absetzungsversuche gezeigt, dass den Nazis beizukommen war.

Kittel: Das stimmt, aber der Historiker sollte sich nicht zum Richter über die Generation der Großväter erheben. Meiser hat versucht, seine Kirche intakt zu halten - und damit einen gewissen Schutzraum geschaffen. Andererseits kann man über manche Fehler sicher nicht einfach den Mantel der Nächstenliebe breiten. Was mit stärkerem Widerstand erreicht worden wäre, ist schwer zu beurteilen. Es war immer ein schmaler Grat zwischen Resistenz und überlebensnotwendiger Anpassung in einer Diktatur.

  Wie erlebten die bayerischen Protestanten die letzten Jahre des Dritten Reiches?

Kittel: Viele Pfarrer hatten offenbar zumindest eine gewisse Ahnung vom Mord an den Juden und schrieben das auch auf - allerdings nur ins Tagebuch wie der Pfarrer von Roßtal, bei dem sich der Eintrag findet: »Seit vielen Jahren schlachten sie die Juden zu Tausenden.« Die zunehmenden Luftangriffe erklärten sie mitunter als Rechnung für den Vernichtungs-Antisemitismus. Es hat mich bei jüngsten Quellenstudien überrascht, wie kritisch sich Pfarrer ab 1943 auch in Predigten zu äußern wagten. Sie taten es allerdings meist in theologischen Formulierungen, die mehrdeutig waren und der Partei keinen Zugriff ermöglichten. Der Pfarrer von Veitsbronn betonte zum Beispiel gegenüber seiner Gemeinde, der Sieg sei unmöglich, »wenn der große Alliierte droben sich nicht zu uns schlägt«. Da wusste man schon, was gemeint war.

  Was haben die Protestanten aus der Katastrophe des Dritten Reiches gelernt?

Kittel: Die Kirche hat nach 1945 versucht, die Konfessionsgrenzen in der Politik überwinden zu helfen. Die gemeinsamen Erfahrungen unter dem Hakenkreuz haben das erleichtert. Dennoch war dies gerade auch in Westmittelfranken ein unendlich mühsamer Weg. Der Erfolg der CSU in Bayern basiert zu einem guten Teil hierauf. Überhaupt war die Gründung der Union als überkonfessioneller Partei nach dem Krieg für die Stabilität der Bundesrepublik enorm wichtig.

1945: Kriegsende - Zeitenwende

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BUCHTIPPS

Kriegsende in Franken

  Kunze, Karl: Kriegsende in Franken und der Kampf um Nürnberg im April 1945. Nürnberg 1995.

  Veeh, Helmut: Die Kriegsfurie über Franken 1945 und das Ende in den Alpen. Aub 1998.

  Jürgen Bertram, Das Drama von Brettheim. Ein Dorf am Ende des Zweiten Weltkrieges. Frankfurt/Main 2005.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Interview: thg

 


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abgerufen 09.02.2012 - 00:44 Uhr

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