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Dieser Artikel: Ausgabe 13/2005 vom 27.03.2005
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Augustinus ante portas

Wilfried Hillers »Augustinus« in München uraufgeführt


Ein »klingendes Mosaik« zwischen Kirchenoper und Oratorium: Musikgeschichte in der Münchner Lukaskirche.

Der Dirigent als »Klangkoordinator«: Arnold Mehl (links), daneben Komponist Wilfried Hiller und rechts Winfried Böhm, von dem das Libretto zur Kirchenoper »Augustinus« stammt.
Foto: Springer
   Der Dirigent als »Klangkoordinator«: Arnold Mehl (links), daneben Komponist Wilfried Hiller und rechts Winfried Böhm, von dem das Libretto zur Kirchenoper »Augustinus« stammt.

Unübersichtlichkeit steht am Anfang, Krieg, Pluralität der Götter, Sittenverfall und Wollust: Aus der Tiefe des Kirchenraums verkündet der Chor die Gesänge des alten, heidnischen Roms: »Magni sunt dei tui! - Groß sind deine Götter.« Krieg, Handel, Gaumengenüsse, Venus, Bacchus und Orgasmus beschwört man. Parallelen zur Gegenwart sind weder von der Hand zu weisen, noch unbeabsichtigt.

Rom wird bald untergehen und einer, der mit seiner Biografie für den Beginn des neuen, christlichen Roms steht, ist der Kirchenvater Augustinus (354-430), um den es in Wilfried Hillers Kirchenoper geht. Am vergangenen Wochenende wurde sie in der fast bis auf den letzten Platz besetzten Münchner St. Lukaskirche uraufgeführt.

Raumfüllendes Klanggewebe

Geboren im nordafrikanischen Thagaste, die Mutter Monika strenge Christin, der Vater noch Verehrer der alten Götter, umfassend antik ausgebildet, ein verlotterter Student, der mit seiner Geliebten einen Sohn hatte - das ist das Vorleben des späteren Heiligen.

Augustinus war Rhetorikprofessor in Mailand, als Ambrosius dort Bischof war. Hier erlebt er eine radikale Lebenswende, bekehrt sich (unter nicht unerheblichem Einfluss seiner Mutter), trennt sich von seiner langjährigen Geliebten, lässt sich taufen, wird Bischof in Hippo im heutigen Algerien und schließlich einer der bedeutendsten Lehrer der Kirche. Er stirbt, als um ihn he­rum die alte Welt Roms unter dem Ansturm der Vandalen zusammenbricht.

Aus sieben »klingenden Mosaiksteinen« setzt sich das musikalische Bild zusammen, das Komponist Wilfried Hiller und sein Librettist Winfried Böhm von Augustinus zeichnen - es entsteht ein Werk zwischen Kirchenoper und Oratorium. Augustinus selbst kommt dabei als Person überhaupt nicht vor. Seine Gedanken und inneren Bewegungen bringt eine Vokalgruppe von sechs Männerstimmen, die »Voces« (brilliant: die Münchner Singphoniker) zum Klingen. Drei Sopranstimmen verkörpern drei Augustinus nahe stehende Menschen: seine Geliebte, die bei Hiller »Stella« heißt (Ruth Ingeborg Ohlmann), ihr gemeinsamer Sohn »Adeodatus« (Knabensopran: Dominik Manz) und seine Mutter »Monnica« (Regina Klepper). Ein im gesamten Kirchenraum in Gruppen verteilter Chor übernimmt die Rolle des »draußen«, der Umwelt. Mit Flöte, Violine, Zither und Harfe sparsam instrumentiert, dafür mit einem umfangreichen Schlag- und Klangzeug - Pauken, Weingläser, Glockenspielen, Ratschen, Zimbeln, Hölzer und Muscheln -, entsteht für eineinhalb Stunden ein Klanggewebe, das bewusst den ganzen Raum einbezieht und die Lukaskirche mit einem Zauber erfüllt, dem man sich nicht entziehen kann. Lange hallt nach, wie der Knabe Adeo­datus seine stählernen Klangspitzen gegen die Philosophie der Antike in den Raum stößt: »Ihr sammelt nur Tropfen.«

Wilfried Hiller, der in unmittelbarer Nachbarschaft zu Münchens größter evangelischer Kirche wohnt, ist derzeit wohl der meistgespielte lebende deutsche Bühnenkomponist. Musikalisch stark beeinflusst hat den 1941 geborenen Komponisten und Musikredakteur beim Bayerischen Rundfunk das Werk Carl Orffs, mit dem Hiller bis zu dessen Tod 1982 eng zusammenarbeitete. Auch mit dem 1995 gestorbenen Michael Ende hat Hiller zusammengearbeitet. Dessen »Goggolori« gehört zu Hillers erfolgreichsten Werken.

Die Modernität Augustins, so Winfried Böhm, der Verfasser des Librettos, liege in dessen »Entdeckung der inneren Wirklichkeit« des Menschen. Gerade wenn man seine Bekehrung als eine solche Umkehr »von der Welt draußen in die Welt drinnen« deute, sei Augustinus auch nicht gläubigen Menschen heute verständlich.

Ergebung in Gott

Eine »aktuelle Annäherung« an den Kirchenvater haben sich die Auftraggeber der Komposition - die Münchner Augustiner-Brauerei und das evangelische Sozialunternehmen Augustinum - erhofft. Fraglich, ob dies gelungen ist, angesichts des lateinlastigen und wegen der Stimmhöhe weitgehend unverständlichen Librettos, das mit assoziativen Fragmenten aus Augustins Leben arbeitet und die Nasen der Zuhörer ins Textbuch drückt.

Am Ende, im Angesicht des ewigen Gottes verstummt auch die lobende Musik und das bekennende Wort. Es bleibt die Gebärde, eine Geste der Ergebung in Gott.

Doch was der Chor zuvor an Imperialismuskritik äußerte, wirkt angesichts des auch um Öl geführten Irak-Kriegs frappierend aktuell: »Fehlen Liebe und Gerechtigkeit, und herrschen Habgier und Rachsucht, was sind dann Staaten anderes als große Räuberbanden?«

Das mag dann zu dem beunruhigenden und so vielleicht nicht beabsichtigten Gedanken führen: Auch unsere Zeit kennt eine Religion, die die westlich-kapitalistische Globalisierung, die den vermeintlichen Sittenverfall und die moralische Entleerung des christlich geprägten Westens kritisiert - mit einem radikalen und teils gewalttätigen Verweis auf Gott. Das Wort für Ergebung, Unterwerfung unter den Willen Gottes ist dort, wo Augustin vor 1600 Jahren geboren wurde, heute ein arabisches Wort, das nördlich des römischen »mare nostrum« viele fürchten. Es heißt: Islam.

Markus Springer

 


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abgerufen 09.02.2010 - 05:52 Uhr

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