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Dieser Artikel: Ausgabe 16/2005 vom 17.04.2005
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Vom Ende der Zeit

Kriegsende vor 60 Jahren: Drei fränkische Dorfszenen

Von Thomas Greif

Dresden, Würzburg, Berlin: Das infernalische Ende des Zweiten Weltkrieges hat im historischen Gedächtnis der Nation seine Ortsmarken. Doch die letzten Monate dieser größten aller Katastrophen trugen das Grauen bis in den entlegensten deutschen Hinterhof. Das gibt der realen und medialen Erinnerung in diesen Tagen ihre besondere Prägung.

Erinnerungen nach 60 Jahren: Frieda Beider, Hans Glück und Lina Büchler (von links) haben das Kriegsende in ihrem Heimtdorf Ulsenheim (bei Uffenheim) erlebt, das damals in großen Teilen zerstört wurde. Die beim Einsturz der Kirche geborstene Glocke steht seit 1955 als Mahnmal vor dem Eingangsportal.
Foto: Fechter
   Erinnerungen nach 60 Jahren: Frieda Beider, Hans Glück und Lina Büchler (von links) haben das Kriegsende in ihrem Heimtdorf Ulsenheim (bei Uffenheim) erlebt, das damals in großen Teilen zerstört wurde. Die beim Einsturz der Kirche geborstene Glocke steht seit 1955 als Mahnmal vor dem Eingangsportal.

Und so feiert in diesen Tagen jede Gemeinde in Bayern mit Gedenkgottesdiensten und Zeitzeugengesprächen ihr eigenes Kriegsende. Im unterfränkischen Miltenberg endete das selbst ernannte Tausendjährige Reich Hitlers bereits am 30. März 1945; am 4. Mai um 17 Uhr wehte auch über des »Führers« einstiger Bergfestung auf dem Obersalzberg die US-Flagge. Das Dritte Reich war mit ungeheurem Getöse untergegangen.

»Nichts blieb von der politischen Hybris, die Deutschland und später die ganze Welt in Atem gehalten hatte - nur Elend, Zerstörung, millionenfaches Leid«, schreibt der Historiker Norbert Frei. Drei Momentaufnahmen aus kleinen fränkischen Dörfern mögen stellvertretend das namenlose Entsetzen, aber auch die bizarre Endzeitstimmung des Aprils 1945 verdeutlichen.

Ulsenheim östlich von Uffenheim, Anfang April 1945.

Zweimal schon haben die im Dorf verbliebenen Einwohner in jüngster Zeit gespenstische Vorboten des nahenden Krieges erlebt. In der Nacht vom 2. auf 3. Januar erleuchtet das brennende Nürnberg den östlichen Nachthimmel. Am 17. März geht über der Ulsenheimer Flur ein feiner Regen verkohlter Papierfitzel nieder, die es aus dem zerstörten Würzburg hinüber bis in den mittelfränkischen Gollachgau weht.

Seit Tagen fluten deutsche Truppenverbände in kaum geordnetem Rückzug durch das Dorf. Tiefflieger machen jeden Gang durch die Flur lebensgefährlich. Die Konfirmation wird vorverlegt; zu ungewiss scheint die Zukunft.

Das Ende vor Augen: Versprengte deutsche Soldaten auf dem Rückzug durch die fränkische Schweiz bei Pretzfeld im April 1945.
Foto: Fechter
   Das Ende vor Augen: Versprengte deutsche Soldaten auf dem Rückzug durch die fränkische Schweiz bei Pretzfeld im April 1945.

Jeder im Dorf weiß, dass dieser Krieg, dessen Westfront inzwischen mitten durch Franken verläuft, nicht mehr zu gewinnen ist. Die Kommandeure der deutschen Truppen, vielfach SS-Verbände, wissen es wahrscheinlich auch. Aber für sie kann nicht sein, was nicht sein darf. Und so fahren auch hier deutsche Panzer vor, um den alliierten Vormarsch, dem die Wehrmacht von der Normandie bis nach Marktbreit nichts entgegenzusetzen hatte, ausgerechnet in Ulsenheim zu stoppen.

Am 10. April beginnt der amerikanische Artilleriebeschuss. Die ersten Scheunen brennen. Die meisten Bewohner flüchten in die Weinberge. Um das Dorf noch zu retten, müssten weiße Fahnen her. Doch stattdessen treffen weitere deutsche Verbände ein. Damit ist das Schicksal des Dorfes besiegelt. Am 12. April legt ein amerikanisches Fliegergeschwader ganz Ulsenheim mit Phosphorbomben in Brand. Fast der ganze Ort wird zerstört, auch die Kirche stürzt ein. Zu den elf Toten gehört auch Pfarrer Hans Dittmer, der bei einer Viehbergung helfen will. Ihn trifft bei der Rückkehr ins Pfarrhaus ein Granatsplitter.

Bild der Verwüstung: Die evangelische Kirche in Ulsenheim war im Sommer 1945 nur noch ein Trümmerhaufen.
Foto: Fechter
   Bild der Verwüstung: Die evangelische Kirche in Ulsenheim war im Sommer 1945 nur noch ein Trümmerhaufen.

Der spätere Bürgermeister Johann Rothkirch schreibt in seinen Erinnerungen: »Menschenleer, und von dem überall hell auflodernden knisternden Feuer erleuchtet war das Dorf. Angeschossenes und tödlich verwundetes Vieh trieb sich, vor Hunger und Schmerzen brüllend auf den Straßen herum. Ein Bild des Grauens überall.« Von den Weinbergen aus sieht Frieda Beider, damals 15, ihr Heimatdorf in einem einzigen Flammenmeer. »Dieses Bild verschwindet mir nie mehr aus dem Kopf«, sagt sie 60 Jahre später.

Ein SS-Mann, endlich auf dem Rückzug, hinterlässt eine letzte Rechtfertigung: »Ich hab zu Hause auch nix mehr, da kommt es auf so ein lumpertes Frankendorf auch nicht mehr an«. Auch auf Gollhofen und Herrnberchtheim kommt es in diesen Tagen nicht mehr an, auf Hellmitzheim und Nenzenheim, Dornheim, Aub, Weigenheim: Ein Dorf nach dem anderen geht dank Hitlers Hybris in Flammen auf. Das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht vermerkt einsilbig: »Ostwärts und südlich Würzburg örtliche Kämpfe.«

Als die Amerikaner endlich da sind, hängt in der Rummelsmühle nahe Ulsenheim David Guggenheimer eine weiße Fahne ans Fenster. Doch vor den sehnsüchtig erwarteten Feinden kommen zurückweichende SS-Männer an der Mühle vorbei. Der Müller wird erschossen, die Mühle niedergebrannt.

Doch das dauert: Kurz darauf haben die Amerikaner die SS-ler eingeholt. Wie praktisch, dass im deutschen Auto noch die weiße Fahne von der Rummelsmühle liegt.

Weigelshofen, 9. April 1945.

In dem kleinen oberfränkischen Dorf, ein paar Kilometer abseits der Hauptstraße von Bamberg nach Forchheim gelegen, herrscht selbst in diesen bewegten Tagen des dauerhaften Ausnahmezustandes ungläubiges Erstaunen. Vor dem Brauereigasthof Pfister fahren drei Omnibusse vor, denen gut 100 laut zeitgenössischen Quellen »wohlgenährte« Herren entsteigen. Im Marschgepäck befinden sich Wein, Konserven und Kaffee. Die Herren werden in Weigelshöfer Bauernhäusern einquartiert. Einmal täglich treffen sie sich mit ihrem Truppführer im Hof des Gasthauses. »Dort hat er sie auf den Endsieg eingeschworen«, erinnert sich Seniorchef Josef Pfister. Des Nachts vertilgen die seltsamen Gäste feucht-fröhlich ihre Vorräte.

Nach vier Tagen, drüben im Gollachgau stehen von vielen Dörfern nur noch Ruinen, meldet Gendarmeriekreisführer Heinrich Meyer an den Regierungspräsidenten in Ansbach: »Die Einquartierung löste in Weigelshofen und Umgebung erhebliche Gereiztheit aus, da nach den Äußerungen des Volksmundes ziemliche Lebensmittelvorräte mitgeführt werden und zusätzliche Verpflegung sowie je Tag 25 Liter Vollmilch und 25 Liter Magermilch geliefert werden müssen.« Am 13. April verlassen die Busse Weigelshofen wieder, um in der »Alpenfestung« zum Endsieg beizutragen. Zwei Tage später fährt ein amerikanischer Jeep durchs Dorf.

Die meisten Weigelshöfer erfahren erst später, welch prominenten Gast sie in den letzten Kriegsstunden beherbergt haben. Truppführer der Wohlgenährten ist kein Geringerer als Dr. Otto Hellmuth, Gauleiter und Regierungspräsident von Mainfranken, mit vormaligem Dienstsitz in dem, was von der Stadt Würzburg übrig ist.

Bevor er mit seinem Stab auf Fresstour gen Osten geht, hinterlässt er in seiner geschundenen Gauhauptstadt unter dem Leitsatz »Mainfranken, bewährt euch!« folgenden Aufruf: »Die Lage ist ernst, aber keineswegs hoffnungslos. Die Führung trifft alle Maßnahmen, die die Lage erfordert. Die Stunde unserer Bewährung ist gekommen! Wer nur eine Sekunde seine Pflicht vergisst, ist Verräter an der Sache des Volkes. Feiglinge sind rücksichtslos zu beseitigen. In unserem Herzen darf nur noch der Hass und der Wille zu entschlossenem Widerstand Platz haben!« Über Untermerzbach bei Ebern, Eggolsheim, Weigelshofen und Nürnberg gelangt Hellmuth nach Tirol.

Zwei Jahre lang kann er untertauchen, bis ihn US-Militärpolizisten unter dem Decknamen Hans Oster in Bremen aufspüren. Das später über ihn verhängte Todesurteil wird nicht vollstreckt; 1955 in die Freiheit entlassen, lebt Otto Hellmuth bis 1968 in Reutlingen.

Brettheim, 7. April 1945.

In den Morgenstunden marschieren vier Hitlerjungen durch das Dorf im hohenlohischen Franken, gut 15 Kilometer südöstlich von Rothenburg. Mit ihren Panzerfäusten sollen sie den Vormarsch der Amerikaner stoppen, die bereits die nahe gelegene »Kaiserstraße« in Richtung Crailsheim erreicht haben. Der Feuerwehrhauptmann Friedrich Hanselmann und der Gemeindediener Friedrich Uhl, die den Ernst der Lage für ihr Dorf erkannt haben, nehmen den Buben mit den Worten »Die Rotzbuben wollen noch verteidigen!« kurzerhand die Waffen ab und werfen sie in den Feuerlöschteich. Der vorlauteste Knabe bekommt von Hanselmann eine Ohrfeige.

Die Männer von Brettheim (von links): Friedrich Hanselmann ...
Foto: Museum Brettheim
   Die Männer von Brettheim (von links): Die Männer von Brettheim (von links): Friedrich Hanselmann ...

Am Abend bekommt SS-Gruppenführer Max Simon auf seinem Gefechtsstand im Schloss Schillingsfürst Wind von der Angelegenheit und befiehlt, die »Schweinerei von Brettheim« auszuräumen. Ein Rollkommando aus zwölf Gebirgsjägern wird nach Brettheim ausgesandt. 24 Stunden nach der Ohrfeige verurteilt ein Standgericht unter SS-Obersturmbannführer Friedrich Gottschalk Hanselmann zum Tode; Gemeindediener Uhl wird gewarnt und kann fliehen.

... Leonhard Wolfmeyer ...
Foto: Museum Brettheim
   ... Leonhard Wolfmeyer ...

Doch nun erfährt das Geschehen eine erneute tragische Zuspitzung. Das Urteil kann nicht vollstreckt werden, weil sich die beiden Beisitzer, Bürgermeister Leonhard Gackstatter und NS-Ortsgruppenleiter Leonhard Wolfmeyer, weigern, das Urteil zu unterzeichnen. Daraufhin lässt Gottschalk alle Beteiligten nach Rothenburg fahren, wo Hanselmann von einem anderen Standgericht ein zweites Mal zum Tode verurteilt wird. In einem weiteren Schnellverfahren, diesmal unter Vorsitz des SS-Gruppenführers Simon, wird auch über Gackstatter und Wolfmeyer das Todesurteil gesprochen.

... und Leonhard Gackstatter.
Foto: Museum Brettheim
   ... und Leonhard Gackstatter.

Am Abend des 11. April - in Weigelshofen hat das weinselige Gelage der unterfränkischen Gauleitung gerade seinen Höhepunkt erreicht - werden die drei im offenen Wagen nach Brettheim gefahren. Hanselmann sieht im Vorbeifahren im Hof seines Anwesens noch einmal seinen kleinen Sohn spielen. Auf der Friedhofsmauer sitzen Hitlerjungen und spielen Ziehharmonika. Unter ihrer bereitwilligen Mithilfe werden die Männer von Brettheim an den Linden vor dem Friedhof mit Feldtelefonkabeln erhängt. Vier Tage lang baumeln die Leichen auf Befehl der im Dorf zurückgebliebenen SS als grausige Mahnung für die aufgabewillige Bevölkerung. Nach der nächtlichen Beerdigung darf keine Blume die Gräber schmücken.

Am 17. April legen amerikanische Bomber Brettheim in Schutt und Asche. Die Standgerichtsurteile werden in mehreren Nachkriegsprozessen unter Hinweis auf die Gültigkeit des damaligen NS-Rechtes im Wesentlichen bestätigt.

* * *

Der unmenschliche Irrsinn des Frühlings vor 60 Jahren hat tiefe Spuren hinterlassen.

In einigen mittelfränkischen Dorfkirchen sind die Schrecken der letzten Kriegstage bis heute erlebbar. In Herrnberchtheim (Dekanat Uffenheim) stiftete der Schmied Leonhard Münz ein Glasfenster, das einen Schutzengel über der Kirche und dem brennenden Dorf zeigt.
Foto: Fechter
   In einigen mittelfränkischen Dorfkirchen sind die Schrecken der letzten Kriegstage bis heute erlebbar. In Herrnberchtheim (Dekanat Uffenheim) stiftete der Schmied Leonhard Münz ein Glasfenster, das einen Schutzengel über der Kirche und dem brennenden Dorf zeigt.

Zuvorderst in den Zeitzeugen, von denen viele in diesen Tagen wahrscheinlich zum letzten Mal bei einem runden Gedenken Gelegenheit finden, sich ihre Erlebnisse von der Seele zu reden - und von denen die meisten inzwischen verstanden haben, dass auch ihre schlimmste Not jener Tage noch von dem übertroffen wurde, was Menschen in Dachau oder Flossenbürg hatten aushalten müssen.

Spuren finden sich aber auch - abgesehen von manchmal martialisch geratenen Kriegerdenkmälern und dem auffälligen Fehlen alter Häuser - in den zerschossenen Dörfern: Vor der Ulsenheimer Kirche mahnt seit 50 Jahren auf einem Steinsockel der Torso einer im April 1945 zerbrochenen Glocke.

In Nenzenheim blieb bei der Wiedererrichtung der zerstörten Figurengruppe am Altar der Platz zur Rechten Christi leer - so wie auch in fast jedem Haus jemand fehlte.

In Nenzenheim (Dekanat Markt Einersheim) blieb beim Wiederaufbau der Kirche in einer Auferstehungsdarstellung der Platz zur Rechten Christi leer - Symbol für die schmerzhaften Lücken, die Tod und Kriegsgefangenschaft im Dorf hinterlassen hatten.
Foto: Fechter
   In Nenzenheim (Dekanat Markt Einersheim) blieb beim Wiederaufbau der Kirche in einer Auferstehungs- darstellung der Platz zur Rechten Christi leer - Symbol für die schmerzhaften Lücken, die Tod und Kriegsgefangenschaft im Dorf hinterlassen hatten.

In Brettheim mahnt seit 1992 gar eine eigene Erinnerungsstätte an das Geschehen im April 1945 (Internet:  www.brettheimmuseum. hohenlohe.net).

In Herrnberchtheim bei Uffenheim zeigt ein modernes Glasfenster einen Schutzengel über dem Kirchturm, dieweil das Dorf ringsum einem Flammenmeer gleicht. Gestiftet hat es der Dorfschmied Leonhard Münz, nachdem er bereits 1945 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war. Und auf dem Friedhof befindet sich ein Mahnmal für 28 deutsche Soldaten, die noch in den letzten Tagen eines unsinnigen Krieges beim Häuserkampf in Herrnberchtheim(!) ihr Leben für ein Verbrecher-Regime hingaben.

Die meisten von ihnen waren noch keine 25 Jahre alt.

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BUCHTIPPS

Kriegsende in Franken

  Kunze, Karl: Kriegsende in Franken und der Kampf um Nürnberg im April 1945. Nürnberg 1995.

  Veeh, Helmut: Die Kriegsfurie über Franken 1945 und das Ende in den Alpen. Aub 1998.

  Jürgen Bertram, Das Drama von Brettheim. Ein Dorf am Ende des Zweiten Weltkrieges. Frankfurt/Main 2005.

Thomas Greif

 


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abgerufen 09.02.2012 - 01:27 Uhr

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