Die tiefen Spuren der NS-Zeit
Verdrängtes wirkt in den Seelen der Nachfahren von Opfern und Tätern nach
Der Dachauer Psychotherapeut und Historiker Jürgen Müller-Hohagen zeigt, dass die Barbarei des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg weitaus stärkere Spuren im Seelenleben der Kriegsgeneration und ihrer Nachfahren hinterlassen haben, als gemeinhin angenommen wird.
 Foto:
dpa
 Bombennächte im Keller, Spielplatz Trümmerfeld: Bis in das Seelenleben der Enkel der Kriegsgeneration hallen die Erschütterungen der NS-Zeit nach.
|
17 Jahre nach Erscheinen seiner grundlegenden Analyse »Geschichte in uns: Seelische Auswirkungen bei den Nachkommen von NS-Tätern und Mitläufern« (Kösel-Verlag München, 1988) belegt der Dachauer Psychotherapeut und Zeithistoriker Jürgen Müller-Hohagen diese These in einer stark überarbeiteten Neufassung des Buches mit neuem Material und neuen Einsichten.
»Meer von Leid«
»Jenes Meer von Leid, das der Nationalsozialismus erzeugt und hinterlassen hat, ist nicht irgendwie entstanden, sondern es ist die Summe von unzähligen konkreten Handlungen von Menschen aus Fleisch und Blut, und dies wahrzunehmen, fällt auch Jahrzehnte später äußerst schwer und erzeugt großes Unbehagen«, sagt der heute 58-Jährige, der seit 1986 die Evangelische Erziehungs- und Familienberatungsstelle München Nord leitet. Seit 1982 lebt er in Dachau und ist dort im zeitgeschichtlichen Verein »Zum Beispiel Dachau« engagiert.
Bahnbrechend war seine Erkenntnis, dass seelische Schwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten vieler Kinder erst dann richtig gedeutet und therapiert werden können, wenn die Familiengeschichte einschließlich der Familiengeheimnisse und Tabuisierungen, die aus Täterschaft oder Opfer-Sein in der Nazizeit herrühren, durchschaubar wird. »Kinder mögen das Belastende im Leben ihrer Eltern und Großeltern nicht direkt miterlebt haben, und doch nehmen sie es von früh an äußerst sensibel wahr: wenn es um Leben oder Tod geht, wenn Wahrheit verschwiegen wird, wenn Gewalt beteiligt ist, wenn Eltern in ihrer Grundsicherheit erschüttert sind, wenn Verbrechen begangen wurden«, sagt Müller-Hohagen.
Vier Gruppen von Kindern und Enkeln macht der Psychologe aus, die das aus unterschiedlicher Betroffenheit stammende Seelenchaos in der Familie oft unbewusst aufgenommen haben und bisher nicht verarbeiten konnten: Nachfahren von Nazi-Verfolgten, von Mitgliedern des Widerstands, von Opfern von Flucht, Bombenkrieg und Vergewaltigungen und Nachfahren von Tätern.
Quälende Zustände können in den Gruppen ähnlich sein, sagt Müller-Hohagen, aber an einer wirklichen Erhellung des Hintergrunds komme man im therapeutischen Prozess nicht herum. »Für Kinder macht es einen fundamentalen Unterschied - auch wenn sie es nicht direkt aussprechen -, ob sie von Eltern in die Welt gesetzt wurden, die selber oder deren Eltern oder Verwandte vernichtet werden sollten, oder ob die eigenen Vorfahren wie auch immer am Vernichten beteiligt waren oder es letzten Endes gebilligt haben.« Das Gebot zu schweigen oder nicht zu fragen, sei bei Kindern und Enkeln der Tätergruppe oft durch konkrete Bedrohungen eingefordert worden.
»Viele NS-Täter und Tatbeteiligte haben nach 1945 dort weitergemacht, wo es gefahrlos ging, nämlich besonders im Schoß der Familie«, weiß der Therapeut. »Viele von ihnen hatten es heraus, sich durch Biederkeit, Wohlanständigkeit, Vorbildlichkeit und dergleichen nach außen und vor sich selber zu tarnen.
Kinder waren ihnen ausgeliefert und wurden - erst recht, wenn sie sich zu wehren versuchten - für verrückt erklärt oder tödlich bedroht.« | BUCHTIPP
Jürgen Müller-Hohagen: Verleugnet, verdrängt, verschwiegen. Seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und Wege zu ihrer Überwindung. Kösel-Verlag München, 2005. 328 Seiten, 19,95 Euro. ISBN 3-466-30686-8.
Weitere Artikel zu den letzten Jahren und Monaten des NS-Regimes sowie Lesererinnerungen an das Kriegsende finden Sie » hier...
 |