Nicht religiös, aber christlich
Renate Bethge, Nichte von Dietrich Bonhoeffer, ist stolz auf ihre Familientradition
So entscheidend war er für mich sicher nicht«, sagt die 79-jährige Renate Bethge. Die Rede ist von ihrem Onkel, dem Widerstandskämpfer und weltberühmten Theologen Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April vor 60 Jahren im KZ Flossenbürg umgebracht worden ist.
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Katja Illner
 »Über Religion sprach man nicht«: Renate Bethge.
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Für Theologie habe sie sich nicht so interessiert. Ihr Interesse galt mehr den Naturwissenschaften und der Musik: Renate Bethge spielt immer noch Klavier. Und Widerstandskämpfer gab es mehr als einen in ihrer Familie: Ihr Vater und drei ihrer Onkel wurden in den letzten Tagen des Nazi-Regimes umgebracht, weil sie an der Verschwörung gegen Hitler beteiligt waren. »Was er gehabt hat, das kam schon von seinen Eltern. Er und ich, wir waren beide Teil dieses Geistes.«
Dieser Geist der Familie weht immer noch in der geräumigen Wohnung von Renate Bethge in Villiprott, einem schicken Wohnort südlich von Bonn: Familienmitglieder sieht man auf Fotos und Gemälden an der Wand, von den Stilmöbeln sind einige noch aus dem Elternhaus. Nur der schwarze Flügel ist nicht der von den Hausmusiken der Kindheit.
Dieser Geist der Familie Bonhoeffer war der Geist eines selbstbewussten Großbürgertums. Ihr Großvater, der Vater von Dietrich Bonhoeffer, war Psychiatrie-Professor an der Berliner Charité. Ihr Vater Rüdiger Schleicher arbeitete als leitender Jurist im Luftfahrtministerium; später als Professor an der Berliner Universität.
Die Familie gehörte zur Elite des Landes und war sich dieses Standes durchaus bewusst. Dazu gehörte auch ein bestimmtes Ethos: Man fühlte sich verantwortlich für sein Land und für die Schwächeren. »Wir waren nicht religiös, aber unbedingt christlich«, nennt es Renate Bethge.
Über Religion sprach man nicht, Gefühle zeigte man eher in einer vorsichtigen, temperierten Form, zum Beispiel beim Musizieren. Zur Hausmusik kam auch ein Freund ihres Onkels Dietrich: Der Pastor Eberhard Bethge, der sehr gut Querflöte spielte. »Du musst den Pfarrer Bethge nicht immer zur Tür begleiten«, ermahnte der Vater die Teenagerin. »Das muss ihm unangenehm sein.« Renate gab selbstbewusst zurück: »Das ist ihm aber gar nicht unangenehm.« Das war dem Vater dann freilich auch nicht recht. Aber bevor die Tochter nach dem Abitur zum Kriegshilfsdienst eingezogen wurde, schien die Heirat mit dem Pastor doch das kleinere Übel. So heiratete die 17-jährige Renate den 16 Jahre älteren Eberhard Bethge im Mai 1943.
Später wurden ihr Vater und ihr Mann inhaftiert - ihnen drohte der Tod. Die Familie war in Berlin zudem durch Bombardierungen in Gefahr. In dieser Situation versorgte sie ihr erstes Kind. »Dass man Angst hatte, war klar. Aber darüber brauchte man nicht zu sprechen.« Haltung bewahren und das Notwendige tun - »so hatte man zu sein«. Renate Bethge ging mit ihrer Tante Emmi jeden Tag zum Gefängnis und gab dort warmes Essen für die gefangenen Familienmitglieder ab.
Ihr Mann wurde nach dem Krieg weltberühmt als Freund Dietrich Bonhoeffers. Er gab die Briefe, die Dietrich ihm und der Familie aus der Haft geschrieben hatte, heraus. Das Buch wurde eines der einflussreichsten theologischen Werke des 20. Jahrhunderts, und Eberhard Bethge wurde zum Kristallisationspunkt der Bonhoeffer-Forschung.
Und seine Frau? Nach dem Krieg war nicht an ein Studium zu denken, Familie und Wiederaufbau mussten gemanagt werden. Sie brachte zwei weitere Kinder zur Welt, lebte mit der Familie erst in Berlin, dann in London.
Später wohnte die Familie in Rengsdorf, wo ihr Mann das Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche im Rheinland leitete. Von dort aus studierte sie noch Psychologie. Und der berühmte Onkel Dietrich Bonhoeffer, spielte der keine Rolle in ihrem Leben? Als er ihr zur Hochzeit schrieb, dass ihr Ort nun das Haus ihres Mannes sein solle, da habe sie das schon damals nicht verstehen können. Vielleicht sei das etwas gewesen, was er im Namen der Kirche so sagen musste, überlegt sie.
Wenn Bonhoeffer-Forscher sie immer wieder fragen, von welchen Theologen ihr Onkel wohl beeinflusst gewesen sei, sagt sie: »Nein, das kann man nicht alles auf Karl Barth oder andere Theologen zurückführen. Vieles kommt schon direkt aus der Familie.« Für ihr eigenes Lebensmotto fasst sie diesen Geist so zusammen: »Nächstenliebe ist wichtig, und auch Verantwortung für das, was um einen herum ist.« Diese Familientradition macht sie selbstbewusst und stolz - auch gegenüber dem berühmten Onkel.
Renate Bethge hat eine kleine Bildbiografie über ihren Onkel geschrieben: Dietrich Bonhoeffer. Eine Skizze seines Lebens, Gütersloher Verlagshaus 2004, 88 Seiten, 12,95 Euro
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