Die Toten und der Brandgeruch
»Es kommen jetzt so viele Erinnerungen wieder hoch«
Mich wühlen die Kriegserinnerungen zurzeit sehr auf. Ich höre und lese so viele Berichte über die letzten Kriegsmonate und das Ende - und immer denke ich mir: Fragt doch auch mal die, die damals Kinder waren!
Ich war bei Kriegsende zehn Jahre alt; unsere Stadt wurde kurz vor Schluss noch einmal stark bombardiert. Wir wohnten in der Innenstadt, viele meiner Schulfreundinnen sind damals umgekommen.
Ich erinnere mich, wie ich am Morgen nach dem großen Bombenangriff durch die Straßen ging und plötzlich in einer Reihe von Toten eine Klassenkameradin liegen sah. Zuvor hatte ich die ganze Nacht mit meiner Mutter und meinen beiden jüngeren Brüdern im Keller verbracht. Bis heute ertrage ich es nur schwer, wenn ich lange in geschlossenen Räumen sein muss.
Zusätzlich kommen jetzt in der letzten Zeit so viele Erinnerungen wieder hoch. Manchmal denke ich, ich kann den Brandgeruch wieder riechen, der damals über der Stadt hing.
Frau R. (70)
Die Generation der Kriegskinder, zu der Sie gehören, gilt heute als tüchtig, robust und dynamisch; im Frieden aufgewachsen, hat sie unendlich viel geleistet und sich selten erlaubt, zurückzuschauen.
Viele haben ein engagiertes und erfolgreiches Berufsleben hinter sich. Es bleibt nicht viel Raum, das Kind in sich selbst zu befragen. Nun bringt das Alter noch einmal neue Freiräume. Das ist, glaube ich, eine Chance, sich das als Kind Erlebte noch einmal bewusst zu machen. Sie tun das in Ihrem Brief - und viele andere Menschen in Ihrem Alter tun es, indem sie die Gedenktage in diesem Jahr zum Anlass nehmen, von ihren Erfahrungen und Erinnerungen zu erzählen.
Das, was Sie schreiben, macht aber deutlich, dass es nicht nur um Erinnerungen geht, für die es Worte gibt. Es geht auch darum, die Erinnerungen, die der Körper »gespeichert hat, wahrzunehmen.
Das ist ja das Aufwühlende, dass ganz andere und viel tiefere Erinnerungsspuren plötzlich sich nach oben drängen, Erinnerungen, für die das Kind keine Worte hatte, die sich ihm aber unauslöschlich eingeprägt haben.
Wer heute die über Sechzigjährigen nach den Alltagserfahrungen fragt, die sie als Kinder gemacht haben, wer ihnen gut zuhört, der fragt damit zugleich auch das Kind in ihnen. Dabei geht es nicht immer nur um Reden. Vielleicht ist es gut, einfach nur Bilder anzuschauen oder sich noch einmal auf den Weg zu machen durch die Stadt und an die Kindheitsorte, die zerstörten und wieder aufgebauten.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht nur die Kriegskinder sind, die jetzt allmählich spüren, wie wichtig das ist - es sind auch die, die Gott sei Dank keinen Krieg erlebt haben, Jüngere und Junge, die anfangen sich zu interessieren für die lebendigen Geschichten rings um sie herum. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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